Einsteigen? Zuwarten? Die Börsentipps von vier Experten

Von Hansueli Schöchli . Aktualisiert am 29.06.2009
In der Krise hat es sich erneut gezeigt: Börsenprognosen sind oft schrecklich falsch. Dennoch wagen vier Experten nun den Blick auf die nächsten zwölf Monate.
Bild: KEYSTONE/AP

Der Mensch kann nicht in die Zukunft sehen. Dennoch muss er laufend Prognosen machen – sei es als Konsument, Unternehmer, Stellensuchender oder Anleger. Hinter solchen Prognosen steckt typischerweise eine Mischung aus Bauchgefühl, Erfahrung, Theorie und Emotionen. Unvermeidlich dabei: Manchmal geht die Sache gründlich in die Hosen. Die laufende Finanz- und Wirtschaftskrise ist ein Lehrbuchbeispiel dafür: Kaum einer hat das Ausmass dieser Krise vorausgesehen. Selbst nach dem Ausbruch der Krise vor zwei Jahren sahen sich die meisten Fachleute von der Entwicklung immer wieder überrollt: Es kam noch weit schlimmer als befürchtet.

Unberechenbarer Aktienmarkt

Das gilt auch für die Aktienmärkte. Der breite Schweizer Aktienindex SPI sollte heute «eigentlich» bei 6150 bis 7200 Punkten liegen. Dies war jedenfalls die Bandbreite der Prognosen in der «Bund»-Umfrage von Mitte 2008. Effektiv liegt der Index nur bei rund 4600 Punkten – über 20 Prozent tiefer als ein Jahr zuvor statt deutlich höher wie vorausgesagt. Wie immer gibt es im Nachhinein plausibel klingende Erklärungen für die Ereignisse. Eine davon: Die Verluste des Bankensektors lagen massiv über den Erwartungen. Eine weitere: Auch die Folgen der Finanzkrise für die Weltkonjunktur waren massiv schlimmer als vorausgesehen.

Immerhin: In den vergangenen drei bis vier Monaten haben die Aktienmärkte für einmal positiv überrascht: Nach der unerwartet ruppigen Baisse setzten die Börsen zu einer unerwartet kräftigen Erholung an. Der Weltaktienindex von Morgan Stanley hat seit seinem Tiefstand im März über 30 Prozent zugelegt, der Schweizer SPI gewann knapp 30 Prozent.

Trendwende oder vorübergehende Erholung vor dem nächsten Taucher? Trotz allen Erfahrungen erdreistete sich der «Bund» zur Jahresmitte erneut, vier Anlageprofis um das Unmögliche zu bitten – um zuverlässige Prognosen für die kommenden zwölf Börsenmonate. Den Stand eines Börsenindexes in 6,12 oder 24 Monaten kann keiner kennen – ebenso wenig wie die Lottozahlen der nächsten Woche. Die Prognosen sind denn auch nicht auf die Goldwaage zu legen. Sie sollen lediglich als Illustration dafür dienen, wie Experten eine mögliche Zukunft sehen.

Deutlich höher in 12 Monaten

Und hier ist die gute Nachricht: Gemäss den befragten Fachleuten ist wenigstens an den Aktienbörsen das Schlimmste überstanden. Das Tiefkursniveau von diesem März wird man laut den Prognostikern nicht mehr sehen – auch wenn diese einen erneuten Taucher ab dem aktuellen Kursstand als durchaus möglich betrachten. Der Schweizer Index SPI (der nebst den Aktienkursen auch die Dividendenzahlungen enthält) liegt laut der Bandbreite der Prognosen in zwölf Monaten 8 bis 25 Prozent höher als heute. Hinter diesem relativen Optimismus stecken vor allem zwei Überlegungen: (1) Die grössten Ängste um einen Zusammenbruch des Finanzsystems scheinen hinter uns zu liegen. (2) Die Rezession geht zwar noch weiter, doch die Talsohle ist näher gerückt – was bald die Erwartungen über künftige Firmengewinne heben könnte und damit den Aktienmärkten Rückenwind verschaffen mag.

Die Gesundheitswarnung darf aber nie fehlen: Es kann – einmal mehr – ganz anders kommen. Die zuverlässigste Prognose ist wohl diese: Es wird weiter Überraschungen geben. Ob positive oder negative, ist die grosse Frage.

(Der Bund)

Erstellt: 29.06.2009, 10:25 Uhr

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