Die Schweiz – kein Land für Ferientechniker

Von David Vonplon . Aktualisiert am 14.02.2012
Am 11. März stimmen die Schweizer über die Volksinitiative «6 Wochen Ferien für alle» ab. Obwohl die Beschäftigten hierzulande mehr arbeiten als im nahen Ausland, sind die Chancen der Initiative gering.
topelement Nirgendwo in Europa wird so viel gearbeitet wie bei uns: Kleber für die Travailsuisse-Initiative. Bild: Keystone Mehr Bilder (2)

Für die vielen Zuwanderer, die derzeit in die Schweiz kommen, mag der hiesige Arbeitsmarkt ein Paradies sein. Gleichzeitig haben immer mehr einheimische Arbeitskräfte Mühe, die Hektik und den Druck im Arbeitsalltag auszuhalten: Ein Drittel der Beschäftigten hält sich für chronisch stressgeplagt und gesundheitsgefährdet, besagt eine aktuelle Studie des Bundes. Vor diesem Hintergrund wirbt die Gewerkschaft Travailsuisse mit einer Volksinitiative für mehr Pausen: Der gesetzliche Ferienanspruch soll von vier auf sechs Wochen erhöht werden. Stimmt die Bevölkerung zu, erhalten die Beschäftigten ab 2013 fünf Wochen Ferien. In den darauffolgenden fünf Jahren soll der Anspruch jedes Jahr um einen zusätzlichen Tag wachsen.

Nirgendwo sonst in Europa wird so viel gearbeitet wie bei uns: Mit einer durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von 44 Stunden liegt die Schweiz deutlich vor Frankreich, Österreich oder Deutschland. Der überdurchschnittliche Arbeitseifer der Eidgenossen schlägt sich auch in der Statistik nieder: In einem Ranking der Beratungsfirma Mercer liegt die Schweiz im Europavergleich weit abgeschlagen hinter Ländern wie Frankreich, Finnland, Österreich oder auch Griechenland und Spanien. Nicht zuletzt darum sei die zusätzliche Woche Ferien – heute liegt der jährliche Durchschnitt bei fünf Wochen – wirtschaftlich verkraftbar, findet Travailsuisse.

China: Arbeitswoche hat 6 Tage

Ein Vergleich mit den Ländern USA, Kanada oder China relativiert das Bild vom fleissigen Schweizer: In diesen Ländern arbeiten die Beschäftigten deutlich mehr – und machen weniger Ferien. Im Reich der Mitte hat die Arbeitswoche sechs Tage – häufig auch sieben. Und wer weniger als zehn Jahre in einem Unternehmen arbeitet, hat nur Anspruch auf fünf Ferientage im Jahr. Danach steigt der Anspruch auf zehn Tage. In den USA gibt es für Firmen gar keine Pflicht, den Arbeitskräften Ferien zu gewähren – in aller Regel erhalten die Beschäftigten 15 Ferientage. In einer Zeit, in der einheimische Betriebe immer häufiger einer globalen Konkurrenz ausgesetzt sind, kann das entscheidend sein: «Die Produktivität muss entsprechend hoch sein», sagt Alexander Salvisberg, Arbeitssoziologe an der Universität Zürich.

Die Gleichung von Travailsuisse lautet folgendermassen: Da erholte Arbeitskräfte produktiver und weniger krankheitsanfällig sind, profitiert die Volkswirtschaft sogar von der zusätzlichen Ferienwoche. Sie wird gestützt durch Arbeitsmediziner: Laut Dieter Kissling, Chef des Instituts für Arbeitsmedizin in Baden, macht gerade bei Jobs mit zeitlich und emotional hoher Belastung eine zusätzliche Ferienwoche Sinn. Er ist überzeugt, dass Stressfolgekrankheiten wie Depressionen, Burn-out und Schlaflosigkeit zurückgehen würden.

Mehr Ferien heisst mehr Arbeit

Sozialwissenschaftler haben ihre Zweifel: «In der Vergangenheit hatte eine Verkürzung der Arbeitszeit – etwa durch mehr Ferien – stets eine Intensivierung der Arbeit zur Folge», sagt Arbeitssoziologe Alexander Salvisberg. Aus ökonomischer Sicht sei die Volksinitiative deshalb paradoxerweise kein Horrorszenario: «Die meisten Betriebe dürften die Zitrone einfach etwas stärker auspressen», glaubt er. Auf die Schaffung neuer Stellen würden sie aber wohl verzichten. Die Ausnahme bilden hier Branchen wie etwa die Gastronomie, wo die Präsenz am Arbeitsplatz unerlässlich ist.

Auch George Sheldon, Arbeitsmarktökonom an der Universität Basel, sagt, die Initiative verfehle ihr Ziel: «Aus Sicht der Arbeitgeber schafft sie den finanziellen Anreiz, die Belegschaft stärker zu beanspruchen», so der Ökonom, weil mit zusätzlichen Ferien die Fixkosten für die Beschäftigung stiegen. Die Firmen liessen also ihre Beschäftigten mehr arbeiten, statt neues Personal einzustellen.

Dass ein höherer Ferienanspruch zu mehr Arbeitslosigkeit führe, glaubt Sheldon nicht: Internationale Querschnittuntersuchungen stellten keinen Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Beschäftigung fest. Dies, obwohl streng ökonomisch gesehen die zusätzliche Ferienwoche zu einem Rückgang der Beschäftigung führen müsste: Die Arbeit wird teurer, wenn Arbeitskräfte mehr Ferien erhalten. Entsprechend sinkt die Nachfrage nach Arbeit. Arbeitgeber- und Gewerbeverband führen denn auch ins Feld, dass Probleme entstehen könnten für KMU, die am Rand der Wirtschaftlichkeit arbeiten und die Arbeit nicht auf mehrere Leute verteilen können. Daran mag es in der unsicheren Wirtschaftslage liegen, dass die Ferieninitiative wenig Erfolgschancen hat. Fünf Wochen vor der Abstimmung sprachen sich in Umfragen 55 Prozent der Bevölkerung gegen zusätzliche Ferien aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2012, 07:05 Uhr

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