Ist die Angst vor einer neuen Wirtschaftsblase übertrieben?

Von Markus Diem Meier . Aktualisiert am 23.11.2009
Vor ein paar Wochen hat ein Artikel von Nouriel Roubini aufgeschreckt. Der berühmte Ökonom sieht bereits eine neue gefährliche Blase entstehen. Andere Ökonomen halten dagegen.
Hat die Finanzkrise richtig vorausgesagt: Jetzt warnt Nouriel Roubini vor der nächsten Blase. Bild: KEYSTONE/AP

Zu Monatsbeginn hat Nouriel Roubini in der «Financial Times» mit einem Katastrophenszenario für Furore gesorgt. Der New Yorker Professor, der schon die Finanzkrise in ihrer Dramatik richtig vorhergesagt hatte, warnt erneut vor einer Blase gleich in mehreren Märkten. Wenn diese platzt, so die Warnung Roubinis, würde das zum «grössten koordinierten Wertverlust von Vermögenswerten seit je führen.»

Leicht verkürzt argumentierte Roubini folgendermassen: Die tiefen Zinsen in den USA geben Investoren einen Anreiz, in Dollar Schulden aufzunehmen, um damit weltweit Aktien, Erdöl, Gold oder Rohstoffe zu kaufen. Der weitere Zerfall des Dollars und die steigenden Preise dieser Vermögenswerte führen zu traumhaften Renditen. In der Finanzbranche bezeichnet man ein solches Geschäft als «Carry Trade». Die fortgesetzten Verkäufe des Dollars und die Käufe der Anlagen lassen diese Gewinne weiter steigen, aber auch das Risiko, dass sich der ganze Prozess umkehrt – mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft.

Preise liegen tiefer als vor der Krise

Dass kaum nach dem Platzen der Blase im Immobiliensektor in den USA (sie ist die Ursache der aktuellen Weltwirtschaftskrise) sich bereits die nächste gebildet haben soll - diese Aussicht wäre schockierend. Zweifel an Roubinis These sind angebracht, weil es in der menschlichen Natur liegt, nach einer Katastrophe gleich überall wieder Symptome zu sehen, die eine solche wiederholen können. Nach einem Flugzeugabsturz ist die Flugangst besonders gross.

Tatsächlich spricht auch von den Fakten her einiges gegen die These: Der Ökonom stützt seine Warnung vor einer neuen Blase vor allem mit den Aktienkursen, die weltweit deutlich zugelegt haben, ebenso mit dem wieder hohen Gold- und Ölpreis. Doch diese Entwicklung zeigt noch keinen Bubble an. Abgesehen vom Gold liegen die Preise überall noch immer deutlich tiefer als vor der Krise. Der berühmte Rohstoffspekulant Jim Rogers warf deshalb Roubini vor, seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Wie der «Economist» (das führende britische Wirtschaftsmagazin) schreibt, zeigen auch Aktienmärkte bei weitem keine Bewertungen an, wie sie während vergangenen Börsenblasen zu beobachten waren. Der deutliche Wertzuwachs der Kurse und Preise folgt einer einfachen Logik: Die Werte hätten sich bloss von den Panikwerten wieder erholt, die sie Anfang Jahr ausgewiesen haben, als die Welt mit dem Schlimmsten gerechnet hat.

Kreditvergabe spricht gegen die Argumente von Roubini

Ein weiteres Argument, das gegen Roubinis These spricht, bringt Ursina Kubli ins Spiel. Die Ökonomin der Bank Sarasin schreibt in einer Studie, dass die Ausleihungen der Banken in Dollar laut der Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) im Oktober abgenommen haben. Eine zunehmende Kreditaufnahme in US-Dollars lasse sich daher in der Statistik nicht wiederfinden. Ausserdem würden sich andere Währungen weit besser für einen solchen «Carry Trade» eignen, zum Beispiel der Schweizer Franken. Auch hier sind die Zinsen tief und die Nationalbank sorgt dafür, dass die Währung nicht zulegt.

Gemäss dem «Economist» geht weniger eine Gefahr von einer Blase aus, wie sie Roubini beschreibt, als vor der Angst davor. Denn die These sieht letztlich die Tiefzinspolitik der US-Zentralbank als Ursache für die «Carry Trades». Setzt sich unter US-Politikern die Ansicht durch, dass die tiefen Zinsen für die Wirtschaft die grösste Gefahr darstellen, könnte das die Zentralbank verleiten, das Zinsniveau zu früh wieder anzuheben. Ein solcher Schritt würde aber den noch zarten Aufschwung in den USA – und damit in der Weltwirtschaft – massiv gefährden. Darin sind sich alle führenden Ökonomen und die Zentralbank selbst einig. Eine zu restriktive Geldpolitik gilt auch als wichtigster Grund für die Schwere und Länge der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 23.11.2009, 18:24 Uhr

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