Persönlicher Streit in der Öffentlichkeit: Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell und Schiedsrichter Michael Kempter. Bild: KEYSTONE/AP
Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» unterhielt sich mit Schiedsrichter Manuel Gräfe über die nun in der Öffentlichkeit breitgetretene Affäre zwischen Schiedsrichter Obmann Manfred Amerell und dem 23-jährigen Schiedsrichter Michael Kempter. Gräfe stand vor fünf Jahren im Mittelpunkt, als er und drei Kollegen Robert Hoyzer wegen der Manipulation von Spielen beim DFB anzeigte. Den jüngsten Skandal verfolgt Gräfe zwar aus der Distanz, dennoch sagte er im Interview: «Wir kannten doch auch alle Manfred Amerell und Michael Kempter und deren gutes Verhältnis. Dass mehr dahinter steckte, war ausserhalb meiner Vorstellungskraft. Die Annahme, dass ein Schiedsrichter-Obmann einen Schiedsrichter sexuell belästigt – das ist doch unglaublich!»
Von einer Schuldzuweisung sieht Gräfe wohl ab, doch ist für ihn klar: «Der DFB hatte genug Hinweise, dafür sprechen ja anscheinend auch die eidesstattlichen Versicherungen. [...] Natürlich hat Manfred Amerell eine Grenze zwischen Beruflichem und Privatem überschritten, die man nicht überschreiten darf. Das räumt er ja selbst ein.» Den Fall will Gräfe aber – trotz weiterer Beschuldigungen – nicht generalisieren. «Es gibt kein Schiedsrichter-Problem, es gibt ein Problem zwischen – mindestens – zwei Menschen», erklärt er.
«Die Karriere steht nicht über allem»
Dass drei weitere Schiedsrichter ihre Vorwürfe bisher nicht in der Öffentlichkeit breitgetreten haben, begrüsst Gräfe. «Es muss endlich Schluss sein damit, jeden Tag über die Medien neue E-Mails, SMS und was weiss ich alles zu verbreiten.» Gräfe gibt gegenüber «Der Zeit» zwar zu, dass ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis von Kempter zu Amerell bestanden habe. «Aber von einem Bundesliga-Schiedsrichter wird zu Recht erwartet, dass er eine Persönlichkeit ist. Auf dem Platz, aber auch ausserhalb. Da kann man erwarten, dass er sich im Privaten gegen Dinge zur Wehr setzt, die er nicht mag. Die Karriere steht nicht über allem.»
Ausserdem sei Amerell nur eine von zehn Personen im Schiedsrichterausschluss gewesen. «Da konnte keiner durchkommen, der nur einem Mitglied gefiel.» Und dass Kempter schon mit 23 Jahren auf höchster nationaler Stufe gepfiffen habe, sieht Gräfe auch nicht als Folge der besonderen Beziehung zu Amerell. «Wer als Fachmann Michael Kempter einmal hat pfeifen sehen, der hat sein grosses Talent erkennen können.»
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )