«Die Zukunft der Schweiz liegt in Obamas Händen»

Von Claudio Habicht. Aktualisiert am 02.03.2009
Die britische Presse feiert schon jetzt das Ende des Bankgeheimnisses – ja gar der Schweizer Banken. Was die Zeitungen nicht erwähnen: Grossbritannien ist selber eine Steueroase.
topelement Will Steueroasen trockenlegen: US-Präsident Barack Obama.
Schadenfreudiger kann eine Zeitung kaum titeln: «So long, farewell, auf wiedersehen: game over for Swiss banks.» Der britische «Observer» hat sich auf die Schweiz eingeschossen und greift tief in die Klischeekiste, um die Leser von der Bösartigkeit des Bankenplatzes zu überzeugen.

«Gnome von Zürich»

«Die Gnome von Zürich haben viele Jahre lang heldenhaft gearbeitet», schreibt das Blatt – und unterstellt im nächsten Satz sämtlichen Bankern, dass sie mitgeholfen haben, aus der Schweiz einen Hort der Steuerhinterziehung zu machen. «Es ist den Schweizer Banken gelungen, fast einen Drittel des weltweiten Privatvermögens – dieses beträgt 7000 Milliarden Dollar – vor der Steuerbehörden dieser Welt zu verstecken.» Bereits letzte Woche sagte der britische Schatzkanzler Alistair Darling im «Observer», die Schweiz müsse die mangelnde Transparenz ihrer Banken angehen, und Premier Gordon Brown kündigte an, härter gegen Steueroasen vorzugehen.

Fazit des «Observer»: «Dunkle Tage für die Schweiz». Dass sich viele in Grossbritannien insgeheim über den Niedergang des Schweizer Bankgeheimnisses freuen, verschweigt die Zeitung. Mit gutem Grund: Das Einprügeln auf die Schweiz kommt Brown gerade recht. So kann er davon ablenken, dass Grossbritannien im vergangenen Jahrzehnt den Finanzplatz London – der mit dem Schweizer Bankenplatz konkurriert – grosszügig mit Steueranreizen ausstattete.

So müssen reiche Ausländer, die in Grossbritannien leben und arbeiten – ihren Wohnsitz jedoch im Ausland haben – erst nach sieben Jahren Pauschalsteuer zahlen. Sonst müssen sie nur ihr britisches Einkommen und das Geld versteuern, das sie auf die Insel transferiert haben. Der «International Herald Tribune» bezeichnete Grossbritannien 2007 deshalb als grösstes Steuerparadies Europas.

Kanalinseln: «Aufgefeilte Steuerflucht-Systeme»

Kommt dazu: Auch die Kanal- und Karibikinseln, die der britischen Krone unterstehen, erheben keine oder nur tiefe Steuern, und sind in Verruf geraten. Der Ökonom John Christenen, Direktor der Organisation Tax Justice Network und ehemaliger Berater der Regierung der Kanalinsel Jersey, sagt in der «NZZ am Sonntag»: «Die Steuerflucht-Systeme sind ausgefeilter und komplexer geworden.»

Für den «Observer» ist klar, dass der Bankenplatz Schweiz schon am G20-Gipfel im April auf dem Spiel steht: «Die Zukunft der Schweiz liegt in Obamas Händen. Er hat versprochen, Steueroasen trockenzulegen. Wenn es ihm gelingt, die G20-Führer davon zu überzeugen, dass das Bankgeheimnis nicht mehr toleriert werden könne, dann ist für die Schweiz fertig lustig.»

( Tagesanzeiger.ch/Newsnetz )

Erstellt: 02.03.2009, 11:51 Uhr

Wenn der Tisch wackelt

Weniger hart ins Gericht mit der Schweiz gehen deutsche Zeitungen. Der «Spiegel» kritisiert Premier Brown, dass er sich zur Kritik an der Schweiz aufschwinge. «Die Schweizer Banken haben schon seit Jahren andere Geschäftsmodelle entwickelt, und betreuen ihre Kunden nun auch in deren Heimatländern.

Dagegen titelt die «Süddeutsche Zeitung» fest: «Schweiz knickt bei Bankgeheimnis weiter ein.» Die Folgen wären für die Schweiz fatal, so Urs Philipp Roth, der Direktor der Schweizerischen Bankiervereinigung: «Stellen sie sich einen Tisch vor, der vier Beine hat: Stabilität, Kompetenz, Lebensqualität, Bankgeheimnis. Wenn sie ein Bein wegnehmen, wackelt der Tisch», sagt er im «Spiegel».

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