Vielbeschäftigt: Fiat-Chef Sergio Marchionne.
Bloss fragt sich, ob Marchionne überhaupt Zeit findet, diese zusätzlichen Verpflichtungen wahrzunehmen. Derzeit pendelt er nämlich vor allem zwischen Europa und den USA hin und her, um den Einstieg von Fiat beim maroden US-Autobauer Chrysler unter Dach und Fach zu bringen.
Technologie statt Kapital
Soeben ist er von einer weiteren Verhandlungsrunde aus den USA zurück. Morgen wird er in Turin die Quartalsergebnisse der Fiat-Gruppe verkünden. Es dürfte sich um das erste negative Ergebnis handeln, seit Marchionne vor fünf Jahren den Turnaround bei Fiat eingeleitet hat.
Nichts weniger als der Turnaround soll ihm auch in den USA gelingen. Falls Gewerkschaften und Banken dem Sanierungsplan bis Ende Monat zustimmen, wird Fiat 30 Prozent von Chrysler übernehmen. Dafür will Marchionne aber kein Geld nach Übersee transferieren, sondern Technologie. Fiat verfügt über die Flotte mit dem tiefsten Durchschnitts-CO2-Ausstoss aller Autokonstrukteure. Das Turiner Knowhow soll Chrysler helfen, umweltfreundliche Autos zu bauen und damit auch die zusätzlichen 500 Millionen Dollar Staatsgelder zu rechtfertigen, welche die Regierung Obama in Aussicht gestellt hat.
Beide Firmen parallel führen
Für den Erfolg bei Chrysler ist Marchionne offenbar zu vielem bereit. Wenn nötig, werde er auch Generaldirektor von Chrysler und würde die beiden Autofirmen parallel führen, sagte er letzte Woche in verschiedenen Medien. Seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise weist er darauf hin, dass der Automobilbranche eine Strukturbereinigung riesigen Ausmasses bevorstehe. Weltweit werde es danach noch fünf, sechs grosse Autobauer mit einem jährlichen Ausstoss von rund 6 Millionen Fahrzeugen geben. Dabei soll Fiat eine Führungsrolle spielen.
Spätestens mit dem Job bei Fiat hat sich der 56-jährige Marchionne den Ruf eines Sanierers erworben. Er gilt als knallharter Verhandler, hat sich mit dem Erfolg in Turin aber auch Respekt bei den Gewerkschaften verschafft. Seine Karriere begann er als Wirtschaftsprüfer in Kanada. 1994 stiess er zur damaligen Alusuisse, deren Leitung er 1996 übernahm. Danach wurde er CEO und Verwaltungsratspräsident der Lonza-Gruppe. Bevor er zu Fiat wechselte, war er zwei Jahre lang CEO der Genfer Société Générale de Surveillance. Seit 2006 präsidiert er deren Verwaltungsrat.
Es droht ein Interessenkonflikt
Ein Jahr später erfolgte Marchionnes Wahl in den Verwaltungsrat der UBS. Seine jüngste «Beförderung» lässt darauf schliessen, dass die schlingernde Bank von seinen Saniererqualitäten profitieren will.
Wie er diesen Anspruch allerdings mit einem allfälligen Chefposten bei Chrysler in Einklang bringen könnte, wäre wohl noch zu klären. «Die Vereinbarkeit würde im konkreten Fall durch den Verwaltungsrat vorab geprüft werden, wie dies immer geschieht, wenn ein Verwaltungsratsmitglied eine neue Funktion annehmen möchte», lässt die UBS dazu ausrichten.
(Tages-Anzeiger)