Faszination OM: Marseilles Gabriel Heintze (Mitte), der davor bei Real Madrid und Manchester United spielte, feiert sein Tor bei der Niederlage gegen Milan. Bild: KEYSTONE/AP
Im Normalfall ist das Palmarès der letzten Jahre ein guter Gradmesser, um das Renommee eines Vereins zu ermitteln. In Frankreich greift dieses Mittel aber zu kurz. Denn nicht Lyon, das sieben der letzten acht Ligue-1-Meisterschaften gewann, führt die Popularitätsliste der französischen Vereine an. Auch nicht der aktuelle Champion Bordeaux oder der Hauptstadtverein Paris St- Germain. Sondern Olympique Marseille. Und dies mit erstaunlicher Deutlichkeit.
Mehr als 40 Prozent aller fussballinteressierten Franzosen gaben in einer repräsentativen Umfrage vor einem Jahr an, «OM» zu unterstützen. Auch der in Paris geborene FCZ-Stürmer Alexandre Alphonse gehört dazu. Der südfranzösische Klub verkaufte in der letzten Saison so viele Trikots wie Lyon und Paris St-Germain zusammen. Er bestreitet nahezu alle Partien, ob daheim oder auswärts, vor ausverkauften Rängen. Für das alles andere als aussergewöhnliche Meisterschaftsspiel am letzten Samstag im 20'000 Zuschauer fassenden Stadion von Nancy waren über 35'000 Ticketanfragen eingegangen.
16-jährige Durststrecke
Weshalb Marseille die Massen fasziniert, ist ein Mysterium. An der Pokalsammlung kann es nicht liegen. Zwar gehört «OM» mit acht Meistertiteln und zehn Cupsiegen zu den erfolgreichsten Vereinen des Hexagones und hat 1993 als bislang einziger französischer Verein die Champions League gewonnen. Doch seit der heutige Trainer Didier Deschamps die europäische Trophäe in die Höhe stemmte, rennt Marseille vergeblich einem Titel hinterher. Je zwei verlorene Uefa-Cup- und Cup-Finals sowie zwei knapp verpasste Meistertitel waren die sportlichen Höhepunkte der letzten 16 Jahre.
Trotzdem erhitzt Marseille die Gemüter und unterhält wie eine gute Seifenoper; meistens ist die Geschichte ein wenig absurd, aber mit Garantie immer emotionsgeladen. Hochs und Tiefs lösen sich mit rasanter Geschwindigkeit ab. Nur wenige Monate nach dem Champions-League-Titel 1993 folgte der zweijährige, wegen gekaufter Spiele zwangsverordnete Abstieg in die Zweitklassigkeit. Und wenn nicht der Verband seine Hände im Spiel hat, insziniert Marseille seine Trägodien gleich selber. Wie etwa im letzten Frühling. Mitten im Meisterrennen gab der damalige, erfolgreiche Coach Erik Gerets bekannt, dass er den Verein Ende Saison verlassen würde.
Marseille, ein grosser Marktplatz
Nur wenige Wochen nach Gerets' Abgang musste Präsident Pape Diouf, auch er mit guter sportlicher Bilanz, seinen Hut nehmen. Dann verlor der französisch-schweizerische Besitzer Robert Louis-Dreyfus, der in seiner 13-jährigen Amtszeit rund 200 Millionen Euro in den Klub investiert hatte, in einem Zürcher Spital seinen langjährigen Kampf gegen die Leukämie. Nun ist trotz relativ erfolgreicher letzter Saison alles neu bei Olympique Marseille. Dreyfus' Witwe Margarita ist widerwillig der neue OM-Boss, Jean-Claude Dassier, früheres Kadermitglied beim grössten französischen TV-Sender TF1, ist neuer Präsident und Deschamps eben der neue Coach.
Neue Führung, alte Taktik: Im Sommer, während der in Marseille heissgeliebten Transferzeit, wurden über 30 Spielermutationen verzeichnet. Unter anderem verliess Captain Lorik Cana den Klub, dafür kamen für insgesamt über 40 Millionen Euro die argentinischen Internationalen Lucho Gonzalez und Gabriel Heinze, der senegalesische Verteidiger Souleymane Diawara, der gegen den FCZ gesperrt ist, der Kameruner Stéphane Mbia und der Spanier Fernando Morientes, um nur einige zu nennen. Wie so oft wurde Marseille als Transfersieger betitelt und bei der traditionellen Umfrage der Sportzeitung «L'Equipe» von Spielern und Trainern der Ligue 1 auch gleich zum Meisterschaftsfavoriten emporgehoben.
Viele Gimenez', einige Drogbas
Bislang, und auch dies ist nichts Neues, wurde das mit 100 Millionen Euro Budget ausgerüstete Marseille den Vorschusslorbeeren nicht gerecht. In der Ligue 1 konnten die Marseillais zwar den Rückstand auf Leader Lyon dank dem 3:0 in Nancy auf drei Punkte reduzieren, doch in der Champions League setzte es bislang zwei Niederlagen ab. Ein Sieg gegen den FCZ ist Pflicht. Eine Niederlage würde den Klub einer oft erlebten Krise ein wenig näher bringen. Die OM-Fans sind nicht für ihre Geduld bekannt, dafür für rabiate Methoden, wenn es darum geht, den Spielern in Erinnerung zu rufen, wer das Sagen im Klub hat.
1999, nach einem völlig missglückten Saisonstart, wurde der Druck der Anhänger so gross, dass selbst die Weltmeister von 1998, Robert Pires und Christoph Dugarry, bei erstbester Gelegenheit das Weite suchten. Und trotzdem gibt es kaum einen frankophonen Spieler, der sich dem Reiz des Vereins widersetzen kann. Auch weil grundsätzlich gilt: Wer es in Marseille schafft, schafft es überall. Auf viele gescheiterte Spieler wie etwa den Ex-Basler Christian Gimenez fallen einige Ausnahmekönner, die in der launischen Hafenstadt zur grossen Karriere ausgeholt haben: Zuletzt Claude Makelele, William Gallas, Franck Ribéry oder Didier Drogba.
Auch die diesjährige Ausgabe von Olympique Marseille ist mit einigen hochklassigen Spielern besetzt. In erster Linie wird sich der FC Zürich vor dem Stürmer Mamadou Niang in Acht nehmen müssen. Der Senegalese hat in der Ligue 1 bereits sechsmal getroffen und ist mit seinen genialen Dribblings meistens Auslöser der Offensivaktionen. Das grösste Problem des letztjährigen französischen Meisterschafts-Zweiten ist bislang die Konstanz. Auf gute Spielphasen folgen regelmässig haarsträubende Fehler. OM ist auf und neben dem Platz für jede Überraschung gut. Vielleicht macht dies den Reiz des Vereins aus.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )