Toyota ist von der Strasse abgekommen

Von Philipp Löpfe . Aktualisiert am 01.02.2010
Die Probleme mit klemmenden Gaspedalen könnten sich zur schlimmsten Krise für den japanischen Autohersteller ausweiten. Doch eine Hoffnung besteht.
topelement 2,3 Millionen Autos sind in den USA von der Rückrufaktion betroffen, in Europa 1,8 Millionen. Die fehlerhaften Gaspedale sind unter anderen in Camrys montiert. Bild: Reuters Mehr Bilder (6)

Toyota ( 801.38%) ist bekannt für sein Produktionssystem, wahrscheinlich das beste, das die industrielle Welt bisher gesehen hat. Herzstück dieses Systems ist die «Andon-Kordel», ein Seil, das entlang des Fliessbandes läuft. Selbst ein gewöhnlicher Fliessbandarbeiter kann an diesem Seil ziehen und damit das ganze System zum Stoppen bringen, wenn er einen Fehler entdeckt. Ein solcher Ausfall kann sehr schnell Millionen von Franken kosten, doch Toyota nimmt dieses Risiko in Kauf. Bisher hat es sich auch gelohnt: Wenn es um Qualität und Zuverlässigkeit geht, gelten die Japaner als unschlagbar.

Das könnte sich ändern. Schuld daran ist eine Serie von mysteriösen Unfällen. Der schlimmste davon ereignete sich am 8. August 2009 in Südkalifornien. Damals war ein Lexus Modell ES 350 auf dem Highway 125 unterwegs nach San Diego. Gesteuert wurde das Auto von einem sehr erfahrenen Lenker, einem Autobahnpolizisten. Wie von Geisterhand begann der Lexus plötzlich zu beschleunigen. Der Fahrer wollte per Polizei-Notruf Hilfe anfordern. «Unser Gaspedal bleibt stecken ... wir sind in Schwierigkeiten ... die Bremsen reagieren nicht mehr...halt an und bete, bete...», protokolliert die «New York Times» den panischen Funkspruch. Es nützte alles nichts. Der Lexus prallte in einen Geländewagen und ging in Flammen auf. Vier Menschen wurden auf der Stelle getötet.

Sträflich unterschätzt

In den USA und Kanada waren Schwierigkeiten mit dem Gaspedal bei verschiedenen Toyota-Modellen schon seit rund zwei Jahren bekannt. In Rückrufaktionen wurden deshalb schon mal Fussmatten ausgewechselt. Man glaubte zunächst, sie seien schuld an den klemmenden Gaspedalen. Aus heutiger Sicht war dies offensichtlich eine Verharmlosung. Spätestens nach dem Unfall von San Diego hätten bei Toyota sämtliche Warnlampen blinken sollen, und das Top-Management hätte an einer Art Andon-Kordel ziehen müssen. Doch nichts dergleichen geschah. Das Problem wurde sträflich unterschätzt. Als Folge davon schlittert Toyota jetzt möglicherweise in seine schlimmste Krise.

Es handelt sich um eine Krise mit Ansage, denn dass bei Toyota nicht alles rund läuft, war selbst an höchster Stelle bekannt. Als Akio Toyoda, ein Enkel des Firmengründers, im Juni an die Spitze des Unternehmens rückte, nahm er kein Blatt vor den Mund. Er zitierte aus dem Buch «How the Mighty Fall» des Management Gurus Jim Collins. Darin werden die fünf Stationen des Niedergangs eines Unternehmens beschrieben. Es sind dies: Erfolg, undisziplinierte Jagd nach mehr Erfolg, die Verleugnung von Risiken und Gefahren, die Suche nach einer Wunderheilung und die Kapitulation. Toyota, so der neue Konzernchef, befinde sich auf Stufe vier und damit in höchster Gefahr. Verzweifelt werde nach einem Wunderheilmittel gesucht, nach einer revolutionären neuen Lösung und dabei das eigentliche Kerngeschäft vernachlässigt. Man sei, schloss Toyoda, seinen eigenen Prinzipien untreu geworden.

Personal wird sehr sorgfältig ausgesucht

Diese Prinzipien offenbaren sich im Toyota-Produktionssystem, ein System, das sehr einfach zu begreifen – höchste Qualität auf allen Stufen –, aber ebenso schwierig zu erlernen ist. Mindestens fünf Jahre brauche man, um die spezifische Toyota-Kultur zu beherrschen, erzählen Insider. Das Personal wird deshalb sehr sorgfältig ausgewählt und ein Leben lang geschult und beschäftigt. Toyota verzichtet darauf, andere Autofirmen zu übernehmen. Es wäre viel zu aufwendig, die neuen Mitarbeiter umzuschulen. Man begnügt sich mit ein paar wenigen Beteiligungen, etwa bei Subaru. Auch Zulieferer müssen sich jahrelang bewähren und Ausbilder in ihren Betrieben dulden, bevor sie zur Toyota-Familie gehören. Der Betriebswirtschafter und Professor Jeffrey K. Liker schildert in seinem Bestseller «Der Toyota Weg», wie die Japaner selbst für ein banales Ersatzteillager Hunderte von Bewerbern antraben lassen, um ein paar Dutzend anzustellen.

Die einst so berühmte Firmenkultur ist anscheinend brüchig geworden. Akio Toyoda hatte nicht zufällig das Buch von Jim Collins zitiert. Mit zunehmenden Erfolg wurde auch Toyota von einem ungesunden Jagdfieber erfasst. Das Unternehmen wuchs rasant, verdoppelte innerhalb von zehn Jahren die Anzahl der Mitarbeiter und betreibt nun weltweit ein Netz mit über 50 Werken. Im Jahr 2002 verkündete der damalige Konzernchef Fujio Cho, bis 2010 wolle man 15 Prozent des Weltmarktes erobern. Bei diesem Wettlauf hat möglicherweise die Qualität gelitten, vor allem bei den Zulieferern. Hatte man sich einst auf enge, meist japanische Partner beschränkt, wurde nun rund um den Globus eingekauft. So stammen die klemmenden Gaspedale aus der kanadischen Fabrik eines amerikanischen Zulieferers.

Zwischen Hammer und Amboss

Dabei ist es noch keineswegs sicher, dass hier geschlampt worden ist. Das grösste Problem von Toyota ist derzeit die Ungewissheit. Niemand weiss derzeit mit Sicherheit, was die Ursache der rätselhaften Unfällen ist. In sechs unabhängigen Untersuchungen wurde nichts Verdächtiges gefunden ausser rutschende Fussmatten. Nun wird vermutet, dass die Kombination eben dieser Matten mit den klemmenden Pedalen fatale Folgen haben kann. Der Unfall von San Diego stellt diese These infrage und hat nun zu einer neuen geführt. Ein Anwalt, dessen Frau bei einem rätselhaften Unfall gestorben ist, behauptet neuerdings, dass die Probleme auch bei der Elektronik liegen könnten und dass Toyota dies verschweigt.

Für den japanischen Autohersteller wird die Situation immer ungemütlicher. Bereits sind verschiedene Klagen gegen Toyota eingereicht worden. Die Japaner geraten zwischen Hammer und Amboss, respektive zwischen eine Flut von Klagen und dem Verlust dessen, was die Firma bisher einzigartig gemacht hat: das Vertrauen der Konsumenten. «Es ist das erste Mal, dass jemand die Vertrauenswürdigkeit von Toyota infrage stellt», stellt der Kommunikationsexperte Gene Graboswki in der «Financial Times» fest.

Hyundai bietet 1000-Dollar-Discount

Toyota muss in den USA nicht nur um seinen guten Ruf, sondern um seinen Marktanteil von 17 Prozent fürchten. Nur zu gut kennt man auch in Japan das Schicksal von Audi und VW. Audi hatte in den 80er-Jahren ebenfalls Probleme mit sich rätselhaft beschleunigenden Wagen und war danach weg vom Fenster. Die Ingoldstädter brauchten danach 20 Jahre, bis sie auf dem amerikanischen Markt wieder Fuss fassen konnten. VW seinerseits musste erleben, dass der Glanz von Automarken sehr rasch verbleichen kann. Der Käfer war bis in die 70er-Jahre in den USA so beliebt, dass er praktisch wie ein Haustier zur amerikanischen Mittelstandsfamilie gehörte. Der Beetle selbst wurde selbst zum Star in Hollywood-Hits. Trotzdem wurde VW über Nacht zum Nischenplayer auf dem US-Markt. Anders als die Europäer, liess der Nachfolger des Käfers, der Golf, die Amerikaner völlig kalt.

Droht Toyota ein ähnlicher Absturz? Wohl kaum, aber die rätselhaften Unfälle sind mehr als ein Ärgernis, ein Blechschaden, der rasch wieder repariert sein wird. Das Malheur kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Die Konkurrenz hat aufgeholt und wartet mit Modellen auf, die technisch und qualitativ auf Toyota-Niveau sind. Gnadenlos wird der Verlust des Qualitätsnimbus des Klassenprimus ausgenutzt. Hyundai bietet neuerdings verunsicherten Toyota-Fahrern 1000 Dollar Discount an, wenn sie auf ein Modell der Südkoreaner umsteigen. Das zeigt Wirkung: Die Toyota-Verkäufe in den USA sind im Januar um elf Prozent eingebrochen und haben das tiefste Niveau seit 2006 erreicht.

Hoffnung ruht auf «Kaizen»

Parallelen zwischen Toyota und GM oder Chrylser ziehen zu wollen, ist jedoch absurd. Die Japaner haben immer noch sehr starke Trümpfe im Ärmel: Nach wie vor ist der Prius das führende «grüne» Auto und Toyota muss Sonderschichten fahren, um die Nachfrage zu befriedigen. Der Vorsprung in der Hybridtechnik wird genutzt, alle Toyota-Modelle werden damit ausgerüstet. Mit dem Stadtflitzer iQ haben die Japaner bewiesen, dass sie nicht nur in Sachen Qualität Spitzenreiter sind, sondern auch in Sachen Technik und Design einiges drauf haben. Die grösste Stärke von Toyota aber liegt in seiner Unternehmenskultur. «Kaizen» heisst das Schlüsselwort und bedeutet so viel wie: andauernde Suche nach immer mehr Qualität. Wetten, dass man dank «Kaizen» auch verrutschte Fussmatten und klemmende Gaspedale in den Griff bekommen wird?

( Tagesanzeiger.ch/Newsnet )

Erstellt: 01.02.2010, 17:08 Uhr

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