«Munition und Waffen für die Guten»

Von Patrick Feuz, Wimmis. Aktualisiert am 03.11.2009
In den Augen der GSoA betreibt die Nitrochemie das «Geschäft mit dem Tod». Fabrikdirektor Beat Steuri hat kein schlechtes Gewissen. Zur Ethik eines Schiesspulver-Herstellers im Berner Oberland.
topelement Hat nie ein schlechtes Gewissen gehabt: Beat Steuri ist seit 1980 für die Nitrochemie tätig.
Die zylinderförmigen Tanks erinnern an eine Bierbrauerei. Durch die vielen Rohre in der Fabrik in Wimmis bei Spiez fliesst aber kein Bier. Auf dem weitläufigen Areal der Nitrochemie entsteht aus Baumwollfasern und einer Mischung aus Schwefel- und Salpetersäure Schiesspulver. Dieses landet später in Pistolen- und Gewehrpatronen, Artilleriegeschossen und Mörserladungen des deutschen Mutterkonzerns Rheinmetall, der Schweizer Ruag und anderer Kunden. Soldaten und Polizisten in aller Welt laden mit dieser Munition ihre Waffen.

Kein Handlanger des Todes

Mit dem Exportverbot für Kriegsmaterial, das am 29. November vors Volk kommt, will die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) erreichen, «dass keine unschuldigen Menschen mehr durch Schweizer Waffen getötet werden». So tönt professionelle, bewusst emotionale Abstimmungspropaganda. Denn niemand steht gerne als Handlanger des Todes da. Auch Nitrochemie-Chef Beat Steuri nicht. «Glauben Sie mir, ich bin ein sehr feinfühliger Mensch», betont er.

Steuri ist seit 1980 für die Nitrochemie tätig und hat nie ein schlechtes Gewissen, wenn er morgens zur Arbeit fährt. Sein Blick auf die Welt erlaubt es ihm, sich als Nitrochemie-Chef wohlzufühlen in seiner Haut. «Es gibt böse und gute Menschen. Ungeschützt können sich die Guten nicht wehren», sagt Steuri beim Fabrikrundgang. Er habe im Duden den Begriff Ethik nachgeschlagen. Ethik werde auf unterschiedliche Weise definiert, es gebe auch eine Ethik, die sage: «Wir müssen Soldaten Waffen geben, damit sie sich verteidigen können.» So gesehen sind die in Wimmis hergestellten Munitionsbestandteile kein anrüchiges «Geschäft mit dem Tod», sondern ein sinnvoller Beitrag zu einer guten Sache.

Wer sind die Guten, wer die Bösen?

Schweizer Waffen und Munition gelangen aber auch in Länder, wo nicht immer klar ist, wer die Guten und wer die Bösen sind. In Saudiarabien oder Ägypten etwa treten Sicherheitskräfte die Menschenrechte mit Füssen. «Wir können nicht beeinflussen, was mit der Munition passiert. Richtet jemand Schlimmes damit an, müssen nicht wir das verantworten.» Steuri schafft zwischen Produktion und Verwendung und damit zwischen Wimmis und der Welt eine entlastende Distanz. Dass mit Pulver der Nitrochemie gefüllte Patronen «unrechtmässig» verwendet werden könnten, sieht er als «Restrisiko». Er vertraut auf das Gesetz und die schweizerische Bewilligungspraxis für Kriegsmaterialexporte, die europaweit die strengste sei. Die Nitrochemie habe auch schon abschlägigen Bescheid auf Voranfragen erhalten. «Das ist in Ordnung.»

Der Schiesspulver-Produzent legt Wert auf die «Dimensionen» der Schweizer Kriegsmaterialausfuhr: Hauptkunden der Nitrochemie seien im letzten Jahr Deutschland, Norwegen, Schweden, Frankreich, Holland, England und die USA gewesen – alles «vertrauenswürdige Länder». Wälzt die GSoA konkrete Missbrauchsfälle aus, um Dramatik zu schaffen, so lenkt Steuri den Blick aufs Ganze, um stossende Fälle zu relativieren.

Dabei bleibt der Nitrochemie-Chef stets zuvorkommend. Sein Talent für den Abstimmungskampf ist der Rüstungsbranche nicht verborgen geblieben. Bei Medienanfragen wird Steuri auffällig oft als Gesprächspartner angegeben: Er ist auf alle Fragen vorbereitet, pariert häufig mit einem träfen Spruch.

Kampf für Arbeitsplätze

Wenn die GSoA kritisiert, dass Deutschland und die USA in Afghanistan und im Irak Schweizer Waffen und Munition einsetzen, sagt er: «Herr Obama hat kürzlich den Friedensnobelpreis erhalten. Wir stehen also auf der Seite der Guten.» Erhebt die GSoA die Stimme im Namen «der unschuldigen Opfer», so spricht Steuri in demjenigen «der 200 Mitarbeiter, deren Familien dank der Nitrochemie ein Auskommen haben». Auch dies sei ein «Faktor der Ethik».

90 Prozent des in Wimmis hergestellten Schiesspulvers wird für Munition verwendet – mit einem Exportverbot müsste die Fabrik schliessen. Vor ein paar Jahren sei er am 6. Dezember in der Region Wimmis bei einer um ihr Überleben bangenden Firma eingeladen gewesen, erzählt Steuri. Das Samichlaus-Essen für die Familien der Mitarbeiter werde er nie vergessen. «Noch heute sehe ich das Leuchten der Kerzen in den Kinderaugen, so lohnt es sich, für die Arbeitsplätze zu kämpfen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2009, 04:00 Uhr

Ruag warnt vor massivem Stellenabbau

Der Schweizer Technologiekonzern Ruag rechnet mit massiven Auswirkungen auf das Unternehmen, wenn das Schweizervolk am 29. November die GSoA-Initiative für ein Verbot von Kriegsmaterialexporten annimmt. Bis zu 2000 Stellen müssten in diesem Fall gestrichen werden. Bei einem Ja zur Initiative stünde auch die Stellung der Ruag als international vernetzter Technologiepartner der Schweizer Armee und damit die Sicherheit und Unabhängigkeit des Landes auf dem Spiel, heisst es in einer Mitteilung vom Montag.

1500 Arbeitsplätze verschwänden im Bereich Wehrtechnik, betont der Konzern mit Sitz in Bern. Bis zu 500 Stellen in den zivilen Bereichen gingen verloren, weil vor allem internationale Grosskunden aus der Luftfahrtindustrie nach Annahme der Initiative der Ruag keine Aufträge mehr vergeben würden. Das sei absehbar.

Bern und das Berner Oberland müssten sich auf einen Verlust von 900 Arbeitsplätzen gefasst machen, die Zentralschweiz mit den Standorten Emmen und Stans, das Tessin (Werk Lodrino) und Genf auf einen Verlust von 600 Arbeitsplätzen.

Den heutigen Luft- und Raumfahrt- sowie Sicherheits- und Wehrtechnikkonzern mit weltweit 7000 Mitarbeitenden von heute auf morgen rein auf die Produktion ziviler Güter einzustellen, sei nicht möglich. Zehn Jahre habe es gedauert, bis das zivile Geschäft bei den früheren Rüstungsbetrieben des Bundes 50 Prozent des Umsatzes generiert habe. Ein grosser Teil dieses Zuwachses sei durch Firmenzukäufe erfolgt. (SDA)

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