Familie Tinner sahnt mächtig ab

Von Walter Niederberger . Aktualisiert am 25.08.2008
Friedrich, Urs und Marco Tinner haben für ihre Dienste bei der Aufdeckung eines illegalen Nuklearnetzwerks bis zu 10 Millionen Dollar kassiert. Das schreibt die «New York Times».

Der Fall der mutmasslichen Atomschmuggler Tinner sorgt erneut für Schlagzeilen: Die «New York Times» meldete gestern, die Ostschweizer Familie habe für ihre Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst CIA bis zu 10 Millionen Dollar erhalten. Das Blatt berief sich dabei auf Aussagen von fünf aktiven und ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern. Ihnen zu Folge wurde das Geld den Schweizern in einem Koffer voller Noten übergeben. Die Mittel waren nach Aussagen von europäischen Geheimdienstlern willkommen, da Tinners trotz eines bedeutenden Einkommens aus dem illegalen Handel mit Abdul Qader Kahn – dem «Vater der pakistanischen Atombombe» – Geldschwierigkeiten gehabt hätten.

Im Gegenzug lieferten die Tinners der CIA geheime Informationen, die dazu beigetragen haben, das libysche Atombombenprogramm zu beenden, iranische Atomlabors aufzudecken und die nuklearen Schwarzmarktgeschäfte von Khan zu stoppen.

Um die Zusammenarbeit der CIA mit der Familie Tinner zu vertuschen, haben die USA laut der «New York Times» die Schweiz zur Vernichtung von rund 30 000 Seiten an Akten gedrängt. Zuvor war es offenbar zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen der CIA und dem US-Aussenministerium gekommen. Die CIA wollte gemäss Aussagen von US-Offiziellen die Vernichtung der Akten verhindern und die Dokumente aus technischen Gründen behändigen. Das Aussenministerium hingegen bevorzugte mit Verweis auf den Nicht-Weiterverbreitungsvertrag für Nukleargüter die Zerstörung der Dokumente und setzte sich durch.

Abzuwenden galt es vor allem das schlimmste Szenario, bei dem in einem Strafprozess gegen die Tinners das heikle Material an die Öffentlichkeit gelangt und die Aktivitäten der CIA breiter ausgeleuchtet worden wären. Dies hätte das künftige Anheuern von so genannten Maulwürfen erschwert.

Couchepin schweigt zu Enthüllungen

Die Darstellung der «New York Times» deckt sich mit jener der Schweizer Bundesanwaltschaft. Diese ging in einer Stellungnahme an das Bundesgericht davon aus, «dass der Bundesrat seinen Entscheid zur Aktenvernichtung auf Drängen von amerikanischer Seite» gefällt habe.

Der Bundesrat hingegen hatte die Aktenvernichtung anders begründet: Man wolle Informationen über den Bau von Atombomben vernichten, damit sie nicht in Terroristenhände gerieten. Die Schweizer Landesregierung hatte den Vorwurf, dass die Aktenvernichtung auf Druck des US-Geheimdienstes erfolgt sei, stets zurückgewiesen. Im Departement von Bundespräsident Pascal Couchepin wollte man gestern zum Bericht der «New York Times» keinen Kommentar abgeben, nachdem der Bundesrat schon früher angekündigt hatte, keine weiteren Stellungnahmen zum Fall abzugeben.

Bei den zerstörten Akten handelt es sich unter anderem um detaillierte Pläne zum Bau von Atomwaffen und Gaszentrifugen zur Anreicherung von Uran. Sie waren im Rahmen eines im Oktober 2004 eröffneten Ermittlungsverfahrens gegen die Gebrüder Tinner – und später auch gegen deren Vater – beschlagnahmt und von der Bundesanwaltschaft als sicherheits- und aussenpolitisch brisant eingestuft worden.

Verhandlungen mit CIA in Jenins

Der 71-jährige Friedrich Tinner wollte sich nicht zu den Enthüllungen äussern. Gegenüber der «New York Times» erklärte er, er habe sich zum Stillschweigen verpflichtet. Friedrich Tinner war 2006 aus der Untersuchungshaft entlassen worden, könnte aber erneut vorgeladen werden. Seine Söhne sitzen weiterhin in Haft, nachdem sich das Bundesgericht gegen ihre Freilassung ausgesprochen hat.

Mit der Vernichtung der Akten durch den Bundesrat fehlt den beiden Söhnen möglicherweise wichtiges Beweismaterial; der Prozess ist nach Ansicht von Ständerat Dick Marty deswegen gar gefährdet. So hatte Urs Tinner in einer Beschwerde darauf verwiesen, dass er eine Lieferung von 50 Nuklearzentrifugen in den Iran manipuliert und so deren Zerstörung ermöglicht habe. Eine Behauptung, die er mangels Dokumenten nun nicht mehr belegen könne.

Vater Tinner hatte schon ab Mitte der 70er-Jahre mit Khan zusammengearbeitet. Doch war es Sohn Urs, der sich 2000 als erster vom CIA anheuern liess und dann Bruder Marco und seinen Vater überzeugte, sich ebenfalls als Maulwürfe für die USA zu betätigen. Die Details der Zusammenarbeit wurden am 21. Juni 2003 im bündnerischen Jenins per Vertrag geregelt.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 25.08.2008, 07:28 Uhr

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