Der Kapitalismus taumele von Krise zu Krise und erledige sich am Ende selbst, schrieb Marx. Bekommt er doch noch recht?
Nein. Aber auch das Gegenteil, dass der Kapitalismus aus jeder Krise gestärkt hervorginge, ist nicht richtig.
Ist dies das Ende des Kasino-Kapitalismus?
Auch so weit würde ich nicht gehen. Und die Zeit des ungezügelten Neoliberalismus ist mit Bushs Präsidentschaft bereits zu Ende gegangen. Aber: Solange der Finanzmarkt relativ frei bleibt, wird es weiterhin Übertreibungen geben und zu Kasino-ähnlichen Blasen kommen.
Selbst europäische Grossbanken kommen jetzt in Staatshand. Ist dies – historisch gesehen – tatsächlich so unbedeutend?
Es ist zumindest nicht ungewöhnlich. Das gab es immer wieder. Das Bedeutsame ist, dass die Staatseingriffe derart radikal sind. Das zeigt, wie tief die aktuelle Krise ist. Aber nochmals: Nehmen Bankenkrisen wirklich schlimme Ausmasse an, haben Staaten schon immer rettend eingegriffen. Das war in Schweden und Japan in den frühen Neunzigerjahren und in Norwegen Ende der Achtzigerjahre so. Und auch in der Schweiz, als zum Beispiel die Berner Kantonalbank vom Staat gerettet werden musste. Das ist – historisch betrachtet – ein ziemlich normaler Prozess, der jeweils zur Anwendung kommt, wenn sich der Markt nicht mehr selber helfen kann.
Wir erleben die grössten konzertierten Staatsinterventionen der Nachkriegsära. Ist dies die Geburtsstunde einer neuen Weltfinanzordnung?
Auch dies bezweifle ich. Dass man bei der Bewältigung der Krise international koordiniert vorgeht, ist ein grosser Fortschritt. Aber auch das ist nicht neu.
Neu ist aber, dass man versucht, diese Krise international konzertiert zu bewältigen.
Das stimmt. Aber schon bei der LTCM-Krise vor zehn Jahren wurden die Banken zum Mitmachen gezwungen. Auch bei der Mexiko-Krise in den Achtzigerjahren und beim Börsencrash 1987 war das nicht viel anders. Neu ist das Ausmass. Wie sich die USA und EU jetzt zusammengerauft haben, ist schon sehr erstaunlich. Dass aus dieser Intervention aber gleich eine neue Weltfinanzordnung hervorgehen wird, bezweifle ich. Erst recht, wenn sie Erfolg hat.
Führen derart starke staatliche Eingriffe zu einer nachhaltigen Aufwertung der Politik?
Im Moment wird klar, wie die Rollen zwischen Wirtschaft und Politik verteilt sind. Das ging in den letzten Jahren unter. Aber man wird den Finanzsektor nicht so stark an die Kandare nehmen, dass er nicht mehr selbstständig geschäften kann.
Es ist ja auch nicht so, dass die Politik ganz unschuldig an dieser Krise wäre.
Vor allem in den USA nicht, wo man bewusst die Ideologie der Ownership Society forcierte. Es kann ja nicht sein, dass selbst Leute, die kein Einkommen und keinen Job haben, Häuser kaufen. Die Aufsicht hätte hier viel entschiedener auf die bestehende Regulierung pochen und sagen müssen: So kann das nicht laufen.
Die US-Notenbank war mit ihrer Politik des billigen Geldes auch nicht ganz unschuldig.
Man muss sie aber etwas in Schutz nehmen. Sie ist in einer viel schwierigeren Position, weil sie auch auf Ansprüche aus der Innenpolitik reagieren muss. Aber natürlich wird sie das nächste Mal zurückhaltender sein bei der Versorgung der Märkte mit Liquidität.
Wird die absehbar härtere Regulierung die Bankenwelt nachhaltig reformieren? Macht sie – plakativ gesprochen – aus globalen Finanzriesen brave Sparkassen?
Bestimmt nicht. Und das wäre auch nicht wünschbar. Man kann die grossen, weltweit agierenden Banken etwas bremsen, indem man etwa die Eigenkapitalvorschriften erhöht. Der Punkt aber ist: Das Finanzsystem ist an sich etwas Instabiles, und man kann es mittels kleiner Regulierungsänderungen etwas stabiler machen. Aber man hat nur die Wahl zwischen einer totalen Regulierung der Banken – und hat dann ein völlig anderes Wirtschaftssystem – oder dem heutigen System. Dann muss man aber akzeptieren, dass es immer wieder Instabilität gibt und zu Übertreibungen kommen wird. Man kann Krisen abschwächen, aber man kann sie nicht prinzipiell verhindern.
Wie muss die Regulierung verändert werden?
Man erlebt im Moment, wie wichtig es ist, dass Aufsichtsbehörden sehr gut informiert sind und über genügend Rückgrat verfügen, um im entscheidenden Moment Auflagen durchzusetzen. Wenn sie das nicht leisten, kann man lange regulieren, es nützt trotzdem nichts. Zudem sehe ich selbst bei einer Erhöhung des Eigenkapitals Gefahren: Wenn man gleichzeitig nicht auch die Renditeerwartungen reduziert, führt dies nur dazu, dass die Banken noch riskanter agieren. Das zeigt: Eine gute Regulierung ist eine unheimlich delikate Angelegenheit.
Was ist die historische Lektion dieser Krise?
Es werden neue Leitplanken gesetzt, dass sich diese Krise nicht wiederholen kann. Und der amerikanische Hypothekarmarkt wird solches in den nächsten zwanzig, dreissig Jahren nicht mehr zulassen. Alles andere wird sich wohl nicht grundlegend verändern. Es wird neue Blasen geben. Wir wissen nur nicht, wann und in welchem Bereich.
(Tages-Anzeiger)