«Heute Abend wäre der ideale Moment, um im Parc des Bastions eine Medienkonferenz durchzuführen», witzelte der Genfer Jugendbeauftragte Claudio Deuel, als heute Nachmittag der erste Regenschauer über der Stadt niederging. Tatsächlich umringten abends um 9 Uhr über ein Dutzend Journalisten und Fotografen Angel Blanco, der einer der 15 «Organisatoren» des vom Stadtrat unter Auflagen bewilligten «Botellons» ist. Blanco erschien pünktlich auf den im Internet angekündigten Beginn des mehr feuchten, denn fröhlichen Festes. «280 haben via Facebook angekündigt, dass sie trotz des schlechten Wetters kämen. Da haben wir entschieden, das Fest durchzuführen», sagte der 27-jähriger Elektriker spanischer Herkunft.
Eine erste Gruppe artig grölender Jugendlicher, die mit einer Kühlbox voller Bierflaschen auftauchten, schien eher eine Maskerade für die Medien aufzuführen, als dass sie einer spontanen Freude am Saufen gefolgt wären. Sie verzogen sich rasch unter das Dach eines Vorbaus des nahe gelegenen Sitzes der Stadtregierung, wo sie sich mit dort «heimischen» Alkis verbrüderten. Aus blosser Neugier hatte dagegen Tamara mit ihrer Freundin den Park aufgesucht. «Ich bin gekommen, um einen zu heben», sagte die 17-Jährige breit grinsend zu umstehenden Schaulustigen im selben Alter. Alle wussten, dass Tamara es nicht ernst meinte.
Strategie gegen Masssenbesäufnisse
Zufällig tagte heute in Genf die eidgenössische Jugendkommission. Ihr Präsident Pierre Maudet, der als Stadtrat für den öffentlichen Raum und die Sicherheit in der Rhonestadt zuständig ist, stellte aus aktuellem Anlass seine Strategie gegen übermässigen Alkoholkonsum von Jugendlichen in der Zeitung «Le Temps» dar. Gemäss dem FDP-Politiker stützt sich die Politik der Alkoholprävention heute zu einseitig auf hohe Preise für alkoholische Getränke in Gaststätten, Bars und Nachtclubs. Jugendliche mit wenig Geld würden daher nach Wegen wie dem «Botellon» suchen, um die Preisschranken zu umgehen.
Maudet fordert, in der Alkoholprävention Widersprüche in der Preispolitik, Werbung und Verkaufspraxis zu beseitigen und stärker auf Verhaltensänderungen der Jugendlichen hinzuwirken. Selbstkritisch schreibt der Stadtrat, lokale Behörden kümmerten sich bei der Nutzung des öffentlichen Grundes zuwenig um die Bedürfnisse der Jungen - und der Alten. Genf opferte in jüngster Zeit drei beliebte, namentlich von Jugendlichen besuchte Treffpunkte der Alternativkultur kommerziell interessanteren Projekten. Die Stadtregierungen steht laut Maudet vor «der heiklen Herausforderung, neue öffentliche Räume zu finden», in denen sich Jugendlichen selbst organisieren.
Alles in geordneten Bahnen
Die Genfer Stadtregierung hat in diesem Sinn Blanco und seinen Kollegen erlaubt, ein Fest im Park zu veranstalten, das aber nicht in ein Massenbesäufnis ausarten sollte. Den Testlauf verfälschte allerdings Petrus mit seinem Wolkenbruch. Als der Regen nachliess, wuchs die Festgemeinde auf 200 bis 300 plaudernde und bisweilen grell pfeifende Trinkgesellen an. Bis Redaktionsschluss reichte der gestrenge Blick der an der Bastionmauer in Stein gehauenen Reformatoren, damit dieser «Botellon» im Unterschied zur ersten Auflage am 18. Juli in einigermassen geordneten Bahnen verlief. Viel Arbeit für die diskret patrouillierenden Polizei, die Jugendschutzbrigade und freiwillige «Nothelfer» für Stockbesoffene schien es nicht zu geben.