«Nochmals Nummer 1, das wäre die Krönung»

Von René Stauffer . Aktualisiert am 26.04.2012
Roger Federer blickt voraus auf einen Jahrhundertsommer im Tennis. Der 16-fache Grand-Slam-Sieger weiss, welche grossen Chancen sich ihm bieten, und er tut alles dafür, sie zu packen.
«Ich bin ein Tennisspieler; das ist es, was ich am liebsten sein will, und darauf konzentrieren wir uns voll. Der Rest kann warten»: Roger Federer in Feusisberg.

Roger Federer kommt alleine, ohne Manager, ohne Pressebetreuer oder Aufpasser. Der 30-jährige Rekord-Grand-Slam-Sieger hat für diesen Mittag ein halbes Dutzend Schweizer Tennisjournalisten ins Panorama-Hotel Feusisberg eingeladen. Zuerst gibt es ein Gruppeninterview, danach Einzelgespräche. Federer wirkt locker, aber doch ernsthaft, und man spürt, dass er mitten in der Vorbereitung auf eine der vielleicht wichtigsten Phasen seiner Karriere steckt. Ab dem 6. Mai folgen sich die grossen Sandturniere in Madrid, Rom und Paris sowie die Rasenanlässe in Halle und Wimbledon innerhalb von zwei Monaten. Und dann steht schon bald das olympische Turnier auf dem Programm, das vom 29. Juli bis 5. August ebenfalls in Wimbledon ausgetragen wird.

Sie befinden sich in einer sechswöchigen Phase ohne Turniere. Holen Sie jetzt Anlauf für diesen einzigartigen Tennissommer, mit Olympia in Wimbledon als Zugabe?
Dass ich in Miami früh verlor (gegen Andy Roddick) und wir nicht Davis-Cup spielen mussten, war sicher auch Glück im Unglück. Ich hatte mehr Ferien, kann mich besser aufbauen. Allerdings hatte ich mir dieses Jahr für einmal alles offen gelassen. Falls wir im Davis-Cup die USA geschlagen hätten, hätte ich vielleicht Indian Wells und Miami ausgelassen. Von Madrid bis Wimbledon habe ich wohl nur eine freie Woche, und auch danach folgt ein grosses Pensum, deshalb war eine längere Pause wichtig.

In Madrid wird erstmals auf blauem Sand gespielt. Was sagen Sie zu dieser revolutionären Neuerung?
Ich habe keine Ahnung, wie das herauskommen wird. Wir waren dagegen, Nadal sogar vehement, und ich unterstützte ihn. Er befürchtet, dass mit einer Tradition gebrochen wird, dass ein Veranstalter blauen Sand will, der andere grauen, grünen oder roten. Ich halte es da auch eher mit der Tradition, wobei ich verstehe, dass man neue Dinge testen muss. Der Sand in Madrid muss allerdings perfekt sein, sonst wird es ein Debakel geben für das Turnier.

Sie sind nicht vehement dagegen?
Ich bin dagegen, weil Nadal dagegen ist und weil wir andere Möglichkeiten gehabt hätten. Aber Ion Tiriac (Turnierchef) hat insistiert bis zum Gehtnichtmehr. Schliesslich sagten wir: Er macht viel Gutes fürs Tennis, dann lassen wir ihn halt machen. Aber es ist nicht gut, dass er solche Dinge in der Hand hat.

Von Miami aus gingen Sie in die Karibik in die Ferien. Seit wann trainieren Sie wieder?
Bereits gegen Ende der Ferien begann ich wieder zu trainieren, ich liess einen Sparringpartner einfliegen, Jesse Levine (amerikanischer Linkshänder, ATP 132). Als ich Mitte April in die Schweiz zurückkam, konnte ich voll mit dem Training beginnen. Ich hatte auch keine Probleme mit dem Wetter, weil ich zu Beginn mehr mit Pierre Paganini an der Kondition arbeitete. Ich spielte aber genug Tennis. Neben Paul Annacone und Severin Lüthi (seine Trainer) war eine Woche lang auch Michael Berrer (Deutscher, ATP 108) hier. Ich bin voll im Fahrplan.

Haben Sie Respekt vor den Herausforderungen dieses Sommers?
Vor uns liegt eine wunderbare Phase mit vielen Höhepunkten, da ist die Motivation kein Problem. Wir Tennisspieler sind privilegiert, so viele Höhepunkte zu haben. Ich teile die nächsten Monate in zwei Blöcke ein: Zuerst die Phase mit French Open und Wimbledon, dann folgt eine dreiwöchige Pause, bevor Olympia und danach die Hartplatzsaison in Nordamerika beginnen.

Welches Turnier würden Sie 2012 am liebsten gewinnen: Paris, Wimbledon, Olympia oder das US Open?
Für mich war immer Wimbledon das Nonplusultra, und es bleibt weiterhin speziell. Dass wir dieses Jahr die Möglichkeit haben, dort einen Monat nach dem Grand-Slam-Turnier nochmals im gleichen Stadion zu spielen, ist ein grosses Glück für unsere Generation. Schön ist, dass ich überall Chancen habe. Ich hoffe, dass ich ein paar dieser Turniere gewinnen kann.

Wenn Sie wählen könnten: Wären Sie in diesem Sommer lieber Wimbledon- oder Olympiasieger?
Da habe ich keine Präferenz, beides ist gleich wichtig für mich, auch wenn Olympia den grösseren Seltenheitswert besitzt. Viele denken, dass ich mehr erreichen würde für die Schweiz mit einem Olympiasieg, doch ich sehe es nicht ganz so. Was mich freut, ist, dass wir mit einer starken Generation nach Wimbledon kommen, mit Djokovic, Nadal, Murray und mir. Das Tennisturnier dürfte in aller Munde sein. Das sollte gute Werbung sein für die Zukunft des Tennis an Olympia.

Erhöht es den Druck, dass es Ihre letzten Spiele sein könnten?
Ich erachte es nicht als unmöglich, auch in Rio zu spielen. Druck haben wir ohnehin überall. Was das olympische Turnier gefährlich macht, ist, dass am Anfang über best of 3 gespielt wird. Da reichen zehn schwache Minuten, und alles kann vorbei sein. Es ist wie eine andere Disziplin als die Grand-Slam-Turniere.

Wohnen Sie während der Spiele auch in einem Haus in Wimbledon?
Ja, wir haben während beider Turniere das gleiche Haus gemietet. Wieder einmal ein neues. Die Vermieter vom letzten Jahr wollten das Haus dieses Jahr nicht mehr geben.

Ist die Titelverteidigung im Doppel mit Stanislas Wawrinka ein grosses Ziel? Sie haben kaum mehr zusammen gespielt, sind ohnehin nur noch die Nummer 1272 im Doppel.
Doch, doch, das Olympiadoppel ist ein grosses Ziel. Aber es ist einfach schwierig für mich, auch noch im Doppel anzutreten. Ich spiele so viele Turniere und hatte auch kleinere Probleme mit dem Körper. Ich spürte meinen Fuss die ganze Zeit, in Rotterdam, am Davis-Cup, in Dubai und auch noch in Indian Wells. Das Einzige, was da wirklich hilft, sind Ferien, Erholung. Es wäre nicht schlau, wenn ich auch noch Doppel spielen würde. Aber ich hoffe, dass ich vor Olympia mit Wawrinka noch irgendwo spielen kann. Ich muss auf ihn zugehen, er wäre immer bereit.

Die meisten Ihrer Fans beschäftigen vor allem zwei Fragen: Werden Sie nochmals die Nummer 1, und holen Sie einen 17. Grand-Slam-Titel?
Ich weiss es auch nicht. Aber daran sieht man, welche unglaublichen Möglichkeiten sich mir noch bieten, wir sprechen hier von absolut grossen Erfolgen. Das ist auch der Grund, warum ich hart trainiere und noch einmal alles gebe. Die Nummer 1 ist für mich dieses Jahr möglich, aber ich muss sehr gut spielen. Djokovic kann in Paris seinen vierten Grand-Slam-Titel in Folge gewinnen, und wenn er das schafft, wird es schwierig für mich, in nächster Zeit die Nummer 1 zu werden. Das muss man respektieren. Aber er hat ja Paris noch nicht gewonnen. Und wenn ich weiterhin so gut spiele, würde ich mich zumindest in eine gute Position bringen – falls ich einen Grand Slam gewinnen sollte.

Wäre es die Krönung?
Nochmals die 1 zu werden, das wäre tatsächlich die Krönung, absolut, es wäre unglaublich. Darum setze ich alles daran und habe auch mehr Turniere gespielt.

In Monte Carlo hätten Sie theoretisch Nummer 2 werden können. Reizte es Sie nicht, dort zu spielen?
Ja, aber irgendwann wird es zu viel. Ich rannte damals auch nicht ans Turnier in Rosmalen, nur um eine Woche länger die Nummer 1 zu bleiben und den Rekord von Pete Sampras zu schlagen.

Und weshalb haben Sie das Angebot ausgeschlagen, am 14. Juli im Bernabeu-Stadion von Madrid einen Schaukampf gegen Nadal zu spielen?
Das Datum – der erste Samstag nach Wimbledon – passt mir überhaupt nicht. Da bin ich in den Ferien. Eine Woche später hätte ich es machen können, doch das war nicht möglich. Es wäre sympathisch gewesen, und ich hoffe, dass er nun mit Djokovic Erfolg hat.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Nadal in den vergangenen Monaten aufgrund der Meinungsverschiedenheiten abgekühlt? Er ist auch als Vizepräsident aus dem Players Council, in dem Sie Präsident sind, abgetreten.
Wir haben uns sicher weniger gesehen. Er war nicht in Rotterdam und Dubai, ich nicht in Shanghai, er nicht in Bercy. Wir sahen uns nur in London, Melbourne und kurz in Indian Wells. Wir haben momentan mehr Distanz, nachdem es Zeiten gab, als wir uns während Wochen fast täglich sahen. Auch aus diesem Grund sind gewisse Probleme entstanden, weil wir leider weniger kommunizieren konnten. Das soll keine Entschuldigung sein. Andererseits finde ich es auch völlig normal, dass wir Meinungsverschiedenheiten haben. Ich habe kein Problem mit Nadal, egal, was er sagt und denkt. Wichtig ist, dass er sich weiterhin für die politischen Vorgänge auf der Tour interessiert und Dinge bewegen will.

Unterstützen Sie Nadal nun bei den blauen Courts, um wieder etwas Goodwill zu erzeugen?
Das hat nichts damit zu tun. Dieses Thema war schon vor einem Jahr aktuell, vor unseren Meinungsverschiedenheiten über die Wahl des neuen CEO der ATP-Tour oder bei der Berechnungsdauer der Weltrangliste.

Viel zu gewinnen haben Sie nicht als Präsident, Sie gerieten auch schon oft in die Kritik, von Spielern wie Nadal, Stachowski oder Dawidenko. Haben Sie noch nie daran gedacht, alles hinzuschmeissen?
Klar: Wenn ich spontan reagieren würde, hätte ich vielleicht schon demissioniert. Aber ich fühlte mich noch nie wirklich persönlich angegriffen. Viele Spieler übertreiben zudem in ihren Drohungen, und dann passiert doch nichts. Einige wollten viel zu aggressiv gegen die Grand-Slam-Turniere vorgehen, weil sie finden, dass wir zu wenig an den grossen Gewinnen beteiligt werden. Roland Garros und Wimbledon haben inzwischen reagiert und Antworten gegeben, nun sind alle zufriedener.

Wimbledon hat eben das Preisgeld massiv erhöht, Verlierer in der 1. Runde erhalten 26 Prozent mehr als vor einem Jahr. Ist das der Weg, ein Erfolg für das Council?
Ja, das ist ein Erfolg, für alle Beteiligten. Wichtig ist, dass die Grand Slams fair sind. Sie können machen, was sie wollen, denn sie haben ihren Status auf sicher. In den letzten zehn Jahren wurde das Preisgeld vor allem für die Endrunden angehoben, nun war es wichtig, dass auch die anderen wieder einmal zum Zuge kommen. Den Turnieren geht es besser und besser, da sollen die Spieler etwas zurückerhalten. Es müssen ja nicht gerade 50 Prozent sein, wie bei der NBA (Basketball), aber auch nicht so wenig wie beim US Open.

Am French Open kann neben Djokovic auch Nadal Geschichte schreiben, wenn er seinen 7. Titel holt. Sehen Sie sich in Paris als potenziellen Spielverderber?
Nein. Aber es ist schon unglaublich für Djokovic, dass nun er in der Lage ist, seinen vierten Majortitel in Folge zu holen. Ich hatte diese Möglichkeit selber zweimal, Nadal bot sich die Chance 2011 in Melbourne. Das gab es in der Tennisgeschichte noch nie, dass drei Spieler in so kurzer Zeit diese Möglichkeit hatten. Ich finde es super, dass momentan die Besten alle so gut spielen. Wenn nicht ich ein Turnier gewinne, ist es meist ein anderer der Top 4. Das ist schon ziemlich unglaublich.

Sie waren in den vergangenen Monaten insgesamt der formstärkste Spieler, dennoch stehen Sie nun wieder etwas im Schatten von Nadal und Djokovic. Stört Sie das?
Das kommt daher, dass ich in Monte Carlo nicht spielte, Djokovic in Miami und Nadal in Monte Carlo gewann. Man muss nur einmal in die Ferien, schon ist alles wieder anders . . . Aber ich geniesse es auch, komplett abzutauchen, mit niemandem zu reden. Ich bin sonst omnipräsent, im Tennis, in der Schweiz. Ich bin zufrieden mit meiner Situation.

Ertappen Sie sich dabei, mehr über Ihr Leben nach dem Tennis nachzudenken? Ihre Mädchen werden grösser, sind bald dreijährig. Was hat das für einen Einfluss?
Es ist vor allem lässig. Momentan sind wir am Überlegen, wo wir einst leben wollen, wo sie in die Schule gehen. Das ist noch nicht definiert. Es sind kleine Sachen, die ich langsam entscheiden muss. Es ist schön, dass ich ihren Weg beeinflussen kann, praktisch Tag für Tag, mit der Erziehung, den Regeln, die wir aufstellen. Ich überlege mir schon häufiger, was ich machen würde, wenn ich aufgehört hätte. Ob ich coachen würde, gelegentlich Schaukämpfe bestreiten, wie Pete Sampras . . .

. . . oder Seniorenturniere wie die Zurich Open in der Saalsporthalle . . .
Genau. Momentan habe ich keine Ahnung. Es käme darauf an, wie fit ich noch bin, wie viel ich noch reisen möchte, wie viel mich meine Stiftung beschäftigt. Es ist vieles möglich, ich habe so viele Leute getroffen. Aber letztlich bin ich mir bewusst: Ich bin ein Tennisspieler; das ist es, was ich am liebsten sein will, und darauf konzentrieren wir uns voll. Der Rest kann warten.

Sie haben in Herrliberg ein Grundstück erworben. Ist es klar, dass Sie dort einst wohnen werden?
Es ist eine Option, dort etwas zu bauen. Entschieden haben wir das noch nicht.

Wollen Sie auch noch mehr Kinder?
Jetzt geniessen wir die Kleinen, sie halten uns schon genug auf Trab. Ich nehme an, dass wir das nächstes Jahr besprechen. Momentan liegt dieser Entscheid etwas in der Ferne.

Sie waren in Bern im Stadion, als der ZSC die Eishockey-Meisterschaft gewann. Sie sahen etwas geschockt aus, oder täuschte der Eindruck?
Es liess mich schon nicht ganz kalt. Ich sass mit Seve (Lüthi) dort, und er war extrem für den SCB. Als das Tor fiel, dachte ich, mein Gott, das kann ja nicht sein. Aber darum schauen wir gerne Sport, weil wir nicht wissen, was passieren wird. Es war brutal für den SCB, aber eine unglaubliche Leistung des ZSC. Mir machte es Spass, ich schaue sehr gerne Eishockey. Aber mir tat es leid, für die Berner Fans und Spieler. Aber sie hatten ihre Chance, und mit so etwas muss man leben können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2012, 10:25 Uhr

tr_fbConnectError

ATP Weltrangliste

RNameP
1.SRBNovak Djokovic14865
2.SUIRoger Federer9065
3.SCOAndy Murray8840
4.JPNKei Nishikori6205
5.SUIStan Wawrinka5710
6.CZETomas Berdych5230
7.ESPDavid Ferrer3695
8.ESPRafael Nadal3680
9.CROMarin Cilic3550
10.CANMilos Raonic2880
Mehr...
Stand: 30.08.2015 22:37

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...


Weitere Artikel zum Thema

Stichworte

Dossiers

Weitere Artikel Sport