Mit dem Kauf von British Midland wird British Airways einen weiteren Konkurrenten los. Bild: Reuters
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Wer ist billiger? Am kommenden Wochenende will ein Kunde möglichst billig nach London fliegen. Er will einen Koffer von bis zu 20 Kilo aufgeben und online per Kreditkarte buchen. Eine Reiseversicherung braucht er nicht. Abflug ist am Freitag, Rückflug am Sonntag. Vier Airlines fliegen direkt: Swiss, British Airways (BA), Easyjet und Ryanair, Letztere nur ab Basel und nur nach Stansted, einem Flughafen weit ausserhalb Londons.
Das Ergebnis: Die Swiss bietet den Hin- und Rückflug für 339 Franken an, Easyjet für 469 Franken und BA für 478 Franken. Ryanair fliegt nicht am Freitag, sondern am Donnerstag. Kostenpunkt: 474 Franken. Die Swiss schlägt die Billigairlines deutlich, Ryanair ist so teuer wie British. Noch extremer fällt der Vergleich für übernächstes Wochenende aus: Die Swiss ist mit 275 Franken am billigsten, dann folgt Easyjet (299 Fr.), dann BA (343 Fr.) und am Schluss Ryanair (382 Fr.)
Der Grund: Die Billigplätze, die bei Easyjet 15 Prozent ausmachen, sind rasch weg. Gleiches gilt für Ryanair. Noch deutlicher wird der Vergleich, wenn man die Kosten für den Transfer vom Flughafen ins Stadtzentrum berücksichtigt. Von Heathrow aus, wo Swiss und BA landen, kostet es 7 Franken, von Gatwick (Easyjet) und Stansted aus je 30 Franken. Bei Swiss und BA sind die Getränke gratis, während sie bei den Billigfliegern 3 bis 5 Franken pro Flug kosten. Jeder Passagier, der nicht die Swiss bucht, hat sich vom Image der Billigflieger täuschen lassen.
Das Beispiel zeigt, dass die grossen und etablierten Airlines im Europaverkehr konkurrenzfähig sind. Dennoch verlieren sie im Fluggeschäft derzeit viel Geld, während Easyjet und Ryanair schwarze Zahlen in Aussicht stellen. Weltweit wurde laut Branchenverband Iata im ersten Quartal rund 10 Prozent weniger Economy gebucht und 20 Prozent weniger Business- und First Class. Dies trifft vor allem Langstreckenflüge im Geschäftsverkehr und Ferienflüge. Kurzstrecken haben zugelegt.
Mehr Kurzurlaube
Lufthansa, der Mutterkonzern der Swiss, verlor im ersten Halbjahr 1,7 Millionen Passagiere (4 Prozent) und machte 300 Millionen Franken Verlust. Um Fixkosten zu senken, haben die Deutschen Strecken eingestellt oder Flugzeuge so umgebaut, dass mehr Tickets in der Economy angeboten werden können.
Easyjet dagegen hat seit Juli letzten Jahres 7 neue Flugzeuge in Betrieb genommen und setzt in Europa 161 Maschinen ein. Es wurden in einem Jahr 400'000 Passagiere mehr (+2 Prozent) transportiert. Ryanair-Präsident Andy Harrison stellte kürzlich einen Jahresgewinn von 45 bis 90 Millionen Franken in Aussicht.
Fachleute erstaunt der Trend nicht. In der Krise sparen die Leute. Dafür leisten sie sich öfters Kurzurlaube. Davon profitieren die Billigflieger. Die Konsumenten gehen davon aus, dass sie bei Easyjet & Co. günstigere Tickets erhalten.
30 Franken Baby-Zuschlag bei Ryanair
Seit die Kerosinpreise gestiegen sind, gilt dies bei Ryanair und Easyjet nur mehr bedingt. Auch sie kämpfen seit 2008 mit hohen Betriebskosten. Weil sie das Wettbewerbsimage «billig» nicht verlieren wollen, halten sie die direkten Flugpreise so tief wie möglich. Und sie haben begonnen, um diese Schaufensterpreise herum alternative Erträge zu generieren: Zuschläge fürs Gepäck, für schnelleres Check-in und Boarding. Bei Ryanair zahlt man einen Zuschlag für Musikinstrumente von 46 Franken, ein Baby verursacht einen Aufpreis von 30 Franken, ein Kinderwagen 16 Franken.
Wer online einchecken will, zahlt 7.60 Franken, und eine Buchungsbestätigung per Mail kostet 1.60 Franken. Wer Gepäck aufgibt, zahlt dafür 16 Franken für 15 Kilo – 5 Kilo weniger als die Norm. Für jedes zusätzliche Kilo werden 23 Franken verrechnet. Ein 20-Kilo-Koffer kostet also 114 Franken. Bei der Swiss ist er inbegriffen, Easyjet verlangt 36 Franken.
Solche Einnahmen sind überproportional stark angestiegen. Beispiel Easyjet: Ihr Umsatz für «Nebeneinnahmen inklusive Gepäckgebühren» stieg innert Jahresfrist um 36 Prozent auf 250 Millionen Franken, während der Passagierumsatz bloss um 8 Prozent wuchs. Hinzu kommen Kommissionen. Bei Easyjet und Ryanair sind Zusatzkäufe im Buchungsvorgang integriert. «Wir verdienen je länger, desto mehr mit der Vermittlung von Hotels und Autovermietungen, die parallel zu den Buchungen getätigt werden», sagte Thomas Haagensen, Deutschlandchef von Easyjet.
«Billig» zieht auf Langstrecken nicht
Höhere Nebenerträge und mehr Kurzurlauber sind die Hauptgründe, weshalb Billigairlines trotz Krise Gewinne erzielen. Die Kurzentschlossenen sind ihr wichtigstes Nachfragesegment. Es gibt einen fundamentalen Unterschied im Nachfrageverhalten von Kurzstreckenkunden einerseits und Mittel- und Langstreckenpassagieren andererseits. «Man kann Langstreckenflüge so billig wie möglich machen. Trotzdem fliegen nicht mehr Leute in die Ferne», sagt René Bättig von RMR Reisen in Schaffhausen.
«Das ist einer der Hauptgründe, warum Billigairlines auf Langstrecken nicht funktionieren», erklärte ein früherer Easyjet-Manager. In den letzten vier Jahren sind zwei Gesellschaften gegründet und eingestellt worden. Es fehlte ihnen das Netzwerk, das einer Swiss oder Lufthansa in der Krise um die 50 Prozent Umsteiger auf Langstrecken bringt. Es sind Passagiere aus London, Madrid oder Warschau, die für tiefere Tarife einen Umweg in Kauf nehmen. So halten sich jetzt alle Grossen über Wasser, trotz Verlusten. Sie zehren von der Substanz – im Wissen, dass sich die Business-Klassen wieder füllen und die Kassen klingeln werden, sobald die Konjunktur anzieht.
(Tages-Anzeiger)