«Die Schweiz ist ein einfaches Ziel»

Von Constantin Seibt . Aktualisiert am 11.02.2012
Der britische Journalist und Autor Nicholas Shaxson sagt, Steueroasen seien nichts mehr für Gentlemen. Das bekommt die Schweiz zu spüren.


Die Credit Suisse

CSGN 19.09-1.39% schickt dieser Tage ein erstes Paket Kundendaten in die USA. Ist das der Anfang vom Ende des Bankgeheimnisses?
Noch nicht. Noch lange nicht. Es ist nur ein Riss in der Mauer. Und ein Schock für amateurhafte Kunden. Für Profis besteht das Bankgeheimnis aus viel sichereren Konstruktionen: Man hat die Tarnfirma im einen Land, deren Strohmänner im zweiten und das Geld liegt im dritten. Die Schweiz ist eine grosse, aber nur eine Perle in einer Kette von etwa 60 Steueroasen. Und ihr Bankgeheimnis ist nur gegenüber einem einzigen Land zusammengebrochen. Dem einzigen, das dafür gekämpft hat: die USA.

Schweizer Banker sind empört. Sie haben nur getan, was sie stets taten: steuerfeindliche Kunden akquiriert. Plötzlich ziehen die USA die Pistole.
Den Grund dafür liest man in jeder Zeitung: Finanzkrise, Bankenrettung, Riesendefizite, der Riss zwischen Ultrareichen und Mittelklasse. Was die Banken verpasst haben, ist ein fundamentaler Wandel: die Ideologie, dass Steuern an sich schlecht sind, fällt zusammen. Steueroasen sind nichts mehr für Gentlemen. Zudem beginnen die Präsidentschaftswahlen. Wenn Mitt Romney Kandidat wird, hat Obama mit Steuern ein fantastisches Wahlkampfthema. Romney ist hier verwundbar.

Warum haben die Banken keine Zeitung gelesen?
Routine. Arroganz. Zufriedenheit. Sie haben 20 Jahre gesiegt. Manchmal gab es Ärger. Aber am Ende stampften die Finanzinstitute fast jede Regulierung in den Boden. UBS

UBSN 11.15-0.89% und CS haben ein Heer von Lobbyisten in Bern, aber auch in Washington. Sie konnten sich schlicht keinen ernsthaften Angriff vorstellen.

Das heisst: Sie glaubten an die eigene Propaganda?
Yes.

Eine grosse Sünde.
Aber verständlich. Entschlossene Kritik an Steueroasen ist noch sehr jung. Bei den NGOs begann sie erst nach 2001, im Mainstream erst vor drei, vier Jahren.

Warum interessierte sich lange Zeit niemand dafür? Zu langweilig?
Offshorebanking ist vor allem im Detail grausam kompliziert. Gleichzeitig haben nur die Leute wirklich Überblick, die im System Karriere gemacht haben. Die kleinen Fische kennen nur ihren kleinen Ausschnitt. Das heisst: Wer redet, weiss nichts. Und wer etwas weiss, redet nicht. Sondern schweigt in seiner Villa.

Im Fall Schweiz fällt auf, dass das System von innen verraten wurde. 80 Jahre herrschte Ruhe. Jetzt reisen überall Herren herum und verkaufen CDs mit Kundendaten. Ist das so, weil die immer besser bezahlten Banker nur noch Söldner sind?
Die interessante Frage ist eher, warum nicht schon früher Daten gekauft wurden. Die umliegenden Staaten hatten wenig Interesse daran. Offshorestrukturen, legale und illegale, sind Werkzeuge der Elite. Man muss sie sich leisten können: Topanwälte, Toprevisionsgesellschaften, Firmengeflechte – das ist für mächtige Leute, Ultrareiche und Konzerne. Nichts für Angestellte.

Die Milliardärin Leona Helmsley sagte einmal: «Nur kleine Leute zahlen Steuern.»
Das ist der Punkt. So komplex die Konstruktionen sind, so einfach ist das Ergebnis: Grosses Geld zahlt immer weniger Steuern. Überall in den letzten 20 Jahren ist das Vermögen der Superreichen fantastisch gewachsen; der Rest hat so gut wie nichts gewonnen. Multinationale Konzerne erhalten durch Steuervermeidung enorme Wettbewerbsvorteile gegenüber kleineren Konkurrenten. Sie beschäftigen Armeen von Buchhaltern, um Verluste in Hochsteuerländer, Gewinne in Steueroasen zu schieben.

Wäre ich ein Konzern, könnte ich meine Steuern auf null bringen, indem ich meine Artikelideen superteuer aus einer Briefkastenfirma in Delaware importieren liesse.
Neulich habe ich mit einem Komiker in London etwas getrunken. Der kam auf die gleiche Idee. Er plante, ein Depot von Witzen auf Jersey zu eröffnen. Und bei jedem Witz dann Lizenzgebühren zu zahlen. Was oft übersehen wird, ist, wie gross das System ist: Etwa 60 Prozent aller Handelstransaktionen finden nicht zwischen Konzernen statt, sondern in den Konzernen. Zur Steueroptimierung. Die drei grössten Bananenmultis Chiquita, Dole, Del Monte machten in Grossbritannien 2006 Geschäfte von 750 Millionen Dollar. Ihre Steuerrechnung betrug zusammen 235'000 Dollar.

Haben Staaten da noch eine Chance?
Industriestaaten schon. Die Steueroasen reissen immer neue Lücken auf. Immer tiefere Steuern. Immer neue Geheimhaltungsklauseln. Und die Gesetzgeber stopfen sie. Dabei haben Industrieländer wesentlich mehr Know-how als Entwicklungsländer: Sie schaffen es, deutlich mehr als 50 Prozent ihrer ohne Tricks geschuldeten Steuern einzukassieren. Weniger clevere Länder bluten richtig. Man schätzt, dass auf einen Dollar Entwicklungshilfe 10 Dollar in die Kassen der Multis abfliessen.

Die grössten Steueroasen der Welt, die USA und Grossbritannien, sind trotzdem pleite. Sogar kleine Steueroasen wie Wollerau oder Freienbach haben Finanzprobleme.
Das Problem ist, dass das Offshoresystem Konzernen und Reichen eine enorme Erpressungsgewalt in die Hand gibt. Sie sagen: Tut, was wir wollen, oder wir sind weg. Auch Onshoregebiete müssen die Offshorelogik übernehmen. In der EU haben sich in den letzten 30 Jahren Spitzensteuersätze und Unternehmenssteuern halbiert.

Sie leben seit drei Jahren hier in Zürich. Wie merkt man eigentlich, dass man in einer Steueroase lebt?
Gar nicht. Sie ist unsichtbar. In Zürich gibt es eine Menge Banken, das ist alles. Merken tut man es nur am Flughafen. Hier hängen neben Cartier-Uhren überall Werbungen für Finanzinstitute. Das ist in Jersey oder auf den Bahamas nicht anders. So sieht der Flughafen auf allen Finanzplätzen aus, die weit über die einheimische Kundschaft hinausgehen.

Ist die Schweiz Schwarzgeld-Destination Nummer 1, wie in jedem zweiten Bond-Film beschrieben?
Bond ist auch oft auf den Bahamas.

Auf den Bahamas trifft Bond immer Frauen. In der Schweiz nur Banker.
Was die verwalteten Privatvermögen angeht, ist die Schweiz Nummer 1. Was durchlaufende schmutzige Gelder betrifft, liegen die USA vorn. Und politisch ist bei Schwarzgeld London führend.

In der Schweiz spricht man von einem Wirtschaftskrieg: Steueroase USA gegen Steueroase Schweiz.
Ja, es ist ein Wirtschaftskrieg. Aber die Schweizer Banken haben die ersten Schüsse abgefeuert. Die USA verteidigen ihre legitimen Interessen: Sie wollen die Steuern ihrer Bürger sehen. Kein Wunder, greifen sie zur Kanone.

Aber ist es nicht Heuchelei, wenn ...
Natürlich. Die USA sind mit Delaware, Wyoming, Florida, Nevada eine der drei grossen Steueroasen. Dies nicht aus Zufall: Die Gesetze, mit denen Ausländer Firmenbesitz tarnen können, sind volle Absicht.

Dann ist es also Heuchelei, wenn ...
Keine Steueroase kann es sich leisten, auf ihre Bürger dasselbe Recht anzuwenden, wie auf ihre Kunden. Auch in der Schweiz. Hier zahlen ausländische Holdings oder pauschal besteuerte Multimillionäre einen Bruchteil der einheimischen Steuern. Heuchelei ist im Fall der USA, dass sie nur die Schweiz angreifen. Sie ist ein einfaches Ziel: isoliert, klein, ohne reelle Chance. Während vor der Küste der USA die Steuervermeidungs-Inselgruppen der Briten liegen. Dort anzugreifen, das bräuchte Mut. Geschweige denn die Wallstreet.

Vielleicht ist es wie in einem Videospiel: Man schiesst erst die kleineren Soldaten ab, bevor man auf den Endspielgegner trifft.
Vorbildlich ist vor allem die Taktik. Übt man Druck auf die Regierung aus, wie Peer Steinbrück mit seinem Indianer-Zitat, dann solidarisiert sich in jeder Oase das Land. Der Finanzplatz wird zur nationalen Sache. Aber wenn man die Banken, die Treuhänder oder die Revisionsgesellschaften als Firmen ins Visier nimmt, dann ändert sich schnell etwas.

Tatsächlich beklagen sich Schweizer Parlamentarier, dass dieselben Bankenlobbyisten, die jahrzehntelang für ein lückenloses Bankgeheimnis lobbyiert haben, nun fast im Stundentakt anrufen, um ihre Kunden ans Messer zu liefern.
Ja, sie fürchten um ihr Geschäft.

Das wirkt wie eine Kino-Mafiafamilie, die ehrbar werden will.
So läuft das jetzt. Wobei das US-Geschäft die Ausnahme ist. Gegenüber Drittweltländern ist das Bankgeheimnis so dicht wie immer. Und die Abgeltungssteuern gegenüber Grossbritannien und Deutschland haben erstaunlich grosse Schlupflöcher. Die müssen Absicht sein.

Schon heute leben 10 Prozent aller Milliardäre der Welt in der Schweiz. Immer neue Weltkonzerne schlagen ihr Hauptquartier hier auf. Eine Strategie der Schweiz scheint zu sein, den Glücklichen zu dienen.
Die Lust am Dienen ist ein Merkmal jeder Steueroase. In Monaco wohnen 35'000 Leute, die mit Privatjet und Helikopter reisen. Und 35'000 bis 40'000 Leute, die mit dem Bus fahren, um sie zu bedienen. Die Schweiz ist nicht so extrem. Sie hat auch andere Branchen. Aber sie hat gegenüber ihren Multis und Milliardären eine starke Butler-Affinität. Man tut, was verlangt wird.

Sie haben zwei Kinder, ich eines. Manchmal sitze ich an der Wiege und denke nach. Krisen werden die Schweiz nicht verschonen. Wie soll ich das Kind erziehen? Eine der sichersten Methoden für Wohlstand wäre eine echte Begeisterung für ältere, reiche und monologisierende Männer. Soll man das den Kleinen vermitteln?
Als ich mit den Recherchen zu meinem Buch über Steueroasen anfing, war ich vor allem intellektuell begeistert. Es war Neuland. Abenteuerlich. Heute, da ich es geschrieben habe, bin ich eher besorgt. Trotz aller Angriffe auf das Schweizer Bankgeheimnis, der Offshoresektor expandiert in enormem Tempo weiter. Ich frage mich manchmal, ob meine Kinder als Erwachsene noch in einer Demokratie leben werden.

Wieso?
Einfach gesagt: Offshorestrukturen schaffen einen Fluchtweg für Reiche. Nicht nur vor Steuern. Auch vor Regulierungen. Und Gesetzen.

Was hat das mit Demokratie zu tun?
Ein Set von Regeln für Reiche. Und eins für alle anderen. Ich kann mir nichts Subversiveres für eine Demokratie vorstellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2012, 17:39 Uhr

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