Taurin verleiht gar keine Flügel

Von Angela Barandun. Aktualisiert am 27.10.2009
Die Substanz, die Red Bull den Namen gibt, verscheucht weder die Müdigkeit, noch steigert sie die Leistungsfähigkeit. Zu diesem Schluss kommen europäische Wissenschaftler.
topelement Auch mit Taurin kann man nicht fliegen: Was dieses Experiment zeigt, haben EU-Wissenschaftler nun bewiesen.
Um Taurin ranken sich Legenden. Angeblich soll die Substanz aus Stierhoden gewonnen werden – was auch seine energiefördernde Wirkung erklären soll. Tatsächlich stammte Taurin früher aber nicht aus Hoden, sondern aus der Galle des Stiers. Heute wird der Stoff synthetisch hergestellt.

Auch die leistungssteigernde Wirkung scheint ein Mythos zu sein. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler der europäischen Lebensmittelaufsicht EFSA. Sie haben mehrere Studien der Hersteller von Energydrinks untersucht und darin keine stichhaltigen Beweise dafür gefunden, dass der Konsum von Taurin Müdigkeit wegbläst oder die Leistungsfähigkeit steigert. Dieses Urteil könnte zur Folge haben, dass die Hersteller ihre Energydrinks in Zukunft anders vermarkten müssen.

Wer Gesundheit verspricht, muss Belege liefern

Das Urteil zu Taurin ist eines aus einer ganzen Reihe: Seit 2007 gilt in der EU die sogenannte Health-Claims-Verordnung. Diese verlangt, dass gesundheitsrelevante Werbeversprechen wissenschaftlich belegt werden. Die Lebensmittelaufsicht untersucht nun ein Produkt nach dem anderen, um die Wissenschaftlichkeit der Herstellerstudien zu überprüfen. Diese Entscheide gelten aufgrund eines Abkommens mit der EU automatisch auch für die Schweiz.

In einigen Fällen haben die EFSA-Urteile am Fundament ganzer Industrien gerüttelt. So wurde von über 180 untersuchten probiotischen Keimen in Joghurts bei keinem einzigen die Wirksamkeit bestätigt.

Gleich viel Koffein wie Kaffee

Auch die Hersteller anderer Nahrungsmittel erlebten Rückschläge. Im letzten Januar lehnte die Behörde die Behauptung von Unilever ab, Lipton-Schwarztee erhöhe die Aufmerksamkeit. Im Februar erklärte sie, der Safthersteller Ocean Spray habe keine stichhaltigen Beweise dafür, dass sein Cranberry-Saft Harnwegsentzündungen verhindere. Und bei Ferreros Kinder-Schokolade wurde die Aussage abgelehnt, die Leckerei helfe «beim Wachstum».

Das Urteil zu Taurin von Anfang Oktober trifft den europäischen Pionier in Sachen Energydrinks wohl am härtesten: Red Bull machte Taurin-haltige Getränke in Europa erst bekannt – und salonfähig. Das Unternehmen trägt den Stier (Englisch: Bull) in Anlehnung an das Taurin sogar im Namen und verkauft mittlerweile über 4 Milliarden Dosen der roten Brause pro Jahr. In der Schweiz werden jedes Jahr über 20 Millionen Liter Energydrinks konsumiert, das entspricht gut 80 Millionen Dosen.

«Wirkung basiert auf Gesamtheit»

Red-Bull-Sprecherin Nathalie Lüthi gibt sich kämpferisch: «Tatsache ist, dass Millionen Menschen weltweit aus ihrer persönlichen Erfahrung wissen, dass Red Bull für sie wirkt.» Ausserdem basiere die Wirkung des Energydrinks «auf der Gesamtheit der verwendeten funktionellen Zutaten», und diese sei in «unabhängigen wissenschaftlichen Produktstudien nachgewiesen» worden. Kurz: Das Urteil der Lebensmittelaufsicht zu Taurin lässt gemäss Lüthi keine Rückschlüsse auf die EFSA-Bewertung von Red Bull als Ganzes zu.

Neben Taurin enthält eine Dose Red Bull – wie die meisten anderen Energydrinks – viel Zucker, Vitamine, eine Substanz namens Glucuronolacton (deren Wirkung ebenfalls umstritten ist) und etwa gleich viel Koffein wie eine Tasse Kaffee. Damit steht die Frage im Raum, ob Körper und Geist durch eine Dose Red Bull stärker beflügelt werden als durch einen Espresso mit viel Zucker. Fest steht, dass Wodka-Red-Bull heute die weit grössere Popularität geniesst als ein Kafi Schnaps.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2009, 04:00 Uhr

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