Von Mämä Sykora (publiziert am Tue, 14 Feb 2012 08:46:09 +0000)
Die Rollenverteilung vor dem Endspiel des Afrika-Cups hätte einseitiger nicht sein können. Auf der einen Seite die Elfenbeinküste, bestklassiertes Team Afrikas, gespickt mit Weltstars von den führenden Vereinen Europas, von denen selbst die Bankdrücker einen höheren Marktwert haben als das gesamte Kader des Finalgegners. Auf der anderen Seite Sambia, in der Weltrangliste neben dem Irak, China und Albanien klassiert, mit YB-Profi Mayuka als einem von lediglich zwei Europa-Legionären, als einzigen Erfolg in den letzten 15 Jahren einen Viertelfinaleinzug beim Afrika-Cup vorweisend. Klarer kann eine Angelegenheit auf dem Rasen wahrlich kaum sein.
Doch die Ivorer versagten auf der ganzen Linie. Die hochgelobte Generation um Didier Drogba, Yaya Touré und Kolo Touré musste gar froh sein, sich gegen die frech aufspielenden Underdogs wenigstens ins Elfmeterschiessen gerettet zu haben, dort flatterten – einmal mehr – die Nerven und Sambia feierte einen nicht für möglich gehaltenen Triumph.
Es war nicht das erste Mal, dass die «Elefanten» trotz bester Voraussetzungen versagten. Am Afrika-Cup 2006 verlor man das Elfmeterschiessen im Finale gegen Ägypten, 2008 war das Halbfinal-Debakel wiederum gegen Ägypten, 2010 gar das Viertelfinal-Out gegen inferiore Algerier – trotz Führungstreffer in der 89. Minute! Und nun dieses unrühmliche Endspiel gegen die «Chipolopolo» aus Sambia. In der Schweiz hat sich für solche Auftritte ein Verb verbreitet: «veryoungboysen», angelehnt an die typische Eigenheit der Berner, selbst beste Ausgangslagen grandios zu vergeigen.
Die Elfenbeinküste ist das jüngste Mitglied im erlauchten Kreis der – salopp formuliert – «Verlierermannschaften», die sich dadurch auszeichnen, in schöner Regelmässigkeit durch Unvermögen haarscharf an Titeln und Trophäen vorbeizuschrammen. YB ist dabei der Schweizer Vertreter, nach immerhin drei aus der Hand gegebenen Cupfinals gegen Sion und den in den letzten Jahren verspielten Meisterschaften.
Vorzeigeverlierermannschaft ist indes Bayer Leverkusen, mit stolzen 5 Vizemeister-Titeln und 2 Pokalfinal-Niederlagen in den letzten 15 Jahren. Daran gemessen nimmt sich das Versagen der Nationalteams eher bescheiden aus. Portugal etwa blieb mit der «Geração de Ouro» – der Goldenen Generation mit Figo, Pauleta, Rui Costa & Co. – unter sämtlichen Erwartungen, die Titellosigkeit hält weiter an. Argentinien schafft es trotz herausragenden Spielern nicht einmal in die Nähe der Weltspitze. Und Russland stolpert mir verlässlicher Konsequenz in jedem für eine WM-Qualifikation essentiellen Spiel über irgendeinen Kleinen.
Hat eine Mannschaft mal so einen Ruf, hat sie es in entscheidenden Partien sehr schwer, besonders wenn sie noch als Favorit ins Rennen steigt. Trotz aller Sportpsychologen und mentalem Training: In so einem Match will keiner derjenige sein, der einen verhängnisvollen Fehler begeht und damit eine neuerliche Niederlage herbeiführt. Die Folge ist ein auf Sicherheit bedachtes Spiel, doch alleine damit kann man nicht gewinnen. Schon gar nicht gegen einen Gegner, der kaum etwas zu verlieren hat. Dieser Fehler kostete den oben genannten Mannschaften schon einige Titel, die Elfenbeinküste war die jüngste in der Reihe derer, die aus Angst jegliches Risiko gescheut haben, und genau darum gescheitert sind.
So traurig es für die betroffenen Mannschaften ist, so schön ist es doch für den Fussball. Wie jede Soap braucht auch das Fussballtheater seine Darsteller mit klaren Charakterzügen. Die Bösen, die Guten, die jungen Wilden – und eben auch die sympathischen Versager, die selbst beste Ausgangslagen nicht zu nutzen wissen. Die Donald Ducks des Fussballs, denen man einen Triumph so gönnen würde, aber jederzeit weiss, dass mit Sicherheit nichts draus werden wird. Im Gegensatz zum Unglücksraben aus Entenhausen können Fussballmannschaften aus dieser Rolle herauswachsen. Auch Spanien gehörte nämlich einst in diese Kategorie.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )