«Der Werbekuchen für Gratiszeitungen wächst kaum mehr», sagte der Berner Universitätsprofessor gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Die Leserzahlen hätten bald ihr Maximum erreicht. «Die Pendlerzeitungen befinden sich mehr denn je in einem Verdrängungswettbewerb.»
Dass das Ende für «.ch» so plötzlich kommt, führt Blum auf die Neuorientierung des Blattes seit Ende 2008 zurück. Zu Beginn habe sich «.ch» bewusst als Qualitätsblatt mit viel Eigenrecherchen und seriösen Themen profiliert. Damit habe sie sich von den anderen Gratiszeitungen abheben können.
«Dieser Vorteil fiel mit der stärkeren Orientierung Richtung Boulevard weg», erklärte Blum. Auf diesem Feld sei «.ch» «20 Minuten» weit unterlegen, da der Platzhirsch einen starken Verlag im Rücken habe und viel mehr Erfahrungen in diesem Bereich aufweise.
Etablierte Marken erschweren Einstieg
Die Neuorientierung ist aber für Blum nicht der einzige Grund für das Scheitern. «Schon der Start war schwierig; ‹.ch› trat in einen Markt ein, in welchem ‹20 Minuten› bereits fest etabliert war.»
Dazu kam kurz darauf die Lancierung der Pendlerzeitung «News». «Gerade im Vergleich mit ‹News› wurde augenfällig, dass es ‹.ch› an einem potenten Partner im Hintergrund fehlt», sagte Blum.
Die Verlage hinter der «Basler Zeitung», der «Berner Zeitung» und dem «Tages-Anzeiger» hätten dank «News» den Werbekunden attraktive Angebote machen können, während «.ch» allein in der Medienlandschaft stand.
In der gleichen vorteilhaften Lage wie «News» ist auch «20 Minuten», hinter dem der Grossverlag Tamedia steht, oder «Blick am Abend» von Ringier. «News» habe mit seiner Mittelstellung zwischen seriösem Journalismus und Boulevard «.ch» zudem von Beginn weg Leser abspenstig gemacht.
Teuer zu stehen kam «.ch» auch das verfehlte Zustellungssystem, wie Blum sagte. Als Innovation gefeiert, sei das Konzept der Hauszustellung kläglich gescheitert. «In der Schweiz als Land der Pendler führt für eine Gratiszeitung kein Weg an den Zeitungsboxen an den Bahnhöfen vorbei», stellte Blum klar.
Markt bereinigt
Bei Prognosen für die Zukunft gibt sich Blum zurückhaltend. «Sicher ist, dass es schwierig wird, eine neue Gratiszeitung zu lancieren.» Die Zeitungen «20 Minuten», «News» und «Blick am Abend» seien gut im Markt etabliert. «Gut denkbar, dass es in der Deutschschweiz bei dieser Konstellation bleibt», sagte Blum.
(bru/sda)