Wo Erwerbstätige um ihre Stellen bangen müssen

Von David Vonplon. Aktualisiert am 16.06.2009
Der Schweiz drohen Arbeitslosenquoten wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch welche Regionen trifft die Krise besonders hart? Wo sind die Jobs sicher? Das zeigt der interaktive Arbeitslosigkeits-Atlas von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz.
Spätestens diesen Frühling ist die Krise in der Schweiz angekommen. Hier verkündet eine Grossbank den Abbau von 2500 Stellen, dort streicht ein Industrieunternehmen 2300 Arbeitsplätze, hunderte KMUs haben Kurzarbeit eingeführt. Derweil korrigieren die Konjunkturforscher ihre Prognosen laufend nach unten: Die Wirtschaft soll laut dem KOF der ETH Zürich im laufenden Jahr um 3,3 Prozent schrumpfen, die Arbeitslosenquote bis Ende 2010 die Sechs-Prozentmarke erreichen – seit Jahrzehnten der höchste Wert.

Nicht überall ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt jedoch schon heute besorgniserregend: Im Kanton Uri kommt auf 80 Erwerbstätige bloss ein Arbeitsloser, ebenso rosig ist das Verhältnis in Appenzell Innerrhoden. In Genf dagegen trifft es jeden Fünfzehnten, in Neuenburg jeden Achtzehnten. Die grossen regionalen Unterschiede haben verschiedene Gründe: In urbanen Kantonen ist die Arbeitslosigkeit generell höher, zudem treibt ein hoher Anteil an Unqualifizierten, Frauen und Ausländern die Arbeitslosenquote in die Höhe.

Ostschweiz und Jurafuss-Region am stärksten betroffen

Doch wie wird die schwere Rezession die Landkarte der Beschäftigung verändern? Welche Regionen müssen sich am stärksten vor Stellenabbau und wirtschaftlichem Krebsgang fürchten? Und wo sind die Arbeitsplätze am sichersten? Laut Bernhard Weber, Arbeitsmarktspezialist beim Staatssekretariat für Wirtschaft Seco, trifft die Konjunktur grundsätzlich alle Beschäftigte. Aber: «Am meisten leidet die Beschäftigung in jenen Regionen, in denen der Industrie-Anteil am höchsten ist». Er nennt die Ostschweiz, die Region Espace Mittelland und mit Abstrichen auch das Tessin, welche der Konjunkturabschwung am härtesten trifft.

Hochgeschnellt sind die Arbeitslosenzahlen bereits am Jura Südfuss, also dort, wo die stark angeschlagene Uhrenindustrie angesiedelt ist: Im Kanton Neuenburg ist die Arbeitslosenquote seit Anfang Jahr von 4,3 auf 5,5 Prozent angestiegen, im Jura von 4 auf 4,8 Prozent. Urban Roth, Ökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Basel, rechnet damit, dass in den Kantonen Jura und Neuchâtel sowie in der Region Biel auch künftig Arbeitsplätze verloren gehen.

Bloss im Promille-Bereich angestiegen ist die Arbeitslosenzahl bislang in der Ostschweiz, die Quote liegt in den meisten Kantonen dieses Gebiets unter dem gesamtschweizerischen Schnitt. Ökonomen warnen jedoch, dass ein Aderlass erst bevorstehe: Die Region beherbergt viele Betriebe der arg gebeutelten Maschinen-, Textil- und Autozuliefererindustrie. Besonders gefährdet sind laut Roth Arbeitsplätze im Kanton Schaffhausen und auch im Rheinthal droht der Verlust vieler Arbeitsplätze.

Zentralschweiz und Bern kommen glimpflich weg

Am wenigsten müssen sich die Erwerbstätigen in der Zentralschweiz vor der Krise fürchten. Dort hält sich die Arbeitslosenquote stabil auf tiefem Niveau – sie schwankt zwischen 1,2 Prozent (Uri) und 2,6 Prozent (Luzern) – und das soll auch so bleiben. «In der Region gibt es einige Sonderprojekte, die Arbeitsplätze schaffen, sagt Roth, «denken wir nur an das Tourismusprojekt in Andermatt.» Als positives Beispiel nennt er auch die Pilatuswerke in Stans, ein Unternehmen, das der Krise bislang erfolgreich trotzt. Auch der Kanton Bern kommt glimpflich weg: «Dank der stabilisierenden Wirkung des öffentlichen Sektors dürfte sich die Region überdurchschnittlich entwickeln», so Roth.

Vergleichsweise komfortabel schätzen die Ökonomen die Situation im Wirtschaftsraum Basel ein. Dies hat die Bevölkerung am Rheinknie der Pharmaindustrie zu verdanken, die sich laut Roth «stabil entwickelt». Für der Wirtschaftskapitale Zürich prognostiziert Roth, dass der Krebsgang früher als anderswo enden könnte: Der Finanzsektor wird von der Krise zwar stark erschüttert, «aber bereits im kommenden Jahr könnte es im Bankenwesen aufwärts gehen. Das kommt Zürich entgegen».

( Tagesanzeiger.ch/Newsnetz )

Erstellt: 16.06.2009, 13:19 Uhr

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