«Die Bankangestellten haben Angst»

Interview: Claudio Habicht . Aktualisiert am 30.09.2008
Die Finanzkrise setzt den Schweizer Bankern zu: Viele haben Angst um ihren Jobs. Dies sagt Verbandspräsidentin Marie-France Goy und fordert ungeachtet der Krise mehr Lohn.
Ein Bier über die Angst: Banker im Carlton Pub in Zürich. Bild: KEYSTONE/AP

Frau Goy, in den USA kollabiert eine Bank nach der anderen. Nun stehen auch in Europa Banken vor dem Abgrund: Haben die Bankangestellten in der Schweiz Angst?
Marie-France Goy: In der Tat: Die Finanzkrise kommt näher. Auch in der Schweiz werden wir die Auswirkungen der Krise zu spüren bekommen. Betroffen sind derzeit vor allem die 14'000 Angestellten der ausländischen Banken, die hier tätig sind. Für die 50'000 Mitarbeiter der Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse herrscht noch Ruhe vor dem Sturm: Momentan ist erst bekannt, dass die beiden Banken 1500 Stellen abbauen werden. Doch die Stimmung ist ungesund, die Bankangestellten haben Angst.

Rechnen Sie mit einem weiteren Stellenabbau bei UBS und CS?
Zurzeit nicht. Dass einige Stellen abgebaut werden, scheint fast sicher. Doch es ist ungewiss, wie viele. Das trägt auch zur Verunsicherung unter den Bankangestellten bei.

Auch die öffentliche Meinung dürfte den Bankern zusetzen. Viele sagen, es geschehe den Bankern recht, wenn diese ihren Job verlieren. Schliesslich hätten sie die Krise mitverschuldet – und daran noch kräftig verdient.
Das glaube ich nicht. Meiner Meinung nach haben die Schweizer Verständnis für die schwierige Situation der Bankangestellten. Und was die Entlöhnung betrifft: Die Löhne und die Boni sind in der Schweizer Bankenbranche normal, nicht spektakulär. Das harte Urteil der Leute ist nicht gerecht. Für die Bankangestellten bedeutet dies allerdings noch mehr Druck, doch da muss man durch.

Ist der Banker-Beruf in der Schweiz unter diesen Umständen noch attraktiv?
Bis jetzt habe ich noch nicht gehört, dass ein Bankangestellter wegen der Finanzkrise den Hut genommen hat. Auch die 5000 Lehrlinge in der Bankenbranche sind mehrheitlich zufrieden.

Der Personalverband der Banken fordert trotz der Finanzkrise und der 2009 drohenden Rezession 4,5 Prozent mehr Lohn für die Bankangestellten. Ist das noch realistisch?
Die 4,5 Prozent sind eine Empfehlung. Aber 2 bis 3 Prozent sollten realistisch sein. Es ist wichtig zu sehen, dass es nicht allen Banken schlecht geht: Die Kantonalbanken zum Beispiel haben genügend Mittel, um die Löhne ihrer Angestellten zu erhöhen. Sollten die Banken nicht auf die Forderungen eingehen, werden wir Verhandlungen suchen.

Was macht der Bankenpersonalverband, falls das Horrorszenario eines Bankrotts von UBS und CS eintritt?
Das wäre wie ein Tsunami – und zwar nicht nur für die Banken, sondern für die ganze Schweiz. Viele hochqualifizierte Leute würden auf der Strasse stehen. Dann müsste der Staat einspringen, alleine könnten wir nichts mehr ausrichten.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 30.09.2008, 11:44 Uhr

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