Ein Insider, dessen Hedge-Funds Lehman als Prime-Broker nutzte, schätzt den Umfang der eingefrorenen Konten auf 50 bis 70 Milliarden Dollar, berichtet die Wirtschaftsagentur Bloomberg. Verschiedene Hedge-Funds haben den Braten frühzeitig gerochen. In der Woche vor dem Konkurs wurde die Hälfte aller Prime-Broker-Vermögenswerte von Lehman abgezogen. Prime-Broker stellen Hedge-Funds und Investmentgesellschaften Fremdkapital gegen Sicherheiten zur Verfügung und streichen dafür einen Zins ein.
Die Zahl der Lehman-Opfer steigt
Erstes Opfer dieser Entwicklung ist der 1987 gegründete Hedge-Funds Oak Group. «Wir werden den Betrieb wahrscheinlich einstellen und die Firma liquidieren müssen. Das Spiel ist aus», sagte Oak-Chef John James gestern. Seine Firma hat eigenen Angaben zufolge 70 Prozent des Anlagekapitals beim britischen Lehman-Ableger liegen. Ironie der Geschichte: Der in Chicago ansässige Hedge-Funds hatte den Umweg über Grossbritannien gewählt, weil er dort mehr Kredit erhielt als bei US-Prime-Brokern. Was sich jetzt rächt.
Wie viele Hedge-Funds von der Lehman-Pleite betroffen sind, weiss niemand. Medienberichten zufolge befinden sich darunter bekannte Namen wie GLG, Augustus Asset Management, Brevan Howard Asset Management und Ramius. Ihr Problem: Ihre Wertschriften sitzen fest. Womöglich haben sie mit deren Transfer zu Lehman sogar ihre Eigentumsrechte verwirkt, schreibt die Konkursverwalterin PWC.
Experten befürchten, dass es nun zu einer Panikreaktion unter Hedge-Funds kommen könnte. Gemäss dem Nachrichtendienst Dow Jones versuchen über tausend Hedge-Funds, ihre Wertpapiere von ihren Prime-Brokern zurückzuziehen, um so ihre Risiken wieder in den Griff zu kriegen. Dies könne das Ende des bisherigen Prime-Broker-Systems sein, sagt Sameer Shalaby vom Hedge-Funds-Datenlieferanten Paladyne. Die Hedge-Funds müssten sich verstärkt die Frage stellen, wie sie ihre Risiken auf mehrere Prime-Broker aufteilen könnten. Profiteure dieser Entwicklung seien Universalbanken wie UBS oder CS.
(Tages-Anzeiger)