Dr. Dooms günstige Prognose zur Wirtschaftskrise

Von Walter Niederberger . Aktualisiert am 20.06.2009
Nouriel Roubini hat den Kollaps des Finanzsystems vorausgesehen. Nun ist er vorsichtig optimistisch – falls die Notenbanken alles richtig machen.
Berühmt für seinen Weitblick: Nouriel Roubini am Aussenwirtschaftsforum im April in Zürich. Bild: KEYSTONE/AP

Mit seinem traurigen Blick, seiner ratternden Stimme, dem schlecht sitzenden Jackett und der zerknitterten Krawatte sieht er aus wie die Mensch gewordene Rezession. Deswegen ist es mehr als bemerkenswert, wenn Nouriel Roubini erstmals seit mehr als drei Jahren nicht mehr den Totalkollaps des Finanzsystems im Allgemeinen und der USA im Besonderen voraussagt. Mit seiner Einschätzung von dieser Woche gibt er der Regierung Obama einigen Kredit für ihre wirtschaftlichen Ankurbelungsmassnahmen, und selbst die sanften Korrekturen der Finanzmarktregulierung sieht er «zu 75 Prozent auf dem richtigen Weg».

Doktor Doom, wie er wegen seines düsteren Weltblicks genannt wird, machte erstmals im September 2006 auf sich aufmerksam. An einem Seminar des Internationalen Währungsfonds sagte er voraus, dass die amerikanischen Konsumenten in Kürze «ausgebrannt» seien und die US-Wirtschaft in eine schwere Rezession stürzen werde - was weltweit zu einem jähen Absturz führe. Die meisten Ökonomen taten seine Prognose als Schwarzmalerei ab, man verwies auf die (noch) gute Verfassung der Finanzmärkte und vertraute dem neuen Chef der Notenbank, Ben Bernanke, dass er wie Vorgänger Alan Greenspan notfalls den Geldhahn aufdrehen würde.

Mittlerweile ein gefragter Fachmann

Der Kollaps kam schneller als erwartet und fiel dramatischer aus. Seither kann sich Roubini kaum der Anfragen erwehren. Im US-Kongress ist er ebenso gefragt wie bei Notenbanken und Finanzministern. Am diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos war er gar so etwas wie die graue Eminenz. Wer einen Termin mit ihm will, muss sich wochenlang mit seinem Beraterteam herumschlagen, das oft selber nicht genau weiss, wo sich der Professor gerade aufhält, ob in Hongkong, Russland oder in Brasilien. Er lehrt an der New York University, ist ledig und geniesst durchaus den Ruf des Geniessers in allen Lebenslagen.

Sein skeptisch-scharfer Blick ist mit einer ungewöhnlichen Kombination von Talenten zu erklären, hat sein Lehrmeister, der Ökonom Jeffrey Sachs, angemerkt. Roubini ist präzis wie ein Mathematiker und intuitiv wie ein Psychologe. Er wuchs in Istanbul als Kind von jüdischen Eltern aus dem Iran auf, kehrte für kurze Zeit nach Teheran zurück, bevor er über Studien in Israel und Italien definitiv in die USA kam. Eines seiner Vorbilder ist der umstrittene Chefökonom von Präsident Obama, Larry Summers. Dies mag erklären, weshalb Roubini die jüngsten Vorschläge für eine Reregulierung der Finanzmärze ungewöhnlich positiv beurteilt. Sie tragen die Handschrift von Summers.

Depression? Entwarnung des Experten

Wichtiger aber ist seine jüngste Einschätzung der Wirtschafslage. Die Regierungen hätten weltweit nun so viel Geld in die Märkte eingeschossen, dass das Risiko einer Depression wie in den 1930er-Jahren beseitigt sei, sagt Roubini. Zwar werde die Erholung vorerst schwach sein, aber mindestens in den USA ab 2011 spürbar werden.

Der 50-Jährige wäre indes kein Skeptiker mehr, hätte er nicht eine Warnung angefügt: Ab sofort komme den Notenbanken eine noch wichtigere Rolle zu. Sie müssten den richtigen Zeitpunkt zwischen dem einsetzenden Aufschwung und der aufziehenden Inflationsgefahr erwischen. Genau dann müssen sie das Geld, das derzeit in nie gesehenen Mengen gedruckt wird, wieder abziehen. Misslingt diese Gratwanderung, prognostiziert Dr. Doom in gewohnter Manier, werde «es sehr hässlich werden».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2009, 12:45 Uhr

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