Neue Blocher-Biografie blendet den Abstieg des «rechten Revolutionärs» aus

Von Iwan Städler . Aktualisiert am 12.02.2009
Der stellvertretende Chefredaktor der «Weltwoche» hat ein dickes Buch über Christoph Blocher verfasst. Dennoch fehlt auf den 530 Seiten erstaunlich viel.

Über keinen Schweizer Politiker wurde in den letzten Jahren mehr geschrieben als über Christoph Blocher. Auch mehrere Biografen haben schon versucht, sich ihm zu nähern. Heute kommt ein weiteres Buch über den Jahrhundertpolitiker in den Handel – geschrieben von einem Journalisten, der Blocher besonders nahe steht. Markus Somm, stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche», ist per du mit dem abgewählten Bundesrat und steht ihm auch politisch sehr nahe.

Man freut sich also darauf, endlich zu erfahren, wie stark Christoph Blocher die Abwahl aus der Landesregierung wirklich getroffen hat. Und man ist gespannt, wie er seine eigene Leistung als Strategiechef der SVP einschätzt. Doch gerade dies erfährt man nicht: Blochers Wirken nach der Abwahl bleibt im 530 Seiten dicken Buch so gut wie unerwähnt. Kein Wort über das Hin und Her bei der Personenfreizügigkeit, kein Wort über seine unkonzentrierten Auftritte, kein Wort über den Aufstand in der SVP-Fraktion und kein Wort darüber, dass Blocher der Spagat zwischen der liberalen Wirtschaftspolitik und der nationalkonservativen Ausländer- und Europapolitik immer weniger gelingt.

Karriere mit Beschwerde gestartet

Im Vorwort deutet Somm zwar an, Blocher sei nach der Abwahl «durch das Tal der Tränen» gegangen. Doch ausgeführt wird dieser Gang nirgends. Stattdessen schreibt der Autor im Nachwort: «Es war sicher kein einfaches Jahr für Christoph Blocher – und da ich ahnte, dass er auch dies abstreiten würde, habe ich ihn gar nicht erst gefragt.»

Umso eindrücklicher beschreibt Somm Blochers Aufstieg. Anschaulich erläutert er dessen Karriere als Nationalrat, Oberst und Unternehmer – und verknüpft sie mit der politischen Geschichte der Schweiz in den letzten 30 Jahren. So erfahren die Leser nebenbei auch viel Interessantes über den Freisinn und dessen Niedergang.

Begonnen hat Blochers politische Karriere am Nationalfeiertag 1969 – per Zufall. Der 28-Jährige war soeben mit seiner hochschwangeren Frau Silvia nach Meilen gezogen und starrte ins 1.-August-Feuer. «Schön habt ihr es da oben!», sagte er zum Bauern, der neben ihm stand. Worauf ihm dieser erzählte, Alusuisse wolle das Plateau überbauen. Blocher war entsetzt und lancierte seine erste Kampagne.

Er gab sich auch nicht geschlagen, als er an der Gemeindeversammlung verlor. Stattdessen beschwerten sich die Überbauungs-Gegner beim Zürcher Regierungsrat, der dann von der Gemeinde eine Urnenabstimmung verlangte. Die Sache versandete schliesslich, weil Alusuisse das Interesse verlor. Blocher hat seinen ersten politischen Sieg also dadurch errungen, dass er einen «demokratisch gefällten Entscheid» einer Gemeindeversammlung nicht akzeptierte und vom Beschwerderecht Gebrauch machte.

Interessant ist auch, wie Blocher zur SVP kam. Die Meilemer Parteien erkannten sein Polittalent schnell und bemühten sich um ihn. Blocher überlegte sich erst, dem Freisinn beizutreten. Doch dann kam seine Bezugsperson in der FDP bei einem Zugsunglück ums Leben, worauf Blocher sich für die SVP entschied. Ansonsten wäre die Schweizer Geschichte wohl anders verlaufen.

Den Sonderfall verlängert

In verständlicher, attraktiver Sprache zeigt Somm, wie Blocher die Zürcher SVP nach der Übernahme des Präsidiums im Jahr 1977 zum Erfolg führte. Ganz Unternehmer, baute Blocher die Partei zur effizientesten Politmaschine des Landes um – mit Dauerwahlkampf, Buure-Zmorge, Albisgüetli-Auftritten, intensiver Schulung und provokativen Plakaten. Derart professionell geführt, stieg der Wähleranteil der SVP Zürich von 11 auf 34 Prozent. Und der Erfolg wurde landesweit kopiert.

Somm bezeichnet Blocher als «konservativen Revolutionär», der «den Sonderfall mit Sicherheit um eine Generation verlängert» habe. Zentral war dabei das Nein zum EWR, das Blocher 1992 mehr oder weniger im Alleingang errang. Dank seiner Europa- und Ausländerpolitik gelang es ihm auch, Konservative aus der FDP und der CVP für seine SVP zu gewinnen.

Von wem hat Blocher seinen Auftrag?

Die phänomenalen Wahlerfolge verhalfen Blocher schliesslich in den Bundesrat – wenn auch nur für vier Jahre. Sein Wirken während dieser Zeit wird im Buch ziemlich unkritisch abgehandelt. Während Somm Blocher über weite Strecken glorifiziert, beschreibt er die übrigen Bundesräte fast ausschliesslich negativ und wird damit weder dem einen noch den anderen gerecht.

Überhaupt fehlt über weite Strecken die kritische Distanz zu Blocher. Gleichzeitig kommt ihm Somm auch nicht richtig nahe. Was treibt diesen Mann an? Was empfindet er? Von wem hat er seinen Auftrag? Die 530 Seiten lassen keinen Blick in sein Inneres zu. Bezeichnenderweise schliesst Somm mit den Worten: «Blocher ist der Mann, den man gut kennt, aber nie kennen gelernt hat.»

Markus Somm: Christoph Blocher, Der konservative Revolutionär, 528 Seiten, illustriert, Appenzeller Verlag, 48 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2009, 23:59 Uhr

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