Die Frau des Übervaters

Von Rita Flubacher . Aktualisiert am 15.10.2009
Nach jahrelangem Hintenanstehen drängt sie jetzt nach vorne: Liz Mohn regiert nun über Europas grössten Medienkonzern Bertelsmann.
Von der Sekretärin zur obersten Chefin: Die jahrelange Geliebte und spätere Ehefrau Mohns übernimmt die Hoheit über den Bertelsmann-Konzern. Bild: KEYSTONE/AP

Kann sie das?, fragen sich deutsche Kommentatoren in diesen Tagen mit bangem Unterton. Liz Mohn (68) übernimmt nach dem Tod Reinhard Mohns die nahezu uneingeschränkte Hoheit über den Bertelsmann-Konzern mit Sitz in Gütersloh. Zur Bertelsmann-Gruppe mit einem Umsatz von 16 Milliarden Euro gehören unter anderem die Senderkette RTL, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr und der Buchverlag Randome House. Kann sie das?, fragen sich die Beobachter, weil der Leistungsausweis von Liz Mohn - zumindest von aussen betrachtet - eigentlich nur darin besteht, dass sie mit Reinhard Mohn verheiratet war.

Sie war blond, 17 Jahre alt und Lehrtochter in der Telefonzentrale, als der mächtige Chef sie an einem Fest 1958 zum Tanzen aufforderte. Die kleine Blonde wurde seine Geliebte. Es hätte eine Episode im Leben von Reinhard Mohn bleiben können. Er betrog seine Gattin Magdalena regelmässig mit schönen Bürofräuleins aus seinem Unternehmen. In diesem Fall war es anders. Mohn blieb an der 20 Jahre jüngeren Elisabeth Beckmann hängen. Es sollten allerdings noch viele Jahre verstreichen, bis aus der kleinen Blonden Liz Mohn die Gattin des Patriarchen wurde. Der Weg dorthin führte durch Abgründe menschlichen Verhaltens.

Reinhard Mohn zog aus dem gemeinsamen Haushalt mit Magdalena und den drei Kindern Johannes, Susanne und Christiane aus und lebte fortan am anderen Ende von Gütersloh allein in einem Haus. Elisabeth Beckmann ehelichte derweil einen Mann namens Joachim Scholz, zog nach Stuttgart und Bielefeld, bevor sie wieder nach Gütersloh zurückkehrte und als Reinhard Mohns Sekretärin arbeitete. 1964 kam Tochter Brigitte zur Welt, ein Jahr später Christoph und 1968 Andreas.

Die Nebenfrau

Elisabeth und Joachim Scholz-Beckmann: ein ganz normales Ehepaar? Nein, denn die ganze Zeit über blieb Schattenmann Reinhard präsent. In ihrer Autobiografie «Liebe öffnet Herzen» erinnert Liz sich an diese Zeit: «Wann immer es ging, versuchte (er) abends bei uns zu sein, wenn die Kinder ins Bett gingen. Dann hatten wir eine halbe Stunde ‹Kinderzeit› - er spielte mit den Kindern, erzählte Geschichten, denn das kann er ganz wunderbar. Er war ein richtiger‹Kindermann›.»

Was die Kinder nicht wussten: Joachim Schulz war nur vermeintlich ihr Vater. Der richtige Vater hiess Reinhard Mohn. 1980 wurden die Kinder aufgeklärt. Warum muteten Reinhard und Liz ihren Kindern diese grosse Lüge zu, die vor allem dem jüngsten schwer zusetzte? Liz Mohn erwähnt die 20 Jahre als Reinhard Mohns Nebenfrau mit keiner Silbe in ihrem Buch.

Nach dreissig Ehejahren mit Magdalena und der Gewissheit, dass von den drei Kindern zwei kein Interesse an der Firma hatten, liess sich Mohn scheiden. «Unsere Ehe war ein Missverständnis», soll er ihr zum Abschied gesagt haben. Dann ordnete er die Scheidung von Elisabeth und Joachim Scholz an und anerkannte seine Vaterschaft an den drei Kindern. Wie der Zürcher Publizist Gian Trepp in seinem Buch «Bertelsmann. Eine deutsche Geschichte» schreibt, soll Joachim für seine «Dienste» von Mohn bezahlt worden sein. 1982 heirateten Reinhard und Liz.

Zügige Karrieresprünge für die ganze Familie

1999 beförderte Reinhard Mohn seine Frau in den Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, welche die Mehrheit am Konzern hält und danach in die Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft, die als eigentliche Machtzentrale gilt. Zügige Karrieresprünge machten auch ihre Kinder Brigitte und Christoph, die ihren Eltern die Lebenslüge verziehen hatten. Topmanager kamen und gingen - es blieb die Frau vom Chef. Nun ist auch der Chef nicht mehr. Liz Mohn ist auf sich gestellt. Kann sie die Rolle ausfüllen?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2009, 14:10 Uhr

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