Im Jahr 2003 sprach und schnitt der studierte Theologe Rechsteiner noch als einfacher Wirtschaftsredaktor von Radio DRS täglich seine Berichte. Bis 2006 war er stellvertretender Leiter der Wirtschaftsredaktion, dann stieg er zum Abteilungsleiter Regionalredaktionen auf. Die Posten des Ressort- und Redaktionsleiters übersprang er kurzerhand. Letztes Jahr wurde er zum Vize von Radiodirektor Walter Rüegg ernannt. Und nun will er seine Turbokarriere krönen und sich zur Nummer eins wählen lassen.
«Nur unter der Bedingung»
Übertriebenen Ehrgeiz sagen seine Kollegen und Untergebenen «dem Iso» nicht nach. Aber wenns aufwärtsgeht, lässt sich Rechsteiner, 42, nicht zweimal bitten. So hat er zum Beispiel die Stelle als Abteilungsleiter für die Regionalredaktionen angenommen, obwohl er zuvor den Posten im Gespräch mit Kollegen als «eigentlich überflüssig» bezeichnet hatte. Und so hat er auch, mittlerweile als Mitglied der Geschäftsleitung, den Posten des Vizedirektors zwar zunächst nur akzeptiert «unter der Bedingung, nicht um die Nachfolge von Radiodirektor Rüegg buhlen zu müssen», wie er den Kollegen in den Regionaljournalen erzählte. Und doch hat er sich jetzt, da es um Rüeggs Posten geht, entgegen früherer Beteuerungen, auch nicht geziert.
Nachdem Walter Rüegg den SRG-Generaldirektor Armin Walpen wegen des Vorgehens bei der Zusammenführung von Radio und TV klar kritisiert hatte, tritt der Radiodirektor nun ein Jahr früher als ursprünglich vorgesehen ab. «Und wieder ist der Iso zur richtigen Zeit am richtigen Ort», wie es eine ehemalige Kollegin ausdrückt. Der Verwaltungsrat der SRG Deutschschweiz will Rechsteiner am Montagnachmittag zum Nachfolger Rüeggs wählen. Andere Kandidaten sind nicht evaluiert worden, und eine Ausschreibung für den Posten hat es nicht gegeben.
Schlechte Ausgangslage für Glaubwürdigkeit
Hat Rechsteiner bislang innerhalb der Radiodirektion ein wenig kontroverses Dasein gefristet, dürfte sich dies nun schlagartig ändern. Am Freitag hat die Mediengewerkschaft SSM ein ordentliches Ausschreibungsverfahren gefordert. Teile des Verwaltungsrats sind unzufrieden mit dem intransparenten Vorgehen. Und der Regionalrat, der als oberstes Wahlgremium übergangen wurde, dürfte ebenfalls nicht erfreut sein. Das ist eine schlechte Ausgangslage für die Glaubwürdigkeit eines Radiodirektors, der das nicht ganz spannungsfreie Zusammengehen mit dem Schweizer Fernsehen in die sogenannte «Konvergenz» bis ins Jahr 2011 begleiten muss.
Hinzu kommt die Verwirrung um die Motive für Rüeggs vorzeitigen Abgang – und für Rechsteiners klandestine Kandidatur, sei sie nun von Rüegg gewünscht oder von Walpen und dem Verwaltungsrat forciert gewesen. «Wem nützt es?», fragen sich Radiomitarbeiter. «Man weiss nicht, wo Iso in der ganzen Konvergenz-Debatte steht», sagt ein langjähriger Mitarbeiter Rechsteiners, der befürchtet, dass dieser die Interessen der Radioleute beim Zusammengang mit dem Schweizer Fernsehen weniger hart vertritt als sein Vorgänger.
Rechsteiner selbst beantwortet momentan keine Fragen. Sollte seine Ernennung zum Radiodirektor am Montag wie geplant erfolgen, wird er gleich zu Beginn seines neuen Karriereabschnitts damit beginnen müssen.
(Tages-Anzeiger)