Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Wenn man allein nach dem Wohlbefinden der Schweizer Jugend urteilt, dann muss man vom «Paradies Schweiz» sprechen. Zu diesem Schluss kommen die drei Autoren der Studie «Werte und Lebenschancen im Wandel», die in Bern vorgestellt wurde.
Die Soziologieprofessoren Karl Haltiner und Ruth Meyer Schweizer haben zusammen mit dem Medienforscher Luca Bertossa Lebenszufriedenheit, Wertvorstellungen und Lebenschancen der jeweils 20-Jährigen in den Jahren 1979, 1994 und 2003 untersucht. 83 Prozent der Jugendlichen fühlten sich demnach 2003 «wohl in der Schweiz», acht Prozent mehr als neun Jahre zuvor. Mehr als neun von zehn 20-Jährigen blickten 1994 nach eigenen Angaben optimistisch in die Zukunft.
Daran konnten auch die Rezessionsjahre nichts ändern: Der Wert war 2003 unverändert hoch, obwohl sich rund ein Viertel der Jugendlichen laut der Studie von den Auswirkungen der wirtschaftlichen Schwächephase direkt betroffen fühlte. Nur gerade drei Prozent der 20-jährigen Schweizerinnen und Schweizer gaben 2003 an, unzufrieden zu sein. Die Autoren gehen auf Grund neuerer Studien davon aus, dass die Werte heute etwa dieselben sind wie vor fünf Jahren, als letztmals eine derart umfassende Erhebung gemacht wurde.
«Den Wertezerfall gibt es nicht»
Das erstaunlichste Ergebnis in den Augen der Autoren: Die Zahlen sind seit 30 Jahren sehr konstant. Zum Beispiel die Wertvorstellungen: In den letzten 30 Jahren gab es zwar Verschiebungen in der Interpretation von abstrakten Begriffen wie Freiheit oder Toleranz. Die Rangfolge der wichtigsten Werte blieb jedoch gleich. Und: Die Jungen unterscheiden sich in ihren Wertvorstellungen praktisch nicht von ihren Eltern.
Am wichtigsten sind beiden Freunde und Familie, danach kommt die Freizeit, erst an vierter Stelle wird die Berufsarbeit genannt. Der aktuellen Aufregung um die Massentrinkanlässe namens «Botellones» zum Trotz: Der Wertezerfall sei etwas aus Nietzsches kurz vor dem Wahnsinn verfassten Pamphlet «der Antichrist», sagt Haltiner, in der Realität hingegen «gibt es ihn nicht».
Fleissig, aber keine Workaholics
Dass nur gerade gut ein Drittel der 20-Jährigen 2003 den Bereich «Arbeit und Beruf» als «sehr wichtig» eingestuft hat, hiesse nicht, dass die Schweizer Jugendlichen faul seien. Im Gegenteil: Sie zeigten ein hohes berufliches Engagement, sagt Meyer, die Berufsarbeit mache aber nicht ihr ganzes Leben aus.
Die emeritierte Professorin der Uni Zürich zeichnete für den Bereich Werte, Schule und Berufswahl der Studie verantwortlich und kam zum Schluss, dass wir die Generation der heute 25-Jährigen nicht fürchten müssen: Entgegen dem verbreiteten Vorurteil sei es «keine Generation von Narzisten und Egoisten», die da heranwächst.
(Tages-Anzeiger)