Alphonse ist im rauen Klima der Pariser Banlieues aufgewachsen. Für seine fussballverrückten Freunde gab es nur Paris St-Germain, den Grossklub aus der Hauptstadt. «Alle unterstützten PSG, mein Herz aber schlug für OM.» Das ist die Kurzform für Olympique de Marseille, den Klub mit der grossen Tradition aus dem Süden Frankreichs. «Mit OM konnte ich während meiner Jugendzeit wunderbar feiern und leiden», lächelt Alphonse. Er erinnert sich an die Mannschaft aus den frühen Neunzigerjahren mit Jean-Pierre Papin, der fünfmal in Folge Torschützenkönig in Frankreichs höchster Liga wurde.
Ehefrau Pauline, ein OM-Fan
Bei jedem Spiel von OM, das übertragen wurde, sei er in Paris vor dem Fernseher gesessen und habe Papin, Cantona und andere Grössen wie Boksic, Desailly und Deschamps bewundert. Und vom ersten Final in der Geschichte der Champions League weiss er noch heute die Details: «Basile Boli erzielte 1993 in München mit dem Kopf das entscheidende Tor gegen Milan.» Wenig später begann der tiefe Fall von OM und das Leiden für Alphonse. Korruption, Bestechung, Dopingverdacht rund um das Stade Vélodrome. Alphonse fällt dazu nur ein Name ein. «Bernard Tapie», seufzt er. An seiner Treue zu Olympique hat der Niedergang unter dem zwielichtigen Präsidenten nichts geändert. Und mit der Stadt am Mittelmeer ist er heute auch auf privater Ebene verbunden. Seine Frau Pauline, mit der er seit diesem Sommer verheiratet ist, stammt aus dem Grossraum Marseille. Lächelnd sagt er: «Auch sie ist Fan von OM - ausser am Mittwochabend.»
Dann wird Pauline im Letzigrund mit dem FCZ mitfiebern, neben ihr wird die Verwandtschaftaus Südfrankreich OM unterstützen. Zehn Bekannte, darunter die Schwiegereltern, reisen für die Partie an. Alphonse strahlt: «Sie wohnen alle bei uns, wie das in einer grossen Familie üblich ist. Es wird ganz eng werden in unserer Wohnung in Rudolfstetten.»
Der Ferrari läuft rund
Das Familientreffen stört ihn in der Vorbereitung nicht. Die Nacht auf den Mittwoch verbringt er mit der Mannschaft im Hotel. Xavier Margairaz ist sein Zimmerpartner, vorher hatte Alphonse im Leuen von Uitikon stets mit Eric Hassli gewohnt. Der Beinbruch seines besten Kollegen hat Alphonse mitgenommen. Nicht umsonst hat er den Ruf, ein Hypochonder zu sein, ein «malade imaginaire». Er fürchtet sich vor Verletzungen und horcht manchmal zu sehr in seinen Körper hinein. Mal zwickt es ihn da, mal zieht es dort im Oberschenkel, ohne dass eine präzise medizinische Diagnose gestellt werden kann. Trainer Bernard Challandes erklärt, Alphonse sei ein hoch getunter Ferrari, der sehr viel Pflege brauche und intensiv gewartet werden müsse.
Vor dem Spiel gegen Marseille schmerzt nichts. Alphonse sagt: «Ich bin fit, ich will spielen.» Er weiss, dass morgen alle Franzosen nach Bordeaux, wo die Girondins Bayern empfangen, sowie nach Zürich schauen werden. Er denkt, ein Treffer in der Champions League sei wertvoller als zehn in der Super League. Er verspricht, nicht egoistisch zu spielen, nur an das Wohl des Teams zu denken, aber er sagt auch: «Ein Treffer gegen Marseille könnte meiner Karriere den entscheidenden Schub verleihen.»
Bis 2012 steht er beim FCZ unter Vertrag, aber er macht keinen Hehl daraus, dass er in eine grosse Liga wechseln möchte. Mit dem FCZ habe er alles erreicht, was für einen Schweizer Verein möglich sei. Von der Klubführung hat er die Zusage, bei einem guten Angebot gehen zu dürfen. Alphonse sagt: «Die Ligue 1 ist mein Ziel. Es muss ja nicht unbedingt das grosse OM oder PSG sein.»
(Tages-Anzeiger)