Griechenland-Krise: Heftige Kritik an den Ratingagenturen

Von Walter Niederberger . Aktualisiert am 29.04.2010
Die Bewertungsunternehmen haben seit längerem vor einem griechischen Finanzkollaps gewarnt. Doch war das Timing für die folgenreiche Herabstufung richtig?
Das Parlamentsgebäude in Athen: Griechenland steht schon lange unter der scharfen Beobachtung von Ratingagenturen. Bild: KEYSTONE/AP

Die Herabstufung der griechischen Staatsschulden durch die Ratingagentur Standard and Poor’s (S & P) provozierte vor allem in Deutschland Kritik. Doch zeichnete sich ein solcher Schritt seit einigen Wochen ab, und amerikanische und britische Ökonomen warnten, dass griechische Staatspapiere nicht mehr investitionswürdig seien. Der Alarmruf von S & P ist indessen vor dem Hintergrund eines scharfen Wettbewerbs der Ratingagenturen zu sehen, die nach dem katastrophalen Versagen in der USKreditkrise um ihre Zukunft kämpfen.

Dass es vor allem deutsche Experten waren, die S & P kritisierten, ist kaum Zufall, muss doch Deutschland den grössten Beitrag an eine Rettungsaktion leisten. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, bemängelte im «Handelsblatt» das Vorprellen von S & P. Es sei seit längerem klar, dass die Sanierung der griechischen Staatsfinanzen keine Kurzgeschichte sei. Es stelle sich die Frage, weshalb die Agentur ausgerechnet jetzt die Papiere degradiert habe. «Fast scheint es, als sollten EU und IWF zur Hilfe getrieben werden.» Auch die EU-Kommission äusserte sich kritisch zum Timing.

Warnungen von allen Seiten

Dem steht gegenüber, dass Fitch, die kleinste der drei führenden Agenturen, griechische Staatsschulden schon vor drei Wochen massiv heruntergestuft hatte, und zwar nur noch knapp über den Junk-Status. Moody’s war weniger pessimistisch, doch hatte auch sie die griechischen Anleihen zu Beginn dieses Monats um eine Stufe zurückgenommen. Die deutlichste Warnung aber kam vom US-Fondshaus Pimco. Konzernchef Mohamed El-Erian erklärte vor zwei Wochen, griechische Anleihen seien nicht mehr investitionswürdig.

Der Warnruf durch S & P kam somit nicht völlig aus dem Dunkel. Zudem macht der für Europa zuständige Chefökonom von Goldman Sachs, Erik Nielsen, geltend, dass das Timing einer Herabstufung immer schwer abzuschätzen sei. Die Bewertungen der Ratingagenturen wirkten sei Jahren deshalb nicht als Kommentare, die den Ereignissen vorauseilten, sondern seien im Gegenteil als nachhinkende Nachrichten zu betrachten. Und weiter: «Griechenland wird ohnehin etwa ein Jahr lang keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben, deshalb hat die Herabstufung auch keinen Einfluss auf den Umgang mit griechischen Papieren durch die Europäische Zentralbank.»

«Seele an Teufel verkauft»

Ratingagenturen gehören zu den einflussreichsten Akteuren der Finanzmärkte, aber auch zu den zwielichtigsten. In der Finanzkrise versagten sie auf der ganzen Linie. Eine Untersuchung des US-Senats zeigte, dass sie ihr Bewertungsmodell den Wallstreet-Banken zugänglich gemacht hatten, was diesen erlaubte, Ramschpapiere so zusammenzuschustern, dass sie ein Top-Rating erhielten. Die privaten Agenturen üben – dank einer Lizenz der Börsenaufsicht SEC – eine quasistaatliche Aufgabe aus. Ihr Unvermögen, Anleger vor dem Wallstreet-Schrott zu warnen, hat sie nicht nur politisch in Bedrängnis gebracht. In den USA haben mehrere Bundesstaaten, öffentliche Pensionskassen und Städte wegen der ihnen entstandenen Milliardenverluste Sammelklagen eingereicht.

Die Interessenkonflikte waren intern sehr wohl bekannt, wie E-Mails zeigen. So schrieb ein S & P-Angestellter im Sommer 2007, der Umgang mit der Bank erinnere «an das Stockholm-(Geisel-)Syndrom». Und ein Moody’s-Direktor meinte, das Versagen der Branche zeichne ein Bild, «wonach wir entweder total inkompetent sind oder unsere Seele dem Teufel verkauft haben».

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Alarmruf: Standard-&-Poor's-Hauptsitz in New York.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2010, 07:45 Uhr

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