Zwei Jahre verspätet und technisch noch immer nicht ausgereift: Der Cisalpino ETR 610 bei einem Besuch im April dieses Jahres im Bahnhof von Brig. Bild: KEYSTONE/AP
Heute stellt Cisalpino den lange erwarteten neuen Neigezug vom Typ ETR 610 im Wallis den Medien vor. Noch in diesem Monat sollen zwei Kompositionen zwischen Genf und Mailand zum Einsatz kommen - freilich ohne Neigetechnik. Im Herbst will SBB-Chef Andreas Meyer entscheiden, wie die bereits zwei Jahre verspäteten, mehr als 450 Millionen teuren 14 neuen Neigezüge (siehe Chronik des Schlamassels in der Infobox) ab Dezember auch am Gotthard fahren können.
Dort sind die Probleme aber offenbar weit gravierender als bisher angenommen. Wie vertrauliche SBB-Quellen bestätigen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass die Neigezüge am Gotthard wie geplant mit erhöhter Kurvengeschwindigkeit fahren können. Mit 450 Tonnen ist der ETR 610 dafür zu schwer, wie Tests ergaben. In engen Kurven am Gotthard müsste in die Anlagen investiert werden, was zu teuer wäre. Im Klartext: Der neue Neigezug erfüllt seinen Zweck nicht - oder nur zum Teil.
Das Zielgewicht nicht erreicht
Der Zug habe das Zielgewicht nicht erreicht, bestätigt Daniel Kiener, Sektionschef beim Bundesamt für Verkehr (BAV). Bis heute hat die Aufsichtsbehörde keine Bewilligung für Fahrten mit Neigetechnik erteilt und weitere Messungen verlangt. «Je schwerer das Fahrzeug, desto tiefer die Kurvengeschwindigkeit», sagt Kiener. Denn: Beim schwereren Zug wirken in den Kurven grössere Kräfte auf die Geleise. Laut Experten ist der Zug so schwer, weil er sowohl mit der Neigetechnik in der Schweiz als auch auf neuen Hochgeschwindigkeitslinien in Italien fahren soll.
Die Alternative wäre nun, am Gotthard ganz auf die Neigetechnik zu verzichten, sagen SBB-Insider. Damit entfiele aber der Fahrzeitgewinn von rund 15 Minuten von Zürich nach Chiasso. Für die Bundesbahnen käme dies einem Desaster gleich. Entsprechend verärgert sind die SBB: «Es ist verrückt, dass der Hersteller nicht in der Lage ist, einen Zug zu liefern, der den Anforderungen entspricht», heisst es.
Längere Fahrzeit als Alternative
Im Moment werde abgeklärt, ob die Neigetechnik am Gotthard wenigstens zum Teil genutzt werden könne, um einige Minuten zu gewinnen. Fährt der neue Cisalpino aber nicht schneller als ein herkömmlicher Zug, hätten sich die SBB den Ärger sparen und auf die teuren und komplizierten Neigezüge ganz verzichten können. Auch Experten fragen sich, was der neue Neigezug den SBB angesichts der knappen Fahrzeiten am Gotthard noch nützen soll, wenn er nicht so schnell wie geplant fahren darf.
Offiziell halten sich die SBB zurück: «Wir gehen davon aus, dass die technischen Probleme, die derzeit einen Einsatz des ETR 610 im Neigebetrieb am Gotthard verhindern, lösbar sind», sagt Sprecher Frédéric Révaz. SBB-Chef Meyer verliert aber langsam die Geduld: Die SBB würden die Züge nicht annehmen, falls sie nicht dem vereinbarten Produkt entsprächen, sagte er der «Mittelland-Zeitung». Sie erwägen offenbar, für die neuen Cisalpini weniger als vereinbart zu bezahlen - oder einige Züge zurückzugeben.
Leidtragende sind die Passagiere
Gleichwohl sind die Bundesbahnen im Dilemma: Für den Verkehr nach Italien brauchen sie dringend neue Züge. Ohne die neuen Cisalpini ist das Angebot am Gotthard ab Fahrplanwechsel vom Dezember - etwa die neue Verbindung von Zürich nach Turin - gefährdet. Kurzfristigen Ersatz gibt es nicht. Und die Beschaffung von anderen Neigezügen würde Jahre dauern. Heute gilt im Verkehr von Zürich nach Mailand ein Notfahrplan, weil die Lieferung der ETR 610 bereits zum letzten Fahrplanwechsel misslang. Leidtragende sind die Passagiere, die heute teils mit viel Gepäck in Lugano oder Domodossola umsteigen und erhebliche Verspätungen in Kauf nehmen müssen.
Fabriziert wird der neue Cisalpino von Alstom in Savigliano in Italien. «Wir sind in der Bewilligungsphase und diskutieren mit der SBB-Division Infrastruktur», sagt ein Konzernsprecher in Paris auf Anfrage.
(Der Bund)