Präsident Obama führt den Beinahekollaps der Finanzmärkte auf eine «Kaskade von verpassten Gelegenheiten und von jahrzehntelangen Fehlentscheiden» zurück. In Ihrem Buch benennen Sie aber den früheren Notenbankchef Alan Greenspan als den Hauptverantwortlichen für die Krise. Warum?
Es sind nicht anonyme Kräfte, die die Finanzmärkte bewegen, sondern Einzelfiguren wie Alan Greenspan. Ihm kommt eine Hauptverantwortung zu, weil er zwei fundamentale Dinge nicht begriffen hat. Erstens verstand er den Einfluss des Börsencrashs von 1987 auf die reale Wirtschaft nicht und unterschätzte damit auch die Rolle der extrem tiefen Leitzinsen. Zweitens war und ist sein Glaube an die Selbstregulierung der Finanzindustrie naiv. Seine Ahnungslosigkeit erinnert an Eltern, die ihr Kind in den Süsswarenladen schicken und hoffen, es werde sich nicht selber bedienen. Weil Greenspan aus dem Crash von 1987 den falschen Schluss zog, glaubte er, stets von neuem Geld drucken zu können, sobald es an den Aktienmärkten rumpelte. Damit legte er umgehend die Basis für die nächste Überhitzungswelle. Auch die letzte im Immobilienmarkt ist sein Vermächtnis.
Greenspan liess sich erklärtermassen stark von den Schriften Ayn Rands, einer Chefideologin des freien Markts, beeinflussen. Wie ist diese Haltung zu vereinbaren mit seinen massiven Interventionen als späterer Notenbankchef?
Dies ist einer seiner zentralen Widersprüche. Seine Abneigung gegen Regulierung, Aufsicht und Kontrolle der Finanzmärkte kollidiert mit seiner eigenen Rolle als Notenbanker. In der Theorie von Greenspan sollten sich alle Brokerhäuser und Banken an Wallstreet rational verhalten. Aber ich kann Ihnen versichern, dass dem in der Realität nicht so ist.
Ist es so, wie die Regierungen Bush und Obama übereinstimmend erklärten, dass mehrere Wallstreet-Institute schlicht zu gross waren, um sie scheitern zu lassen?
Nein. Weder die Bank of America noch die Citigroup stellten ein systemisches Risiko dar. Man hätte sie geordnet aufteilen und reorganisieren können, ohne dass das ganze Finanzsystem zerbrochen wäre. Wenn eine Bank zu gross ist, um zu scheitern, dann ist sie schlicht zu gross. Und zwar auch, um erfolgreich zu sein, wie das Beispiel der Citigroup zeigt.
Welche Rolle spielen die Boni bei den Entscheiden der Vermögensverwalter, Finanzberater und Fondsmanager?
Das Schlimme sind nicht die erfolgsabhängigen Boni, sondern die abartigen Gebilde, wie sie beispielsweise der Versicherungskonzern AIG erfunden hat. Dort wurden die Boni nur nach dem Umsatz bemessen. Es spielte keine Rolle, ob nach dem Vertragsabschluss der Kunde die Police überhaupt bezahlen kann oder nicht. Hauptsache, der Umsatz stimmt. Oder nehmen Sie das Beispiel der vernünftigen Geldmanager in den Grossbanken, die letztes Jahr vorsichtshalber Kundengelder in Geldmarktfonds gelegt haben, um den Aktienzerfall abzufedern. Diese Geldmanager wurden mit einem Bonusentzug bestraft, da sie zu wenig Umsatz generierten. Ein perverses System.
Erachten Sie die Vorschläge der Regierung Obama zur Restrukturierung der Finanzbranche für genügend?
Die Reformideen von Obama sind eine gewaltige Enttäuschung. Kritiker und Supporter sind entweder enttäuscht oder überrascht, weil der Präsident die Sache so zögerlich angeht. Die Reform trägt die Handschrift von Wirtschaftsberater Larry Summers und Finanzminister Tim Geithner. Beide wollen den Status quo mit allen Mitteln verteidigen. Geithner wurde als Chef der New Yorker Fed im Schatten der Wallstreet gross. Er ist ein Mann der Banker. Und Summers war in der Regierung Clinton federführend, als es um die exzessive Deregulierung der Finanzindustrie ging. Mir ist schleierhaft, wie die beiden Kerle einen Job in der Regierung bekommen konnten.
Immerhin sieht die Regierung vor, die Notenbank zu stärken und ihre Aufsicht über die Märkte auszubauen. Schafft dies eine grössere Distanz zwischen Wallstreet und der Politik?
Ich bin skeptisch. Mir wäre lieber gewesen, wenn die FDIC mehr Kompetenzen bekommen hätte. Diese Instanz (die staatliche Einlagenversicherung, die Redaktion) hat kreativ geholfen, mehrere Finanzhäuser zu restrukturieren. Hier sitzen die Bluecollar-Arbeiter der Aufseher, während die Notenbanker eher Theoretiker und zudem anfällig auf politische Pressionen sind.
Präsident Obama hat Ben Bernanke bereits ausdrücklich für seine Arbeit als Krisenmanager gelobt. Wie beurteilen Sie die Arbeit des Notenbankchefs?
Ich sehe drei verschiedene Bernankes: Unter Alan Greenspan war er nicht mehr als ein Mitläufer und Helfershelfer, ohne sich gegen die zu lange Phase der tiefen Zinsen zu wehren. Auch in der erste Phase zwischen dem Amtsantritt 2006 und September 2008 lieferte er eine lausige Arbeit. Er verkannte die Schwere der Immobilienkrise, unterschätzte die Verschuldung der Banken und reagierte zögerlich auf den drohenden Kollaps. Seit Herbst 2008 indessen hat Bernanke seine Arbeit hervorragend getan. Mit unkonventionellen, mutigen Entscheiden verhinderte er eine globale Depression. Das ist ein historisches Verdienst.
Sollte Obama ihn erneut nominieren?
Von den drei Hauptspielern verdient Bernanke eine Bestätigung. Hingegen muss Obama mit Summers und Geithner ein ernsthaftes Wort reden.
Wie steht es um die Ratingagenturen, die mit der Finanzmarktreform vom Radarschirm der Regierung verschwunden sind?
Ratingagenturen sind die schlimmsten Zuhälter der Finanzbranche. Sie werden von den Banken dafür bezahlt, dass sie ihnen gute Ratings zuhalten, und sollen das auch in Zukunft tun können. Dass Obama die Ratingagenturen in Ruhe lassen will, ist total verantwortungslos.
Wie erklären Sie dieses Zögern?
Es ist nur durch einen Machtkampf innerhalb der Regierung zu erklären. Es scheint, dass die Praktiker und Pragmatiker um den Präsidenten, also Chefberater David Axelrod und Stabschef Rahm Emanuel, gegenüber Geithner und Summers unterlegen sind. Obama scheint mehr auf die Wallstreet nahestehenden Leute zu hören als auf seine engsten Berater.
(Tages-Anzeiger)