Martina Hingis, seit Sie am 1. November 2007 bekannt gaben, Ihnen werde eine auf Kokain positive Dopingprobe zugeschrieben, seien aber unschuldig, haben Sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Warum geben Sie nun dieses Interview?
Ich hatte Mühe, alles zu akzeptieren, zweifelte an der Gerechtigkeit und wollte Distanz gewinnen. Inzwischen sind über eineinhalb Jahre vergangen, und es dauert nur noch vier Monate, dann eröffnet sich für mich wieder ein neues Kapitel.
Am 1. Oktober läuft Ihre zweijährige Sperre ab. Was bedeutet Ihnen dieses Datum?
Ich werde meinen 29. Geburtstag am 30. September intensiver feiern als üblich, ein, zwei Gläschen mehr trinken. Dann bin ich wieder eine freie Person. Ich werde mich freier bewegen können, darf wieder an Reit- oder Tennisturniere, nach Roland Garros oder Wimbledon. Dann wird meine Würde wieder ein wenig hergestellt.
Konnten Sie Ihre Kontakte zur Tenniswelt behalten?
Die werden einem genommen, wenn man nicht an Turniere reisen darf. Die anderen kommen ja nicht in die Schweiz. In den USA habe ich einmal Monica (Seles) angerufen, aber sie war nicht da. Mit Anna (Kurnikowa) habe ich manchmal Kontakt. Einmal traf ich in Belgien Justine Henin.
Es hiess, das Schlimmste an der Sperre sei für Sie gewesen, dass Sie auch nicht wettkampfmässig reiten durften. War das so?
Nein. Das Schlimmste war, dass ich mein Hobby nicht ausüben durfte. Dass ich nicht nach Wimbledon oder ans US Open durfte, wo ich wie alle früheren Champions eingeladen war – weil die ITF (Internationaler Tennisverband) kam und sagte, ich dürfe während des Turniers das Stadion nicht betreten. Dabei habe ich dem Tennis so viel gegeben. Immer wieder kommen Leute auf mich zu und sagen: ‹Superkarriere›. Und nun soll das alles keine Rolle mehr spielen, soll ich kein früherer Champion mehr sein? Das hat mich getroffen, daran hatte ich zu beissen.
Sie fühlten sich verstossen?
Vieles von meinen Beziehungen zu den Sponsoren und Ausrüstern wurde mir genommen. Dabei hatte ich immer Superbeziehungen. Bei Yonex war ich 15 Jahre. Ich darf nicht mehr kommentieren, nicht coachen, habe eigentlich ein Berufsverbot.
Sie wurden auch zum Objekt von Hohn und bösen Karikaturen. Schmerzte Sie das?
Ich habe einige Sachen gesehen und dabei gelacht. Über andere lacht man ja auch. Man kann ja nicht nur heulen, wenn man die Zeitung liest. Natürlich gab es auch dumme Sprüche, aber da stehe ich drüber.
Wir reagierten die Leute?
Alle, mit denen ich länger spreche, kommen früher oder später auf dieses Thema. Dabei haben die meisten, die meine Karriere verfolgt haben, ein gutes Bild von mir. Speziell in den USA, wo ich viel Zeit verbracht habe – vor allem in Saddlebrook, meinem Feriendomizil. Dort steht meine Leistung im Vordergrund. Das Schöne dort ist: Wenn man in der Hierarchie einmal oben war, bleibt man fast für immer eine Legende. Dabei leben wir in einer schnelllebigen Zeit, was einem manchmal zugute kommt. Auf der Strasse hörte ich oft Fragen wie: Warum spielst du nicht mehr?
Zeigten Leute manchmal mit dem Finger auf Sie?
Um das zu verhindern, habe ich mich zurückgezogen. Ich habe mein Leben gelebt, mit meinen Pferden, meinem Umfeld. Oder war im Ausland, wo alles nicht so wahrgenommen wurde. Diese Ausgrenzung war schon nicht einfach. Auch nicht für die Mutter und Mario Widmer. Wenn einer mich anschaut, als ob ich drogenabhängig sei . . . Dabei gehörte das Wort Kokain vorher gar nicht zu meinem Wortschatz.
Wie werden Ihre Unschuldsbeteuerungen aufgenommen?
Ich weiss, dass viele dachten, ich hätte es probiert. Aber dann hätte ich es doch nicht in Wimbledon getan! So dumm muss man erst noch sein. In einer ersten Runde, die ich fast verloren hätte, gegen eine Spielerin namens Cavaday! Für viele war es einfach ein Dopingfall. Ohne zu berücksichtigen, wie gering die gefundene Substanz war, und dass Kokain von den Dopingregeln her ausserhalb des Wettkampfs sogar erlaubt ist. Spuren von Kokain finden sich überall, die kann man überall auflesen. Aber dass man mich so abstempelte, das wollte ich nicht. Deshalb machte ich auch einen Haartest. Mein Tennis war nie auf so etwas aufgebaut. Ich hatte nie Angst in meinem Leben, auf dem Platz zu stehen. Ich kenne auch die Wirkung nicht.
Ins Protokoll der fraglichen Dopingprobe schrieben Sie noch eine Bemerkung.
«Alles ist gut.» Ich habe im Leben 80 bis 100 Dopingtests gemacht und nie ein Problem gehabt. Ich setze doch nicht meine Karriere aufs Spiel, um noch einmal Wimbledon zu spielen. Als ob ich das nötig hätte! Dabei hätte ich nie ein Problem, es zuzugeben: Ich habe halt Kokain genommen, ich wollte mal wissen, wie das ist. Aber dann mache ich das doch nicht in Wimbledon.
Haben Sie es je bereut, das Urteil ohne Rekurs akzeptiert zu haben?
Wir haben damals ausführlich diskutiert, ob das was bringt oder nicht. Aber ich wollte nicht von Gericht zu Gericht. Am Beispiel von Marion Jones sieht man, dass man darob Bankrott machen kann. Und bei ihr dauerte es fünf Jahre, bis alles vorbei war. Das wollte ich mir nicht antun.
Überraschte Sie die Härte der Sperre?
Ich hätte nie gedacht, dass ich zwei Jahre erhalte. Ich dachte: zwei, drei Monate, dann ist der Fall gegessen. Zwei Jahre für Kokain, das gab es vorher und nachher nie.
Wie erklären Sie sich diese Härte?
Das ist der Hingis-Bonus, der negativ ist. Wie viel haben Novacek und Wilander erhalten? Drei Monate. Und wieso war es bei mir anders?
Vielleicht wollte man ein Exempel statuieren, dass man im Tennis kompromisslos gegen Doping vorgeht, auch gegen grosse Fische.
Irgendjemanden hat es wohl einfach gebraucht, und dieses Opfer war ich.
Denken Sie manchmal: Wenn ich gewusst hätte, wie mein Comeback endet, hätte ich verzichtet, dann würde mein Name in der Tennisgeschichte einst besser dastehen?
Das dürfte davon abhängen, wie sich alles entwickelt, ab Oktober. Ich werfe mir einzig vor, dass ich damals nicht hundertprozentig vorbereitet nach Wimbledon ging. Ich wollte halt unbedingt spielen. Ich war verletzt, hatte erst zwei Wochen Tennis gespielt. Ich hätte es sein lassen sollen.
Während Ihres Comebacks wirkten Sie nie restlos zufrieden. Wie schauen Sie jetzt auf diese Phase zurück?
Bis und mit Tokio (Februar 2007) lief es super, danach nicht mehr so toll. In Tokio hatte ich stark gespielt, im Final Ivanovic geschlagen und das Turnier gewonnen. Das war ein Höhepunkt. Da dachte ich wohl, es geht jetzt so weiter. Zudem hatte ich eine Beziehung, für die ich Kompromisse einging (mit dem Tennisprofi Radek Stepanek, mit dem sie verlobt war). Ich entschied mich, ihm zu helfen, weil er verletzt war und es mir gut ging.
Sind Sie froh, es nochmals versucht zu haben?
Es brauchte schon Mut. Aber ich wollte das alles nochmals erleben, die Galadiners, die Fotoshootings, die Turniere, zuoberst auf dem Treppchen stehen. Und das tat ich, ich gewann drei Turniere. Ich genoss es, es war wie ein Bonus. Die meisten hatten nicht gedacht, dass ich noch einmal so weit nach vorne kommen würde, mit meiner Grösse und Kraft. Mein Comeback war nicht schlecht. Darauf kann ich stolz sein.
Hätten Sie ohne Dopingfall weitergespielt?
Das glaube ich weniger. Ich hätte sicher eine Auszeit genommen. Ich wusste damals auch nicht, wie sich unsere Beziehung entwickelt. Wenn es schlecht läuft, denkt man mehr ans Aufhören. Und ich habe ja damals einige Male in der ersten oder zweiten Runde verloren. Da fragt man sich schon: Ist es das noch wert? Aber immerhin konnte ich es nochmals fast zwei Jahre durchhalten. Und es waren zwei sehr schöne Jahre.
Es kursieren Gerüchte von einem erneuten Comeback. Was ist daran wahr?
Viele fragen mich, wann ich wieder spiele. Aber der Aufwand ist mir zu gross, um wieder an die Spitze zu kommen. Ich glaube nicht, dass ich den Willen und die Kraft dazu noch hätte, diese Leistungen erneut zu bringen. Woche für Woche, wie früher. An guten Tagen spiele ich zwar okay. Aber an schlechten denke ich: Jesses Gott . . . Ich habe hier ein schönes Leben, habe ein Haus, einen Freund, meine Pferde. Wenn auch noch das Wetter mitspielt, ist es wunderschön. Von Turnier zu Turnier stressen, das habe ich nicht mehr im Sinn. Aber noch ein paar Exhibitions bestreiten, das reizt mich schon.
Sie gehören weiterhin zum Doping-Testprogramm von Swiss Olympic. Warum?
Ich entschied mich, im System zu bleiben, falls ich wieder zurückkommen wollte. Auch wegen der Schaukämpfe. Sie hätten mich die ganzen zwei Jahre testen können, taten es aber nicht. Ich musste immer angeben, wo ich war, manchmal kam ich mir wie eine Verbrecherin vor.
Sie bestritten während der Sperre Schaukämpfe in Liverpool, Boston, Kalifornien, Deutschland. War das nicht problematisch?
Ich hatte viel mehr Angebote, aber ich wollte niemanden provozieren. Die meisten Auftritte waren für einen guten Zweck.
Wie intensiv spielen Sie heute noch Tennis?
Im ersten halben Jahr habe ich nicht viel gespielt, nun etwas mehr. Ich spiele noch immer gerne. Kürzlich hatte ich eine 15-jährige Deutsche namens Daria Gajos eingeladen, um einige Tage hier zu trainieren. Ich hatte sie im Januar in Berlin kennen gelernt, als sie die Berlin-Brandenburger Meisterschaften gewann. Solche Sachen will ich vermehrt machen.
Haben Sie wieder einmal mit Patty Schnyder trainiert, die in Ihrer Gegend wohnt?
Nein. Sie hat mich nie gefragt, und ich rufe sie bestimmt nicht an und sage: Ich wäre dann bereit. Ich profitiere davon, dass meine Mutter starke Juniorinnen trainiert, wie Belinda (Bencic) oder Talissa (Kucera), die zu den Besten ihres Alters gehören. Deshalb habe ich immer gute Trainingspartner.
War es Ihnen nie langweilig? Oder gibt es Dinge, die Sie entdeckt haben?
Ich nehme Motorboot-Fahrstunden, damit ich endlich mein Boot ausfahren kann. Manchmal musste ich mir schon etwas suchen. Eine Weile lang habe ich fünf, sechs Pferde am Tag geritten, damit war ich beschäftigt.
Wie steht es um Ihre Ambitionen im Reiten? Wollen Sie wieder Wettkämpfe bestreiten?
Vielleicht. Mal schauen, wie es läuft. Momentan habe ich zwei Pferde in Rüschlikon und zwei in Basel. Aber wenn man international reiten will, wird es sofort sehr teuer. Dazu braucht man auch ein gewisses Können.
Sie sagen, Sie seien privat glücklich. Haben Sie konkrete Pläne: Hochzeit, Kind?
Mein Privatleben ist stabil, ich habe einen guten Freund, bin zufrieden. Aber das ist noch zu jung, um grössere Pläne zu schmieden.
Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Ich lasse sie auf mich zukommen und schaue, was sich ergibt. Ich habe auch immer wieder Anfragen zum Spielen oder Coachen. Aber bisher konnte ich ja nicht mitreisen.
Coach Martina Hingis?
Nein, eher Berater.
Sie wollen nicht, wie einst Ihre Mutter, als Trainerin an Turniere reisen?
Nein, da würde ich lieber selber spielen. Manchmal denke ich, das Gescheiteste wäre, selber eine Familie zu gründen und mit dem eigenen Kind etwas zu unternehmen. Da hat man die grösste Kontrolle.
Sehen Sie Ihre Mutter oft?
Einmal pro Woche versuchen wir gemeinsam auszureiten, sie hat ja auch ein eigenes Pferd. Dazu treffen wir uns oft auf dem Tennisplatz.
Ihr Leben wäre eine ideale Vorlage für ein Buch. Gibt es Pläne?
Oft denke ich, irgendwann schreibe ich mit Mario ein Buch. Aber es ist noch zu früh und auch zu kompliziert. Aber immer, wenn ich Wutanfälle habe, schreibe ich etwas auf, um es nicht zu vergessen.
(Tages-Anzeiger)