«Wenn schon, müsste sich Qadhafi entschuldigen»

Von Martin A. Senn . Aktualisiert am 28.08.2009
Die Libyen-Affäre habe klar gezeigt, dass die Schweiz schlecht gerüstet sei für den Umgang mit anderen Kulturen, glaubt der Genfer Arabist Hasni Abidi.
Hans-Rudolf Merz und der libysche Premierminister Baghdadi Mahmudi: Entschuldigung im Namen der Schweiz. Bild: WireImage Foto: AP

Herr Abidi, Sie sind überzeugt, dass die Schweizer Geiseln in Tripolis noch vor dem 1. September freigelassen werden. Worauf gründet Ihre Zuversicht?
Weil Qadhafi zeigen will, dass er den Zeitplan selber bestimmt. Je länger er bis zum 1. September zugewartet hätte, desto mehr hätte er sich dem Terminplan angenähert, den die Schweiz mit seiner Regierung ausgehandelt hat. Das macht Qadhafi nicht. Er will klarmachen, dass die Freilassung der beiden Schweizer einzig und allein sein Entscheid ist und dass er allein bestimmt, wann dies geschieht. Gleichzeitig will er demonstrieren, dass er sich an Vereinbarungen mit anderen Staaten hält und man ihm und seiner Regierung vertrauen kann.

Kann man das wirklich?
Nur wenn es seinen Interessen dient respektive dem Überleben seines Regimes. Sonst nicht. An seine jüngste Zusicherung, den in Schottland entlassenen Lockerbie-Attentäter Magrahi diskret und ohne Medienrummel zu empfangen, hat er sich klar nicht gehalten. Er veranstaltete sogar einen riesengrossen Rummel. Man kann also nicht sagen, Qadhafis Regierung sei vertrauenswürdig. Sie ist ja auch längst die einzige in der arabischen Welt, die das Erdöl als politische Waffe einsetzt.

Dann hat der Kuhhandel mit Merz, falls er aufgeht, den Interessen von Diktator Qadhafi gedient?
Absolut. Qadhafi war im Bild über die Differenzen innerhalb des Bundesrats und hat sie zu seinen Gunsten ausgenützt. Er wusste, dass mit Merz einer kommt, der ihm endlich zubilligen würde, was Aussenministerin Calmy-Rey stets strikt verweigert hatte: eine Entschuldigung der Schweiz ohne gleichzeitige Freilassung der beiden in Tripolis festgehaltenen Schweizer.

Dass Micheline Calmy-Rey als Frau in der arabischen Welt einen schweren Stand hat, hat keine Rolle gespielt?
Nein. Entscheidend war, dass sie sich über Monate hinweg geweigert hat, dem Diktator die geforderte Entschuldigung zu liefern, und dass sie die beiden Geiseln unverzüglich mitnehmen wollte. Ihre Konsequenz hat Qadhafi wütend gemacht, nicht ihr Geschlecht.

Merz dagegen gab nach – und wurde von Qadhafi trotzdem nicht persönlich empfangen. Nach den Massstäben Qadhafis muss dies eine ganz üble Demütigung sein?
Eine beispiellose sogar! Dass ein Staatspräsident in einem anderen Staat nicht von seinem Amtskollegen empfangen wird, ist in der Welt einzigartig. Qadhafi konnte es sich nur leisten, weil er wusste, dass Merz unbedingt die beiden festgehaltenen Schweizer freibekommen wollte und dafür fast zu jedem Entgegenkommen bereit war. Für Qadhafi stehen die beiden Festgehaltenen ja in keinem Zusammenhang mit der für ihn demütigenden Verhaftung seines Sohnes in Genf. Das Ehrgefühl seiner Herrscherfamilie wurde durch den Deal mit Merz also nicht im Geringsten tangiert.

Und wieso lässt sich Ihrer Meinung nach ein Schweizer Demokrat und Föderalist wie Hans-Rudolf Merz auf solche Spielchen ein?
Zunächst einmal, weil bei uns in der Schweiz das Resultat einer Verhandlung wichtiger ist als ein skurriler Ehrbegriff, der bloss als Vorwand für eine Herrscherfamilie dient, die um ihr Überleben kämpft. Vor allem aber weil der Schweizer Diplomatie das tiefere Verständnis fehlt für die arabische Kultur; für eine Kultur, die eine zunehmend wichtige Rolle spielt in der Welt.

Immerhin ist Hans-Rudolf Merz der einzige Bundesrat mit Erfahrung im arabischen Raum. Er war beruflich in Beirut tätig.
Das habe ich gelesen. Aber ich glaube, es braucht schon einiges mehr. Überdies ist der Libanon in der arabischen Welt ein Spezialfall. Man nennt ihn ja auch die Schweiz des Nahen Ostens. Deshalb bleibe ich dabei: Wenn uns die Libyen-Affäre etwas gelehrt hat, dann, wie schlecht die Schweizer Diplomatie und Politik für die Herausforderungen in der globalisierten Welt gerüstet ist: für eine Welt, die stets näher zusammenrückt, in der einst fernste Länder und Kulturen zu unseren Nachbarn werden. Allen voran die arabische.

Ist Oberst Qadhafi in der arabischen Welt denn nicht auch ein völlig untypischer Spezialfall?
Natürlich. Auch viele Libyer haben ja nicht verstanden, wieso sich die Schweiz bei ihm entschuldigt. Von meinen libyschen Bekannten habe ich in den letzten Tagen immer wieder gehört: Wenn schon, müsste sich Qadhafi selber entschuldigen, nämlich für seine 40-jährige Schreckensherrschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2009, 04:00 Uhr

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