Bin i gopfridstutz e Kiosk?

Von Philippe Müller . Aktualisiert am 24.11.2009
Oder bin i öppä e Bank? Für die Postangestellten trifft fraglos zu: Sie möchten Postangestellte sein. Einfach nur Postangestellte.
Die Post – der Gemischtwarenladen: Alle Filialen (im Bild die Berner Schanzenpost) haben konkrete Zielvorgaben für den Umsatz mit Drittprodukten. Urs Baumann

Die meisten Postfilialen erinnern immer mehr an einen Gemischtwarenladen. Eine karge Schalterhalle, wo der Kunde bloss hingeht, um einen Brief oder ein Paket aufzugeben beziehungsweise abzuholen – das war einmal. Neben Büchern, Papeterieartikeln und Süssigkeiten hat der gelbe Riese heute beispielsweise auch die ganze Palette an Lotterielosen und diverse Mobiltelefone im Angebot. Das alles ist nicht neu.

Die Kritik an diesem Geschäftsmodell wird jedoch immer lauter. Die Gewerkschaft Kommunikation etwa kritisiert die Post dafür, dass sie den Druck auf die Mitarbeiter ständig erhöhe. «Jede Postfiliale erhält für den Verkauf von sogenannten Drittprodukten ein verbindliches Jahresumsatzziel vorgeschrieben», weiss Gewerkschafter Andreas Keller. «Wer die Ziele nicht erreicht, bekommt eins ‹auf den Deckel›.»

150'000 Franken pro Jahr

Ein konkretes Beispiel: Ein Postmitarbeiter, der in einer kleinen Filiale in der Region Bern arbeitet, sagt gegenüber dieser Zeitung: «Unsere Filiale muss pro Jahr rund 150'000 Franken mit Drittprodukten umsetzen.» Die Angestellten seien angehalten, etwa die Lose am Schalter aktiv zu bewerben. Werde das Verkaufsziel verfehlt, erscheine ein gut angezogener Herr, der freundlich, aber bestimmt zum klärenden Gespräch bitte.

Werde das Ziel dagegen erreicht, würde die Zielgrösse fürs folgende Jahr erhöht. «Somit steigt der Druck aufs Personal ständig», sagt Andreas Keller.

Er habe grundsätzlich nichts gegen Veränderungen am Arbeitsplatz einzuwenden. «Jedoch sind mir die Methode und dieser Druck von oben ein Dorn im Auge», so Keller. «Und auch, dass die Mitarbeiter immer mehr zu Kiosk-Personal mutieren.» Die Kontrollen nähmen ein grösseres Ausmass an, ebenso der Missmut und die Verunsicherung unter den Angestellten. «Ich habe schon von Post-Mitarbeitern gehört, die in der eigenen Filiale regelmässig Lose kaufen, damit die Filiale den vorgegebenen Umsatz einigermassen erreicht.»

400 Millionen pro Jahr

Postsprecher Oliver Flüeler verteidigt die Strategie der Post: «Es gibt bei uns konkrete Zielvorgaben, das ist richtig. Allerdings ist das zumutbar und nichts Aussergewöhnliches, das gibt es in anderen Branchen auch.» Zudem handle es sich beim Schalterpersonal heute praktisch ausschliesslich um ausgebildete Detailhandelsangestellte. «Sie tun bei uns genau das, was sie gelernt haben: Waren verkaufen.»

Der Handel mit diesen Drittprodukten sei für die Post eine wichtige Einnahmequelle, zumal der Umsatz der Post seit dem Jahr 2000 in einzelnen Bereichen massiv eingebrochen sei. «Der Brief- und Zahlungsverkehr ist um je 47 Prozent zurückgegangen, der Zahlungsverkehr um 17 Prozent», sagt Flüeler. Der Jahresumsatz mit den «postfremden» Waren beziffert Flüeler mit rund 440 Millionen Franken. Der Gewinn liegt bei etwa 20 Millionen.

Darin eingerechnet sind auch die Werbeeinnahmen aus den nicht unumstrittenen Werbeaktionen: Die Post verteilt am Schalter regelmässig Gratismuster von Produkten wie Whiskas oder Ariel. Im Moment wirbt die Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme mit einem grünen Plüschhund (wir berichteten).

Experte: «Problematisch»

Das Geschäft mit diesen Werbeaktionen sei womöglich zwar durchaus lukrativ, gleichzeitig aber auch problematisch. Das sagt Professor Harley Krohmer, Direktor des Instituts für Marketing und Unternehmensführung an der Universität Bern. «Die Post wird von anderen Unternehmen als Vertriebskanal genutzt.» Für die Auftraggeber sei dies natürlich interessant, aus Marketing-Sicht berge dies für die Post allerdings Gefahren.

«Für den Erfolg eines sogenannten Co-Brandings ist es wichtig, dass die Marken zusammenpassen», so Krohmer. Wenn nun am Schalter Whiskas verteilt werde, könne man sich schon fragen, wo da der Zusammenhang zum Servicedienstleister sei. «Es entsteht der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit, die Markenidentität der Post könnte verwässert werden.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.11.2009, 08:58 Uhr

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