Nutzt die Gunst der Stunde: Leo Keller. Bild: WireImage
Man kann nicht behaupten, Claude Longchamps Umfrage zur Minarett-Initiative habe den Ausgang der Abstimmung punktgenau vorausgesagt. In seiner Umfrage sprachen sich 37 Prozent für ein Minarettverbot aus, an der Urne waren es dann 57 Prozent.
Nach diesem Fehlschlag von Longchamps GfS Bern trumpft jetzt Leo Keller mit einer Auswertung von Internetforen auf. Mit seiner Firma Blue Ocean verfolgt er hauptsächlich für Unternehmen Diskurse und die Meinungsbildung im Internet. 2500 deutschsprachige Internetforen hat er seit Januar 2009 untersucht. In rund 124 davon fanden sich Diskussionen um die Minarett-Initiative. «Von den insgesamt 954 analysierten Postings waren 681 eindeutig dem Pro- oder Contra-Lager zuordenbar», sagt Keller. Davon haben sich 55 Prozent für ein Minarettverbot ausgesprochen, 45 Prozent dagegen. Das Resultat liegt also nur um zwei Prozent neben dem Abstimmungsergebnis.
Anonym die Wahrheit sagen
Die Verlaufsanalyse zeigt laut Keller, dass von Anfang Oktober bis zur Abstimmung die Menge der Postings rasant zugenommen hat. In diesem Zeitraum hätten auch die Einträge der Befürworter diejenigen der Gegner zahlenmässig erstmals stark übertroffen.
Der Vorteil der Internetauswertung sei, so Keller, «dass die Menschen ihre Meinung im Internet ungeschminkt äussern – auch dank der Anonymität». Bei Telefonumfragen hingegen sagen die Leute oft, was der Interviewer ihrer Meinung nach hören will. Wenn sie das Gefühl haben, ihre Meinung sei politisch unkorrekt oder werde als verwerflich angesehen, flunkert ein Teil der Befragten. Keller hält daher die passive Beobachtung von Diskussionen vor Abstimmungen für sinnvoll – «besonders bei Scham- und Tabuthemen».
Erst im Nachhinein analysiert
Claude Longchamp selber wollte sich zum Thema nicht mehr äussern. Lukas Golder, Mitglied der Geschäftsleitung von GfS Bern, begrüsst Kellers Anstrengungen aber: «Alles, was die Forschung weiterbringt, ist für uns interessant.» Die Verknüpfung von Mediendaten und Umfrageergebnissen habe auch GfS Bern schon betrieben. So bei der EWR-Abstimmung 1992 und der Uno-Abstimmung zehn Jahre später. Allerdings müsse die Medienbeobachtung ihre Aussagekraft erst noch beweisen.
«Der Mehrwert als Konkurrenzmethode sollte auf Basis von mehreren Abstimmungen vorgebracht werden», sagt Golder und erlaubt sich auch gleich noch einen Seitenhieb auf Kellers Untersuchung: «Wie bei Umfragen auch, haben aber nur jene Instrumente einen Wert zur Klärung der Meinungsbildung, die im Voraus publiziert werden.» Keller hat dagegen die Auswertung der Forumsbeiträge erst letzte Woche abgeschlossen.
(Tages-Anzeiger)