Bankenkrise trifft Europa mit voller Wucht

Von Martin Vetterli. Aktualisiert am 30.09.2008
Das gab es noch nie. An einem einzigen Tag retten sich gleich fünf europäische Banken unter die schützende Hand des Staates oder der Konkurrenz.
topelement Die Finanzkrise wirft jetzt auch auf Europas Wirtschaft ihre langen Schatten: Eindrücke aus der Londoner City.
Ausverkauf bei der belgischen Fortis, Beinahekollaps der deutschen Hypo Real Estate, Teilverstaatlichung der britischen Bradford & Bingley, Regierungshilfe für die isländische Glitnir, Überlebenshilfe von drei skandinavischen Konkurrenten für die dänische Roskilde Bank. Bereits haben Frankreich und Belgien für den schlingernden Immobilienfinanzierer Dexia Staatshilfe zugesichert. Die Pleiteweile ist am Montag ungebremst über Europas Bankenwelt hinweggerollt.

Jede dieser Banken wurde aus unterschiedlichen Gründen getroffen, ihre Probleme aber haben eine einzige Ursache: Diese Banken können sich nicht mehr refinanzieren, nachdem der Interbankenhandel praktisch zum Erliegen gekommen ist. Wie bei Lehman Brothers vor zwei Wochen ist auch bei ihnen die Refinanzierung und nicht ihre Kapitalisierung das grosse Problem.

Radikaler Verfall des Vertrauens

Wie gefährlich die Abhängigkeit der Refinanzierung über den Interbankenhandel ist, offenbarte sich am Montag am Beispiel der deutschen Hypo Real Estate, die noch vor Monaten als Vorzeigeunternehmen galt: Im Unterschied zu den US-Banken belasten sie nicht Ramschhypotheken, sondern sie verfügt über echte Vermögenswerte. Was ihr fehlt, ist Liquidität, um sich zu refinanzieren. Bei der belgisch-niederländischen Fortis rächt sich mit elfmonatiger Verspätung der Einstieg bei der niederländischen ABN Amro. Der Kaufpreis von 24 Milliarden Euro erscheint aus heutiger Sicht überrissen. Auch ihr sind die flüssigen Mittel ausgegangen.

Das Eigenartige an der Situation: Fundamental betrachtet gebe es keine neuen Fakten, sagt Sarasin-Bankenspezialist Rainer Skierka. Die US-Bankenkrise stelle für die europäischen Banken schon lange eine reale Gefahr dar. Das Misstrauen unter den Banken habe sich nun aber dramatisch vergrössert. «Wir sind nicht nur mit einem Finanz-, sondern auch mit einem akzentuierten Vertrauensproblem konfrontiert», so Skierka. Im Gesamtsystem sei an sich genügend Liquididät vorhanden, sie werde aber von den einzelnen Banken gehortet. Deshalb spricht Skierka von einer künstlichen Verknappung der Liquidität. Der Grund: das gegenseitige Misstrauen.

Diese Problematik habe sich wegen September-Ultimos noch verschärft, sagt ZKB-Analyst Andreas Venditti. «Wenn die Banken heute Abend ihre Bücher schliessen und offenlegen müssen, wie es um sie steht, wollen sie zeigen, dass sie liquid sind und keine Refinanzierungsprobleme haben.» Deshalb seien die Zentralbanken jetzt erst recht gezwungen, den Banken derart viel Liquidität zur Verfügung zu stellen. Was sie am Montag in üppigem Ausmass getan haben.

Liquidität gegen Dominoeffekt

Unter Führung der US-Notenbank haben die Zentralbanken Europas, Englands, Japans, Kanadas, Australiens, Skandinaviens und der Schweiz Milliarden in den Markt gepumpt. Bislang lag die Summe der verfügbaren Dollarbeträge bei 290 Milliarden, neu bei 620 Milliarden Dollar. Allein die Europäische Zentralbank stellte 120 Milliarden Euro zur Verfügung.

Das erscheint notwendig angesichts der momentan düsteren Perspektiven. «Wenn sich das Refinanzierungsproblem nicht entschärft, werden wir auch in Europa substanzielle Staatseingriffe erleben in der Art, wie wir sie jetzt in den USA beobachten», urteilt Beat Bernet, Professor für Bankenwirtschaft an der Universität St. Gallen. Nur so könne dann ein drohender Dominoeffekt noch aufgehalten werden, der sonst immer neue Banken in die Tiefe reissen würde. «Das Undenkbare wird auch bei uns langsam denkbar», sagt der Finanzmarktexperte zu weiteren Staatseingriffen.

Das Positive aus Schweizer Sicht: «Keine Schweizer Bank finanziert sich so einseitig über den Interbankenhandel, auch die UBS und die Credit Suisse nicht», sagt der St. Galler Finanzmarktprofessor. Schweizer Banken wiesen traditionell eine stabilere und breiter abgestützte Refinanzierungsstruktur auf. «Allerdings sind sie alle auch im europäischen Interbankenmarkt engagiert, weshalb auch sie einem entsprechenden Risiko ausgesetzt sind», so Bernet.

Psychologie regiert

Wie dramatisch sich die Lage derzeit präsentiert, zeigt sich auch darin, dass sämtliche Experten offen eine Rückkehr der Vernunft beschwören – aus Angst vor einer weiteren Eskalation und einem noch stärkeren Überschwappen der Krise auch auf die Schweizer Banken. Nur schon das Nennen von Finanzhäusern, die möglicherweise in die Bredouille geraten könnten, könne im derzeitigen Umfeld fatale Folgen haben. Der Markt reagiere extrem stark auf Gerüchte. «Was wir sehen, hat wenig mit rationalem Handeln zu tun. Es ist die Psychologie, die regiert», sagt Sarasin-Bankenexperte Skierka.

Noch drastischer sagt es der für seine besonnenen Kommentare bekannte Kepler-Analyst Dirk Becker. «Es ist eine Zeit des Hoffens und Bangens. Auf dem Spiel steht viel: letztlich der ganze westliche Wohlstand.»

Wie tief das Misstrauen sitzt, wie stark der Pessimismus Oberhand hat, demonstrierten die Aktienmärkte. Alle Indizes brachen weg. Der deutsche Dax sackte um 4,2 Prozent ab, der britische Footsie um 5,3 Prozent, der niederländische AEX um 8,8 Prozent. Von diesem Votum des Misstrauens blieb die Schweiz nicht verschont. Der SMI verlor 4,6 Prozent, die Finanztitel knickten ein: UBS um 13,6 Prozent, Swiss Re um 7,9 Prozent, Credit Suisse um 7,8 Prozent, Julius Bär um 6,8 Prozent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2008, 22:41 Uhr

Jetzt trifft`s auch Deutschland

Erstmals steht wegen der Finanzkrise jetzt auch ein Konzern aus dem wichtigsten deutschen Aktienindex DAX am Abgrund: Der Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate kämpft wegen massiver Probleme seiner irischen Tochter Depfa ums Überleben. Ohne Hilfe droht Europas grösstem Hypothekenfinanzierer der Kollaps.

Ein Zusammenbruch wäre für den deutschen Finanzplatz – und wohl auch für die Steuerzahler – verheerend. Nach Krisengesprächen boten am Montag deshalb Bundesregierung und Banken Hand zu einer Rettung. Die schwankende Hypo Real Estate soll durch eine Bürgschaft und Kredite in Milliardenhöhe vor dem Aus bewahrt werden.

Die Finanzkonzerne hätten dem Unternehmen kurz- und mittelfristige Darlehen «über mehrere Milliarden Euro» gewährt, sagte am Montag Konzernchef Georg Funke. Für dieses Geschäft bürgen Bund und Banken mit einem Risikoschirm in einem Gesamtvolumen von 35 Milliarden Euro. Bei einer Inanspruchnahme der Bürgschaft würden in einer ersten 14-Milliarden-Tranche der deutsche Staat 40 Prozent und die Privatbanken 60 Prozent übernehmen. Die zweite Tranche von 21 Milliarden würde dann der Bund alleine tragen.

Die Anleger konnte dies nicht beruhigen: Der Börsenkurs von Hypo Real Estate brach am Montag um fast 74 Prozent ein. Selbst Experten hatten nicht mit solchen Schwierigkeiten bei Depfa gerechnet. Der Staatsfinanzierer, den das Münchener Institut erst letztes Jahr übernommen hatte, versprach zwar ein margenschwaches, aber grundsolides Geschäft. Mit Depfa stieg die Gruppe auch zum globalen Spieler in der Staats- und Infrastrukturfinanzierung auf. Die Hypo Real Estate selbst entstand aus einer Abspaltung des Immobilienbereichs der HypoVereinsbank, inzwischen eine Tochter der italienischen Unicredit.

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