Der Hang Seng Index in Hong Kong hat seit dem Tiefstand im Merz um fast 100 Prozent zugelegt: Der Börsenspurt erfasst die ganze Bevölkerung Bild: KEYSTONE/AP
Eine Immobilienblase stand am Ursprung der aktuellen Weltwirtschaftskrise. Diese ist noch nicht einmal vorbei, und schon warnt die Weltbank in einem neuen Bericht über Ostasien vor der nächsten Blase. Es bestehe die Gefahr, dass durch starke Kapitalzuflüsse deutliche Überbewertungen bei Immobilien, Aktien und Währungen in jenen Ländern entstehen könnten.
Ursache des Risikos ist die von den Zentralbanken weltweit geschaffene Geldschwemme. Diese Politik hat das Ziel, das Finanzsystem zu retten und für tiefe Zinsen zu sorgen, um Investitionen anzuregen und die Schuldenlast zu mindern. Doch das Geld kommt kaum in der realen Wirtschaft an. Es verbleibt mehrheitlich im Finanzsektor. Die tiefen Zinsen führen auch nicht in erster Linie zu vermehrten Investitionen, sondern zur wilden Jagd auf alle Spekulationsobjekte, die Rendite generieren. Das treibt die Kurse von Aktien, Obligationen, Gold und anderen Metallen hoch.
Goldgräberstimmung im Osten
Hier kommt Ostasien ins Spiel. Die Länder dieser Region – allen voran China – zeigen das stärkste Wachstum weltweit. Das lockt Spekulanten erst recht an, die sich in den noch immer krisengeschüttelten westlichen Ländern mit bedeutend kleineren Gewinnerwartungen begnügen müssen. Damit besteht die Gefahr einer Widerholung des Szenarios von 1997 und 1998, das als Asienkrise in die Geschichte einging. Zuvor sprach man von den «asiatischen Tigern», die für jede Art von Investitionen aussergewöhnlich hohe Renditen versprachen. Auf den Aktien und Immobilienmärkten bildete sich über die Zeit eine Blase. Als sie platzte, zogen die Spekulanten in Windeseile ihr Geld wieder ab. Die Region stürzte damals in eine schwere Krise.
Eine Blase lässt sich verhindern, wenn Regierungen frühzeitig Gegenmassnahmen ergreifen: Höhere Leitzinsen wären ein Mittel dazu, wie auch gebremste Staatsausgaben oder eine Aufwertung der eigenen Währung. Doch hier besteht diesmal die Krux der Geschichte, wie die Weltbank schreibt. Das Wachstum der asiatischen Länder beruht vor allem auf den konjunkturstimulierenden Massnahmen der Regierungen und der grosszügigen Geldversorgung der Zentralbanken. Trotz der Schwäche der Abnehmerländer im Westen hat auch der Export seine grosse Bedeutung für das Wachstum in Asien beibehalten. Eine stärkere Währung würde damit zum Problem. Eine Schubumkehr bei den Staatsausgaben und der Zinspolitik der Zentralbanken könnte auch die Wirtschaften von Ostasien rasch wieder in die Krise stürzen.
Die Zwickmühle der Politik
Allein die Erkenntnis dieser Zwickmühle, in der sich die asiatischen Länder befinden, hat das Potenzial, die spekulativen Geldfüsse noch zu verstärken. Es lohnt sich erst recht, sich billig im Westen zu verschulden und die Mittel in jener Region zu investieren, wenn man weiss, dass die Politiker dort wenig dagegen unternehmen können. Die Weltbank spricht daher etwas unbeholfen davon, dass hier die makroökonomische Politik «kompliziert» sei. In milderer Form zeigt sich dasselbe Dilemma auch im Westen: Auch hier sorgt die grosszügige Geldversorgung für hohe Werte bei fast allen Spekulationsobjekten – vom Gold, über Aktien, bis zum Öl und anderen Rohstoffen. Einzig die Immobilienpreise bleiben angesichts des geplatzten Bubble in diesem Bereich verschont. Das Preisniveau insgesamt bleibt dennoch tief und die Arbeitslosigkeit steigt. Ein Bremsmanöver der Politik würde auch hier die Wirtschaft unweigerlich zurück in die Krise stossen.
Eine erneute Krise in Ostasien würde sich verheerend auf die restliche Weltwirtschaft auswirken. Denn angesichts der schwer verschuldeten Amerikaner, die jetzt sparen müssen, kann nur diese Region – vor allem China – die Rolle der Lokomotive übernehmen.
Steigende Gefahr eines «Double Dip» Szenarios
Die Gefahr eines platzenden Bubbles in Ostasien erhöht die Wahrscheinlichkeit eines «Double Dipp»-Szenarios im Konjunkturverlauf des Westens weiter. Damit ist ein erneuter Einbruch der Wirtschaft nach den ermutigenden Aufschwungzeichen der letzten Wochen gemeint. Diese Gefahr besteht schon ohne dieses zusätzliche Risiko aus dem Osten. Denn der Aufschwung lebt bisher auch im Westen noch immer hauptsächlich von den Stützungsmassnahmen der Regierungen und Zentralbanken und von der Notwendigkeit, nach dem Produktionsstopp in den schlimmsten Monaten die Lager wieder aufzufüllen. Die viel genannten höheren Gewinne der Unternehmen gehen noch immer mehr auf Kostensparmassnahmen zurück als auf höhere Umsätze. Die Konsumenten bewegen sich angesichts einer steigenden Arbeitslosigkeit noch kaum und die Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück. Beim Endabsatz bleibt vor allem die Hoffnung auf Exporte nach Asien. Wie die Weltbank nun zeigt, sind auch diese auf wackligen Beinen.
( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )