Sind HSG-Studenten «falsch programmierte» Roboter?

Von Thomas Knellwolf . Aktualisiert am 09.04.2009
Die Wirtschaftskrise stürzt auch die Universität St. Gallen in eine Sinnkrise. Absolventen würden «falsch programmiert», finden HSG-nahe Kritiker. Der Rektor geht über die Bücher.

Sind die 45 adretten Männer und Frauen, denen die Universität St. Gallen den Doktortitel verleiht, auf Gewinnmaximierung getrimmte Roboter? Oder sitzen im Auditorium maximum – wie in HSG-Leitsatz 1 vorgesehen – «verantwortungsbewusste Personen»? Der oberste HSGler ist unsicher, ob das Klischee und seine Wunschvorstellung Realität sind. Rektor Ernst Mohr weiss an diesem Tag im Februar nicht genau, an wen er seine Promotionsrede richtet. «Reichen unsere Anstrengungen», fragt der Mann im gelbschwarzen Talar, «dass aus unseren Absolventen keine unreflektierten Corporate Apparatschiks werden, perfekte Rädchen in einer schlechten Maschine?»

«Nicht die Marktwirtschaft ist das Problem»

Zur Ungewissheit, mit der sich das Wirtschaftsinstitut in der Finanzkrise bewegt, passt die Gereiztheit, die sich dieser Tage auf dem noblen Rosenberg offenbart. Längst nicht nur in der in der Affäre Thielemann/Mohr üben HSG-nahe Kreise scharfe Kritik an der einst stolzen Kaderschmiede. In der Finanzkrise sei «nicht die Marktwirtschaft das Problem», sinniert der ehemalige St. Galler CVP-Nationalrat und HSG-Doktor Felix Walker in einer Zuschrift an die Alumni-Zeitschrift, «sondern die Akteure, von denen sehr viele an der HSG studiert haben».

Der frühere Rektor Rolf Dubs fragt sich in einem Gastbeitrag im «St. Galler Tagblatt», «warum es in der Ausbildung der massgeblichen Führungskräfte nicht gelungen ist, die Studierenden zu einem vernünftigen unternehmerischen Verhalten zu erziehen». «Unbestritten» ist laut Dubs: «Die katastrophale Bankenkrise ist zu einem guten Teil die Folge eines sträflichen Versagens vieler – nicht aller – höheren Führungskräfte bei Banken, Revisions-, Ratings- und Beratungsgesellschaften.»

Uni als «Sündenbock»?

Der emeritierte Professor wehrt sich dagegen, dass angesichts der vielen Ökonomen, «welche man heute – populär – zu den Abzockern und zu Mitverantwortlichen der Finanzkrise» zähle, die Wirtschaftswissenschaft zum «Sündenbock» gestempelt werde. Viele HSG-Dozenten hätten seit langem ganzheitliche Managementmodelle propagiert.

Schärfer äussert sich HSG-Titularprofessor Fredmund Malik, der mit seinem privaten Managementinstitut die HSG konkurriert: «Die Universität St. Gallen hat zuletzt 15 Jahrgänge von Absolventen in erheblichem Umfang falsch programmiert.» Sie habe versäumt, «was jede Dorffeuerwehr tut: eine Vorbereitung der Führungskräfte auf die Krise». Weiter findet Malik: «Die Universität St. Gallen hat dazu beigetragen oder lange nichts dagegen unternommen, dass Egomanie, Personenkult und der Typ des geldgetriebenen Managers in den Topetagen der Unternehmen Einzug halten.» Deshalb trage sie eine «Mitverantwortung am Kollaps».

Gegen den ökonomischen Tunnelblick

Diese These findet HSG-Rektor Mohr nur absurd. Selbstkritisch räumt er jedoch ein, das Selbstverständnis der Studierenden sei «eines der Themen, das wir bei der Ausarbeitung der Konsequenzen der Finanzkrise auf die HSG anschauen». Sukkurs bekommt die Uni-Spitze vom Kanton. «Es wäre ein Kurzschluss», schreibt die St. Galler Regierung auf eine SP-Interpellation im Kantonsrat, die HSG für die Finanzkrise «zur Verantwortung ziehen zu wollen».

Um die Kritik an der Einseitigkeit der HSG zu entkräften, streicht der Regierungsrat an erster Stelle die Arbeit des Wirtschaftsethik-Instituts hervor, an welchem der umstrittene Doktor Thielemann wirkt. Weiter lobend erwähnt wird das aufgewertete «Kontextstudium»: Gegen den ökonomischen Tunnelblick müssen alle HSGler ein Viertel fachfremde Fächer belegen. Auswählen dürfen sie aus einem Kurskatalog, der von «Leadership for the 21th Century» bis Chinesisch reicht.

Bei Walker, Dubs und Malik klingt der Vorwurf an, die HSG habe zu lange am Dogma der Gewinnmaximierung festgehalten. Rektor Mohr entgegnet: «Die moderne Finanzwirtschaftslehre ist keine HSG-Spezialität, sondern eine internationale Disziplin, die in den USA entstanden ist.» Die Uni St. Gallen habe «sich mit Finance beschäftigt, wie es State of the Art» war. «Unser Institut für Betriebswirtschaft hat den Shareholder-Ansatz nicht ignoriert, hat aber schon immer auch andere Ansätze intensiv verfolgt.» Eine einheitliche Doktrin habe es an der HSG ohnehin nie gegeben,

«Geistige Fastenperiode»

Trotzdem setzt sich die Hochschule mit ihrer jüngeren Vergangenheit und der Krisenbewältigung auseinander. In einer «Exzellenzinitiative» haben 15 Professoren einen ersten Anlauf genommen. Ihre Einsichten in der Publikation «Konsequenzen aus der Finanzmarktkrise – Perspektiven der HSG» befriedigen jedoch Felix Walker nicht. «Zu kurz», so schreibt der Wirtschaftspolitiker und Ex-Raiffeisen-CEO, komme in der Schrift «die Einsicht, dass wir mit ultraliberalen Ansichten an die Wand gefahren sind»: «Nicht zum Lachen», findet er, «wie hilflos diese Leute nunmehr zum Beispiel Gewinnmaximierung zu relativieren versuchen und sich bereits wieder Sorgen machen über den Einfluss des Staates.»

In diesselbe Richtung deutet auch der Titel und die Besetzung einer Ringvorlesung: Zur Frage «Finanzmarktkrise: Wie viel Regulierung verträgt eine freiheitliche Wirtschaftsordnung?» sprachen bislang ausschliesslich Topbanker. Nun fordert Malik «nach Ostern eine geistige Fastenperiode»: «ein Vierteljahr schweigen und über die Folgen des Neoliberalismus nachdenken».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2009, 22:10 Uhr

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