Zumindest vorübergehend getrennt: Simon Ammann und Servicemann Gerhard Hofer. Bild: KEYSTONE/AP
Christian Andiel, kommt die Auszeit Gerhard Hofers überraschend?
Jein. Gerhard Hofer hat schon während Olympia in Whistler angekündigt, dass er nach der Saison für eine längere Zeit Urlaub nehmen wird. Er hatte das zwar nie als «Auszeit» deklariert, aber er hat damals schon gesagt, dass er seine Ruhe brauche, weil gerade die letzten Monate enorm anstrengend gewesen seien. Vor allem das «Bindungstheater» mit seinen ehemaligen österreichischen Betreuerkollegen hat ihm schon zu schaffen gemacht.
Wie gross schätzen Sie die Chance ein, dass er zurückkehrt?
Hofer hat sich die Hintertür nicht umsonst offengelassen: Hätte er vom Schweizer Team die Nase voll, hätte er ganz gekündigt. Er schätzt die Arbeit mit den Trainern und vor allem den Athleten, und er wird bald erkennen, dass er in Berni Schödler einen sehr guten Nachfolger von Gary Furrer als Disziplinenchef hat. Ich schätze die Chancen also durchaus gut ein, dass er nach seiner Auszeit zum Team zurückkehrt.
Wie wichtig ist der Servicemann für ein Skisprungteam?
Er ist enorm wichtig. Erstens sorgt er dafür, dass der Springer im Anlauf auf die maximale Geschwindigkeit kommt. Zweitens wird in jedem Team an allen Ausrüstungsgegenständen herumgebastelt, so weit es das Reglement zulässt. Die Genialität des Servicemanns kommt hier also zum Ausdruck, und Hofer ist eindeutig einer der Besten, wenn nicht sogar der Beste. Man hat bei der leichten Modifikation von Ammanns Bindung gesehen, welche Auswirkungen das haben kann: Eher geringe in der tatsächlichen Verbesserung der Flugeigenschaft, zum Teil ganz extreme dann aber im mentalen Bereich: Die Konkurrenz weiss, welche Vorteile der andere Athlet hat, das kann verunsichern. Und auch die angesprochenen geringen Auswirkungen können bei der Dichte in der Weltspitze über Sieg und Rang 2 entscheiden.
Könnte das für Simon Ammann zumindest psychisch Auswirkungen haben?
Das ist sehr schwer zu sagen. Momentan strotzt Ammann dermassen vor Selbstbewusstsein, dass ein Abgang von Hofer ihn nicht aus der Bahn wirft. Die Frage wird sein, was passiert, wenn es einmal nicht mehr so gut läuft. Im Zweifel werden alle Sachen hinterfragt. Ammann wird auf jeden Fall alles tun, was in seiner Macht steht, um Hofer nach dessen «Auszeit» den Verbleib im Team nahezulegen.
Steht ein möglicher Nachfolger bereit?
Cheftrainer Martin Künzle und der neue Disziplinenchef Schödler sind national und international so gut vernetzt, dass sie mögliche Nachfolger kennen und vielleicht sogar schon erste Kontakte geknüpft haben. Ihnen sind aber natürlich die Hände so weit gebunden, dass sie nicht zu weit vorpreschen dürfen, sonst hat Hofer das Gefühl, dass er nicht mehr gebraucht wird. Denn eines ist klar: Einen echten Ersatz für Hofer gibt es momentan in der Springerszene nicht. Es bleibt also zu hoffen, dass Hofer auf seiner Salzburger Alp die nötige Ruhe findet – und neue Ideen hat, denn dann wird er alles tun, um diese mit dem Schweizer Team gegen die Konkurrenz einzusetzen.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )