Rückblende: Wer am Dienstag kurz nach Mittag ein Konto eröffnen wollte, der musste sich eine Stunde lang gedulden. Die Schalterhalle glich einem Bienenhaus. Vor sechs Schaltern für Ein- und Auszahlungen standen 30 Personen, die eine halbe Stunde warteten, bis sie an der Reihe waren. «D Lüüt chömed wie verruckt», flüsterte mir die Empfangsdame zu. «Wie meinen Sie das? Wegen der Finanzkrise?» – «Ja. Genau.»
Die Situation eskalierte, die Filialleitung griff ein. Seit Mittwoch werden Neukunden in der Art eines «speedy boarding» zu Stehtischen gelotst. Darauf sind Schoggiherzen, Henniez und Formulare, daneben stehen Sonderberater. «Brauchen Sie die Kontonummer sofort?» Wer bejaht, muss Platz nehmen und eine Viertelstunde warten. Wer sich damit begnügt, die Unterlagen zugeschickt zu erhalten, der kann sich ad hoc einschreiben, den Pass kopieren lassen, unterschreiben und nach fünf Minuten die Filiale verlassen.
Leere Schalterhallen bei den Grossbanken
Ein anderes Bild offenbaren die Grossbanken. Am Dienstag um 14 Uhr standen ihre Schalterhallen an der Bahnhofstrasse leer. Gestern um die gleiche Zeit entstand bei CS eine kurze Wartezeit. Zufall oder auch nicht: Während einer Viertelstunde verlangte keiner von 25 Kunden eine Eröffnung. Dies verriet das Display zum Bezug der Warteschlangen-Nummer. Raiffeisen: «Termin in fünf Tagen»
Bei der UBS standen am Dienstag und Donnerstag um halb drei Uhr drei Schalter offen, doch Kunden waren keine zu sehen. Leer auch die Fauteuils der Beratungszone. «Wie lange muss ich warten?» Eine Beraterin: «Wir können ein Konto sofort eröffnen. Haben Sie den Ausweis dabei?»
Die Tour geht weiter
Auf der Bahnhofstrasse Höhe Manor befinden sich weitere Banken. Der Schalterraum der Bank Coop ist fast leer. «Ein Konto können Sie sofort eröffnen», bestätigt ein Kundenberater. Ein Tohuwabohu hingegen bei der Migros-Bank. 20 Personen übten sich vor drei Schaltern in eiserner Geduld. «Am Mittwochabend standen die Leute bis auf die Strasse», sagte eine Dame mit vielsagender Mimik. Finanzkrise? Auch sie flüstert: «Es isch verruckt.» Für eine Eröffnung war ich dennoch als Nächster an der Reihe.
So richtig stutzig machte der Besuch in der Stadtfiliale der Raiffeisen. Sie befindet sich am Limmatquai und ist nicht minder frequentiert. Fünf Personen in der Schlange. Am Schalter bedient eine einzige Dame. «Für eine Kontoeröffnung müssen Sie einen Termin vereinbaren.» Wie bitte? «Am Dienstag haben wir noch freie Plätze.» Ich solle in fünf Tagen zur Eröffnung erscheinen. «Sind Sie alleine da?» – «Nein, wir sind zu fünft. Wir empfangen jede halbe Stunde neue Kunden.»
Praktisch keine Zahlen
So weit der Eindruck. Doch was sagen die Banken dazu? Aktuelle Fakten sind nur bei der Bank Coop erhältlich. «Wir verzeichneten in den letzten sechs Arbeitstagen rund 45 Prozent mehr Eröffnungen von Privat- und Sparkonti im Vergleich zum gleichen Zeitabschnitt im letzten Jahr», sagt Sprecherin Andrea Pfluger. In den letzten vier Wochen konnten mehr als doppelt so viele Konti eröffnet werden im Vergleich zur Vorjahresperiode. Auf mehrere Banken verteilen
Die Migros-Bank eröffnete von Januar bis September 46’000 neue Konti. «Das sind 37 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode», sagt Sprecher Albert Steck. Sollte der Ansturm der letzten Tage anhalten, so werde die Bank im Oktober die bisherigen Monate übertreffen. Der Nettozufluss von Kundengeldern betrug im September 300 Millionen Franken, dreimal mehr, verglichen zum Vorjahrsmonat.
Raiffeisen verzeichnet «täglich etwa 600 neue Kunden und gewinnt monatlich 1 Milliarde an Neugeldern». Die ZKB kann die Eröffnungen und Zuflüsse bloss schätzen. «Tausende von neuen Kunden pro Monat», sagt Sprecher Urs Ackermann, «und etwa 1 Milliarde mehr Kundengelder monatlich.» Die Grossbanken verweisen auf die Halbjahresergebnisse. Die UBS hatte per August einen Nettoabfluss von Geldern zu beklagen. Ihr Sprecher Andreas Kern kommentierte lediglich: «Ein Bild vom Betrieb einer Schalterhalle ist nicht aussagekräftig für das Geschäft unserer Bank.» CS-Konzernchef Brady Dougan sagte am Mittwoch, dass der Bank zurzeit Gelder zufliessen.
Und warum all diese Eröffnungen? Bank Coop weiss es: «Natürlich suchen Kunden jetzt vermehrt nach Zweit- oder Drittbankbeziehungen, auch um ihre Vermögenswerte zu diversifizieren», sagt Pfluger.
(Tages-Anzeiger)