Das Gerede von einem gesunden Franken

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 15.06.2009
Die Finanzkrise scheint fürs Erste besiegt. Heisst dies, dass wir nun Angst vor einer Inflation haben müssen? Und was bedeutet das für den Franken?
topelement Wie stark muss die Währung sein? Politiker wollen zurück zum Goldstandard.
Drei SVP-Nationalräte haben eine Bürgeraktion mit den Namen «Gesunde Währung» ins Leben gerufen. Sie wollen damit erreichen, dass der Schweizer Franken ausreichend mit Goldreserven gedeckt ist, dass die Regierung alles unternimmt, um Inflation zu verhindern und aus dem Internationalen Währungsfonds (IWF) austritt. Man kann die Aktion von Lukas Reimann, Luzi Stamm und Ulrich Schlüer leicht als rechtspopulistische Panikmache und ökonomische Scharlatanerie abtun. Doch die drei Politiker sprechen eine reale Angst vieler Menschen in der aktuellen Wirtschaftssituation an. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit haben die Regierungen der Welt in Friedenszeiten so viel Schulden gemacht. So haben die Ökonomen des IWF in einer letzte Woche veröffentlichten Studie aufgezeigt, dass allein die Verschuldung der zehn reichsten Länder zwischen 2007 und 2010 um rund 9000 Milliarden Dollar zunehmen wird.

Gelungene Aktion

Auf dem Höhepunkt der Krise wurde die Politik mehr oder weniger klaglos geschluckt. Schliesslich galt es, den Kollaps des internationalen Finanzsystems und ein Abgleiten in die Depression zu verhindern. Dies scheint gelungen zu sein. Die Finanzminister der G-8-Staaten erklärten am Wochenende den Patienten für stabil. Die Stresstests der Banken seien mehrheitlich positiv ausgefallen, und es gebe Anzeichen für eine Stabilisierung der Wirtschaft, hiess es in einem gemeinsamen Communiqué.

Doch die Stabilisierung des Finanzsystem löst nicht nur Freude aus. Die Angst vor Inflation nimmt zu, obwohl die Teuerungsraten in den Industriestaaten gegen Null tendieren. Ausgelöst worden ist diese Angst durch einen Anstieg der Rendite der 10-jährigen amerikanischer Staatsobligationen, den Treasuries. Das wurde umgehend als Vorbote einer drohenden Hyperinflation gedeutet. Notorische Untergangspropheten wie Marc Faber vergleichen die USA sogar mit Zimbabwe. Aber nicht nur sie sehen ihre Stunde gekommen. Auch hoch angesehenes Leute wie der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson und der Währungsspezialist John Tylor warnen vor einer drohenden massiven Geldentwertung – in der «Financial Times» wohlgemerkt.

Intervention unnötig

Wie berechtigt ist diese Angst vor einer neuen Hyperinflation? Es kommt darauf an, wie man die aktuelle Wirtschaftskrise einschätzt. Niall Ferguson beispielsweise vertritt die These, dass die Angst vor einer Depression übertrieben war und die massiven Interventionen von Regierungen und Nationalbanken deshalb unnötig waren. Mehr noch: Gerade wegen dieser Interventionen sind die Staatsschulden bald auf einem Niveau, dass sie nur noch via Inflation beseitigt werden können. Ferguson bezeichnet es als schweren Fehler «eine Wirtschaftspolitik wie im Krieg zu führen, um eine Rezession zu bekämpfen».

Ähnlich argumentieren auch die Konservativen in der Schweiz. Sie beschimpfen die Medien, die Krisenhysterie zu schüren, halten Konjunkturpakete für schädlich und machen sich höchstens um die Stabilität des Frankens Sorgen.

Nötig und richtig

Diese Einschätzung wird von den meisten Ökonomen nicht geteilt. So ist das renommierte Wirtschaftsmagazin «Economist» überzeugt, dass die massiven Interventionen des Staates und damit die Verschuldung nötig und richtig waren. «Wären die Regierungen nicht eingeschritten, löste das neue Sparverhalten der Privatpersonen eine noch schlimmere Rezession aus», schreibt er in seiner aktuellen Ausgabe. «Die Steuereinnahmen würden in diesem Fall noch mehr sinken, die Banken würden noch mehr wanken und die Staatsverschuldung würde noch grösser werden.» Genau dies ist eingetreten. als Japan in den Neunzigerjahren in einer ähnlichen Situation auf die Schuldenbremse getreten ist.

So verständlich die Angst vor einer Inflation ist, sie ist trotzdem falsch. Wenn die Nationalbanken ihre Geldmenge ausweiten, führt dies nicht automatisch zu einem Teuerungsschub. Im Gegenteil: Japan hat zwischen 1997 und 2005 die Geldmenge beinahe verdoppelt. Trotzdem litt die Wirtschaft unter einer hartnäckigen Deflation, einer Geldentwertung.

Deshalb ist derzeit nicht eine drohende Inflation die wirkliche Gefahr, sondern dass im Namen einer «gesunden Währung» eine illusionäre Inflation bekämpft und damit eine mögliche Erholung der Wirtschaft verhindert wird.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnetz )

Erstellt: 15.06.2009, 11:58 Uhr

Interaktiv

Weitere Artikel Wirtschaft