Die 500-Dollar-Affäre der Raiffeisen-Bank

Von Constantin Seibt . Aktualisiert am 24.08.2009
Die Folgen einer Überweisung von 500 Dollar: Alarm in den USA, Panik in einer Schweizer Bank und ein Mann in Burma, der um sein Leben fürchtet.
Eine Reise nach Burma (im Bild die Shwedagon-Pagode in Rangun) hatte für eine Schweizerin ungeahnte Folgen. Bild: Reuters

Es waren nur 500 Dollar. Aber sie versetzten Leute auf drei Kontinenten in Schrecken: Kurzzeitig befürchteten Angestellte der Raiffeisen-Gruppe sogar die Blockade aller Geschäfte in der USA. Am Ende nannte es die Bank «eine Routineangelegenheit im internationalen Zahlungsverkehr».

Was war passiert?

Die Geschichte begann friedlich, mit einem Monat Ferien. 2006 reiste Simone Zumsteg (Name geändert) nach Burma. Trotz der Militärdiktatur war es eine schöne Reise: Das lag an der Herzlichkeit der Menschen dort. Und es lag an dem Reiseleiter. Simone Zumsteg imponierte vor allem seine Freundlichkeit: «Er war ein tiefgläubiger Buddhist, der, obwohl selber arm, den noch Ärmeren spendete.»

Sie beschloss, mit etwas Geld zu helfen

Zurück in der Schweiz, blieb sie mit ihm per Mail in Kontakt. Und las so von seinen Sorgen: Ein Taifun hatte das Dach seines Hauses abgedeckt, und durch die Finanzkrise kamen kaum Touristen mehr. Er fragte, ob sie und ihre Gruppe wieder Lust hätten, nach Burma zu fliegen.

Simone Zumsteg hatte keine Zeit. Aber sie beschloss, mit etwas Geld zu helfen: 500 Dollar. Doch das erwies sich als schwierig. Wegen der Militärdiktatur ist Burma weitgehend vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen.

Der Reiseleiter schlug vor, die 500 Dollar seinem Schwager in Singapur zu überweisen. Simone Zumsteg wandte sich an die örtliche Filiale ihrer Raiffeisenkasse, die sie immer zuverlässig beraten hatte. Die Sachbearbeiterin riet ihr, den Namen des Reiseleiters in das Feld «Begünstigter» zu schreiben, damit der Schwager das Geld nicht einstecke. Sie schrieb den Namen in das Feld: Han Soe Win.

Das war am Mittwoch vorletzter Woche. Dann überschlugen sich die Ereignisse.

Panik in der Raiffeisen-Filiale

Zwei Tage später, am Freitagmorgen, klingelte das Telefon an Zumstegs Arbeitsplatz. Am Apparat war eine Angestellte der Bank. Sie war in Panik. «Es ist etwas ganz, ganz Schreckliches passiert», sagte sie laut Zumsteg. Und fuhr fort: Wegen ihr stehe jetzt das Schicksal der gesamten Raiffeisen-Gruppe auf dem Spiel. Mit ihrer Überweisung habe sie einen internationalen Terroristen unterstützt. Sie müsse nun Passnummer und Foto von Han Soe Win bis spätestens 16 Uhr an die Bank schicken. Ansonsten drohe der Raiffeisenbank «der Lizenzentzug durch die USA».

Simone Zumsteg lief es kalt den Rücken hinunter. Sie wollte nicht an der Ächtung einer ganzen Bankengruppe schuld sein. Überdies hatte ihr die Bankerin klargemacht, sie könnte für sämtliche Folgen ihrer Überweisung haftbar gemacht werden.

«So etwas haben wir noch nie gehabt!»

Sie versuchte, Han Soe Win zu erreichen. Sie ging bei ihrem Reisebüro vorbei, aber dieses hatte sich inzwischen aus Burma zurückgezogen. Sie mailte dem Reiseleiter, er solle sofort eine Passkopie schicken. Sie telefonierte mehrmals mit der Bank.

Am Nachmittag hatte sie eine zweistündige Konferenz mit zwei Angestellten in der Filiale. Die Ressortleiterin wartete totenbleich über einem Fax aus den USA, der bunt war vor lauter Leuchtstift. Zumsteg wurde laut ihrer Erinnerung mit den Worten begrüsst: «Sie finanzieren einen der grössten Terroristen! So etwas haben wir noch nie gehabt!» Man fürchte, ein zweiter Fall UBS zu werden. Darauf wurde ihr mitgeteilt, dass die Amerikaner ihre 500 Dollar beschlagnahmt hätten – auf Nimmerwiedersehen. Und dass das Ultimatum unter hohen Kosten für die Bank bis Montag, 12 Uhr, verlängert worden sei. Kosten, die ihr auch verrechnet werden könnten. Wenn sie bis dann nicht Passnummer und Foto des Mannes beibringe.

«Warum ich? Warum ist das mein Problem?», fragte die Kundin immer wieder, ohne klare Antwort. Am Ende schwächte der stellvertretende Filialleiter ab, vielleicht müsse sie auch nichts bezahlen. Aber die 500 Dollar seien definitiv weg.

Tausende heissen gleich

Es wurde ein nervöses Wochenende für Zumsteg. Han Soe Win meldete sich nicht. Sein Name fand sich auch nicht auf irgendeiner Terrorliste im Internet. Dafür fand Sie unter «Han Soe Win» Dutzende von Namensvettern: von einem Minister in Bali bis zu einem Mann, der in der «Burma Times» über Unfruchtbarkeit klagte.

Das Problem, auf das Simone Zumsteg bei ihren Recherchen stiess, war folgendes: In Burma gibt es nur Vornamen. Deshalb heissen Tausende Leute gleich – es war, als suche man nicht einen Meier oder Müller, sondern einen Oliver oder Oskar.

Ein toter General in Burma

Die heisseste Spur, die sie fand, war ein General namens Soe Win, genannt der «Schlächter von Depayin». Der General hatte eine steile, blutige Karriere als Organisator von Massakern an Oppositionellen gemacht. 2004 wurde er Premierminister. Im September 2007, nach einem weiteren Blutbad, sperrten die USA die Konten sämtlicher Regierungsmitglieder.

General Soe Win war also ein plausibler Kandidat für jeden Fahndungscomputer – nicht zuletzt, weil es in Burma keine terroristischen Zellen gibt. Als terroristisch gilt in Burma nur eine Gruppe: die Regierung selbst. Nur: Verfolgte man in diesem Fall wirklich Soe Win? Als die Amerikaner sein Konto sperrten, lag er mit Leukämie im Sterben. Er starb im Oktober 2007.

Wahrscheinlich verfolgten die USA also einen Toten. Aber das half Simone Zumsteg wenig weiter: Sie fürchtete um das Leben ihres Reiseleiters in einem Land, wo Leute für nichts im Gefängnis verschwinden. Und sie fürchtete, nun als Unterstützerin des internationalen Terrors nie mehr reisen zu können.

«Liebe Grüsse, Han Soe»

Montag, 12 Uhr, war kein Mail von Han Soe Win eingetroffen. Trotzdem war die Bank am Telefon mit Simone Zumsteg «freundlich wie ein umgekehrter Handschuh». Man entschuldige sich – laut Zumsteg – mit dem Satz: «Wir haben gesehen, dass Sie ja ein ganz normaler Mensch sind und keine Terroristen finanzieren.» Der Druck aus der Zentrale in St. Gallen sei sehr gross gewesen – man habe übereilt gehandelt. Selbstverständlich gebe es keine finanziellen Sanktionen für sie. Auch bei den 500 Dollar überlege man sich, ob die Bank nicht grosszügig sein könne.

Dann, um 16 Uhr, mailte Han Soe Win seinen Pass. Er war in der burmesischen Kringel-Schrift gehalten und war von ein paar Zeilen auf Deutsch begleitet: «Liebe Frau Zumsteg. Entschuldigung. Sie haben viel Arbeit fuer mich. Ich bin nicht ein Terrorist. Ich sende meine Ausweis Kopie. Unser Land hat Schwierigkeiten fuer MAIL senden. Liebe Grüsse, Han Soe.»

Routine im Zahlungsverkehr

Was also war passiert? War Raiffeisen tatsächlich derart unter Druck der USA geraten? Wegen 500 Dollar?

Die Raiffeisen-Gruppe antwortete dem «Tages-Anzeiger» letzten Dienstag. «Alles ist halb so wild», sagte der Pressesprecher Franz Würth. «Die Geschichte ist ein Routinevorgang im internationalen Zahlungsverkehr. Es handelte sich um eine pure Bank-Bank-Thematik. Eine US-Behörde war nie involviert. Es ist Routine, dass bei Überweisungen Namen mit Listen von Terrorverdächtigen abgeglichen werden. Unsere Korrespondenzbank meldete ein Problem, das geklärt werden musste.»

Aber wenn es Routine war, wieso dann die dringlichen Ultimaten?

Würth: «Solche Fristsetzungen sind im internationalen Bankverkehr üblich. Wenn etwas ungeklärt ist, muss das Geld an den Absender zurückgeschickt werden und kann nicht überwiesen werden. Deshalb brauchten wir termingerecht die Ausweiskopie.»

Und warum kommuniziert man so etwas mit Sätzen wie «Wegen Ihnen verliert Raiffeisen die Lizenz in den USA»?

Würth: «Möglicherweise haben beide überreagiert: die Kundin und unsere Filiale. Da wurde vieles falsch verstanden: Raiffeisen besitzt etwa gar keine Banklizenz in den USA. Und die 500 Dollar erhält die Kundin natürlich zurück. Von der Sache her lief aber alles korrekt. So etwas ist Business as usual im internationalen Zahlungsverkehr.»

Am Mittwoch schrieb Han Soe Win an Simone Zumsteg, er schlafe seit Tagen nicht mehr. Und fürchte um sein Leben.

Sie schrieb etwas Beruhigendes zurück.

Er antwortete bis jetzt nicht mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2009, 04:00 Uhr

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