Nun aber sind Gerichtsakten aufgetaucht, die ein Licht auf den Alltag eines Schweizer Rüstungskonzerns werfen: auf Oerlikon Contraves. Sie zeigen den Konzern in einem heiklen Moment: als die Amerikaner ihn 1998 auf eine schwarze Liste setzten - wegen Waffenlieferungen in den Iran. Der Mann, der für diese Akten ruiniert wurde, heisst Peter Gerber. Er ist ein Ingenieur mit wasserhellen Augen und einem sehr britischen Schnurrbart.
Was Peter Gerber ruinierte, war der Prozess gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Contraves. Er verlor ihn - und muss fast eine halbe Million Franken Gerichtskosten plus Prozessentschädigung zahlen. Ihm selbst bleibt nur ein Stapel Gerichtsakten: das teuerste und traurigste Souvenier der Welt.
Unter Beschuss
Ein Problem, das die Armeen Anfang der Neunzigerjahre beschäftigte, hiess «friendly fire». Immer perfekter bewaffnete Soldaten schossen die eigenen Waffenbrüder ab. Im Golfkrieg 1991 starb über ein Viertel der gefallenen amerikanischen Soldaten durch amerikanischen Beschuss.
Man suchte Lösungen - und auch Peter Gerber suchte. Er hatte eine kleine Ingenieurfirma aufgebaut, spezialisiert auf Lasertechnik und Unmögliches: Das zu bauen, was andere nicht schafften.
Innert weniger Monate stampfte Gerber einen Prototyp aus dem Boden: Simlas, ein System aus Westen mit eingebauten Rezeptoren, die auf Laseraufsätze an Gewehren reagierten. Ideal für das Training, um auszuwerten, wer wo von wem getroffen wurde. Aber auch in einer Schlacht, um innert Sekunden die eigenen Leute zu erkennen.
«Peter, you are crazy»
Die Schweizer Armee winkte ab, und Gerber flog in die USA. Vier Monate lang wechselte er die Hemden im Flugzeug. Dann bekam er die Chance zu einer Demonstration in Fort Benning. Es war ein verrückter Ort: das Hauptquartier der Infanterie, halb so gross wie die Agglomeration Zürich, mit einem Laboratorium, in dem Neuheiten getestet wurden. Etwa Kleinraketen, um eine Tür in die Luft zu jagen. Die Amerikaner waren begeistert. «Peter, you are crazy», sagte der Laboratoriumschef und schlug ihm vor, die Übung mit 150 Mann und Simlas-Systemen zu wiederholen. Bei Erfolg würde er das Geschäft seines Lebens machen. Als Gerber ihm sagte, das übersteige seine finanziellen Möglichkeiten, sagte der Amerikaner: «Nimm oder stirb!»
Und Gerber beschloss, alles auf eine Karte zu setzen. Seine Firma arbeitete monatelang die Nacht durch. Die Übung wurde ein gigantischer Erfolg: Die amerikanischen Generäle hatten Tränen in den Augen. Simlas habe Top-Priority im Pentagon, sagte man ihm. Man wolle die Sache unbedingt. Aber Gerber hatte ein Problem: Seine kleine Firma hatte Schulden. Und die schiere Grösse des Projekts überstieg ihre Möglichkeiten. Also verhandelte er mit Oerlikon Contraves.
Der Konzern wollte seine Firma erst für 10 Millionen Franken kaufen, aber machte in letzter Sekunde ein anderes Angebot: Man werde die Schulden übernehmen, Gerber als Kader anstellen und ihm eine Menge Geld zahlen - aber nur, falls die Amerikaner 20 000 Stück der Simlas-Westen kauften. Es war «Doppelt oder nüt», sagte Gerber. Er stimmte zu - überzeugt von seinem System. Damit verkaufte Gerber 1997 sein Lebenswerk und Schicksal an Contraves.
Der nicht existente Kunde USA
Der Gerichtsprozess, der später folgte, drehte sich nur um eine Frage: Woran war das Simlas-Projekt in den USA gescheitert? Hatte Contraves das eigene Projekt sabotiert, wie Gerber zu beweisen versuchte? Oder war das Produkt einfach zu unausgereift und die US Army zu wankelmütig, wie Contraves sagte? Jedenfalls lief sofort alles schief. Zuvor hatten die Amerikaner das System ohne Verzug bestellen wollen. Nun schalteten sich plötzlich immer mehr Regierungsstellen ein, die auf Änderungen und eine Ausschreibung drängten.
Wer in den USA für Rüstung zuständig ist? «Ich weiss nicht, ob diese Frage irgendjemand auf der Welt beantworten kann», sagte die damalige Nummer 2 von Contraves, Jean-Pierre Chassot, vor Gericht. Und der damalige Konzernchef Ernst Odermatt seufzte: «Der Kunde, vor allem in den USA, existiert nicht. In den USA haben sie 30 verschiedene Agencies, die zu einem Projekt etwas zu sagen haben.»
Für Gerber hingegen war im Rückblick etwas anderes, das ihm vor Vertragsabschluss verschwiegen worden war, ausschlaggebend: die Geschäfte von Contraves mit dem geächteten Iran.
Androhung der Embargo-Liste
Tatsächlich: Im April 1995 rief der Chef der Rechtsabteilung im Eidgenössischen Militärdepartement bei Contraves in Oerlikon an. Eben habe ihn der US-Botschafter besucht. Er habe gewarnt, Contraves käme auf «eine Embargo-Liste». Grund: die «Geschäfte mit dem Iran», besonders mit Lizenzen für die 35-mm-Flab-Kanone mit Ahead-Munition.
Die 35-mm-Zwillingskanone war Hauptprodukt und Exportschlager von Contraves. Und der Iran offiziell der beste Kunde - bis zum Sturz des Schahs: Als die Mullahs die Macht übernahmen, standen überall die Schweizer Flugabwehrkanonen. Und die Ahead-Munition war ultramodern: eine Streubombe, die man nicht auf, sondern vor das Flugzeug schoss - mit noch tödlicherem Erfolg.
Vor Gericht behauptete Contraves-Chef Odermatt, man habe keine neuen Geschäfte durchgezogen, den Handel mit dem Iran lange vor 1995 gestoppt: Die Amis seien beruhigt gewesen. Sie waren es aber nicht: Im März 1998 entzog die USA Contraves die Lizenz. Der Grund: «fortgesetzte Geschäfte» mit dem Iran.
Striptease vor den USA
Wer darauf rotieren musste, war - wie später im Fall UBS - die Schweizer Diplomatie. «Unzählige Sitzungen» zwischen dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und Contraves folgten. Man sei ständig in Kontakt gewesen, sagte der Chefbeamte Othmar Wyss den Richtern: «Wir haben Contraves in den USA vertreten.» Dies, obwohl man Contraves wiederholt vor Geschäften mit dem Iran gewarnt hatte: «Doch Herr Odermatt wollte sich die Option für den iranischen Markt offenhalten.»
Da die Lieferungen in Einzelteilen nach Singapur gegangen und dort montiert und in den Iran verschifft worden seien, sei «nach schweizerischem Recht» alles legal gewesen. Was die Amerikaner nicht interessierte. Im Mai 1998 putzte ein amerikanischer Beamte eine Schweizer Delegation unter Botschafter Pierre Combernous und Contraves-Chef Odermatt trocken ab. Contraves solle aufhören, von Schweizer Recht zu reden, sondern müsse jetzt alles auf den Tisch legen: alle Verbindungen zum Iran seit 1979.
Was verlangt wurde, war, so ein Diplomat, «eine Beichte, ein Striptease - alles». Contraves tat, wie geheissen, und reichte am Tag vor Weihnachten eine 34 Seiten lange Liste ein: Lieferungen über Singapur in den Iran, die bis zum Jahresende 1997 reichten. Laut eigenen Aussagen lieferte Contraves Ersatzteile für ihre Zwillingskanonen. Das sah Peter Gerber anders: Er habe, sagte er in der «Rundschau», bei einem Besuch in Singapur eine Lagerhalle voller kompletter Kanonen gesehen.
Die Hölle von Oerlikon
Die vier Jahre bei Contraves waren für ihn ein Albtraum. Ein Grund war, dass Peter Gerber ein exakter, leidenschaftlicher Ingenieur ist. Und ein miserabler Menschenkenner. Er weigerte sich als Simlas-Produktionschef, auf der Jahresrechnung mehrfach überrissene Umsätze zu unterschreiben. Und stürmte stattdessen zum Chef: «Man betrügt dich.» Worauf, so Gerber, sein Chef sagte: «Ja. Und warum unterschreibst du nicht? Das ist ja nur das Formular für die Bank.» Und als sein direkter Vorgesetzter nach einem alkoholreichen Mittagessen den Kopf auf den Tisch legte und murmelte: «Oh, ich muss jetzt eine Entscheidung treffen.», sagte ihm Gerber vor versammelter Mannschaft: «Reissen Sie sich zusammen! Als ich noch Chef war, habe ich mich nie so gehen lassen!»
Kein Wunder, hasste man ihn bei Contraves. Und Gerber hasste Contraves. Verzweifelt versuchte er, den Amerikanern das Simlas-System zu verkaufen, aber die Laser, die von Contraves kamen, waren nicht wasserdicht, hatten sackschwache Batterien, scheiterten an der Software, platzten beim Rückstoss der Gewehre. «Nichts hat funktioniert: alles Pfusch!», sagte Gerber. Was sein Chef Odermatt vor Gericht kühl konterte: «Ich bin jetzt 30 Jahre dabei. Ich habe noch nie erlebt, dass eine Entwicklung ohne Unfälle und Probleme vor sich geht.» In Oerlikon verbot man dem Erfinder Gerber den Eintritt in die Simlas-Labors, strich seine Flüge. Es war ein vier Jahre langer erbitterter Krieg, bis Gerber gefeuert und Simlas eingestellt wurde.
Gerber klagte. Das Gericht folgte ihm zwar im Punkt, dass gegen Contraves in den USA eine Art schwarze Liste vorlag und Contraves ihm dies hätte mitteilen sollen. Da aber nicht erwiesen sei, dass Simlas ohne schwarze Liste verkauft worden wäre, wies das Gericht Gerbers Klage ab. Und bürdete ihm eine halbe Million Franken Gerichtskosten und Prozessentschädigung für Contraves auf. Seither lebt Peter Gerber vom Existenzminimum von 2060 Franken.
Die Tricks im Rüstungsbusiness
«Was man im Rüstungsbusiness verstehen muss», sagt Gerber zusammenfassend, «sind vier Tricks. Wichtig ist, dass Rüstung kein normaler Markt ist. Militärs haben Budgets. Und arbeiten Pflichtenhefte aus. Aber sie haben auch Leute, die nur dafür angestellt sind, Sonderwünsche zu haben. Diese sind meistens an der technischen Grenze und verteuern das Projekt beliebig - wie früher bei den Mirage-Flugzeugen. Und zweitens: Wenn man es schafft, ein billiges System zu verkaufen - quick and dirty -, dann bekommt man Nachtragskredite und Nachtragskredite, bis es läuft. Drittens: Man kann dem Militär viel versprechen, aber zwei Jahre später schlechte Ware liefern. Die Verantwortlichen sind dann fast immer schon auf anderen Posten. Und einen Schuldigen findet man in der Armee immer.»
Und als viertes? «Geächtete Länder sind als Kunden sehr attraktiv. Denn sie zahlen jeden Preis.» Dazu passt, dass ein Contraves-Angestellter vor Gericht noch einen weiteren Kunden nannte: Über Drittstaaten lieferte Contraves auch nach Libyen.
(Tages-Anzeiger)