UBS-Spitze wusste genau, was sie tat

Von Andreas Flütsch . Aktualisiert am 20.02.2009
Peter Kurer und Marcel Rohner wussten, wie gefährlich es war, reichen Amerikanern zu helfen, den Fiskus zu umgehen. Die erste interne Warnung gab es 2001.
Peter Kurer und Marcel Rohner. Bild: KEYSTONE/AP

Im Nachhinein ist schwer nachvollziehbar, warum die UBS im Umgang mit amerikanischem Schwarzgeld ein derartiges Risiko einging. Die Grossbank habe laut einem internen Bankdokument 52'000 amerikanischen Inhabern von geheimen Konten geholfen, rund 15 Milliarden Dollar zu verstecken, sagte ein Ermittler der US-Steuerbehörde IRS am Donnerstag in einer eidesstattlichen Erklärung. 15 Milliarden tönt nach viel, ist aber ein Klacks verglichen mit den rund 3000 Milliarden Franken, die die UBS weltweit verwaltet.

«Wir haben schwere Fehler gemacht», sagt dazu UBS-Präsident Peter Kurer, «unsere Kontrolle hat in gewissen Bereichen versagt.» Kurer setzt damit auf die bekannte Doppelstrategie der UBS-Spitze: Asche aufs Haupt streuen und im gleichen Atemzug die Verantwortung für das Debakel an untere Chargen delegieren.

Kurer und Rohner schon 2001 dabei

Aber sowohl Kurer wie der amtierende Konzernchef Marcel Rohner waren von Anfang dabei, als das Unheil 2001 mit dem Kauf des UBS-Vermögensverwalters Paine Webber mit 20'000 Mitarbeitern begann. Kurer war in diesem Jahr Chefjurist der Bank geworden, Rohner war Chef des Private Bankings Schweiz, 2002 wurde ihm die Leitung der Vermögensverwaltung weltweit anvertraut.

Die UBS war zu dieser Zeit bereits an der New Yorker Börse kotiert und damit der US-Börsenaufsicht SEC unterstellt. 2001 hatte die Bank sich in den USA als «qualifizierter Intermediär» registriert, was sie verpflichtete, sämtliche Vermögen von US-Kunden gegenüber den Steuerbehörden offenzulegen oder ihre Tätigkeit für diese radikal einzuschränken.

Kundenkontakte mit Geheimcodes

Die UBS entschied sich, das eine zu tun, das andere aber nicht zu lassen: Paine Webber sollte vor Ort US-Kunden bedienen, die UBS sich weiterhin vorab von Zürich und Genf aus um die Schwarzgelder reicher Amerikaner kümmern, die meist über Schattenkonstruktionen in Steueroasen vor dem US-Fiskus versteckt wurden.

Manche UBS-Banker führten sich nach diesem folgenschweren Entscheid wie Agenten auf, reisten inkognito in die USA, um Reiche an Land zu ziehen oder zu betreuen. Einer kommunizierte gar mit Geheimcodes: Sagte der Kunde «Schwan», wollte er eine Million verschieben, eine «Nuss» war eine Viertelmillion, mit «orange» waren Euros gemeint, «grün» stand für Dollars.

Diese Fehlleistungen Rohner oder Kurer anzulasten, wäre verfehlt. Aber das Duo war schon damals so weit oben in der UBS-Hierarchie, dass sie die strategische Neuausrichtung der US-Vermögensverwaltung stark mitbestimmten. Dass sie die Tragweite der fatalen Vermischung von versteuerten US-Vermögen und amerikanischen Schwarzgeldern nicht erkannten, ist ein «schwerer Fehler», da hat Kurer recht. Die britische Barclays Bank, die in einem ähnlichen Dilemma steckte, entschied sich damals, die Finger von der Verwaltung von US-Schwarzgeld zu lassen. Sie beschränkte sich darauf, US-Vermögen in den USA zu verwalten.

Der Antrieb in der UBS war wohl Geldgier: Die Banker verdienten am Schwarzgeld aus Amerika bald mehr als mit der Verwaltung versteuerter US-Vermögen.

Banker warnte vor Aufdeckung

An internen Warnungen fehlte es nicht. Ein US-Teamleiter stellte 2001 nach Beratungen mit der Rechtsabteilung den Antrag an die Leitung des Private Bankings, die UBS müsse über die Bücher. Der Finanzjournalist Lukas Hässig beschreibt im Buch «Der UBS-Crash» eine entscheidende Sitzung, an der auch Marcel Rohner und sein Nachfolger Raoul Weil teilnahmen. Die Bank sei wegen Paine Webber in den USA angreifbar, dozierte der US-Teamleiter. Der Status als qualifizierter Intermediär berge «die Gefahr, dass die Art und das Ausmass unseres Offshore-Geschäfts aufgedeckt werden». Die UBS müsse ein «eher den Gesetzen entsprechendes US-Geschäftsmodell erwägen», so der Spezialist.

Dessen Vorgesetzter, Martin Liechti, Chef Vermögensverwaltung Amerika, entgegnete, sein Mann male die Lage zu schwarz. Der Antrag unterlag, das lukrative Schwarzgeldgeschäft ging weiter. Dass UBS-Banker von «Giftmüll» sprachen, zeigt, dass sie wussten, was sie taten. Auch spätere Warnungen blieben ohne Folgen.

Der Rest ist bekannt. Liechti wurde 2008 in Miami verhaftet und sass Monate in Haft. Raoul Weil ist seit einer US-Anklagedrohung bei der UBS Minister ohne Portefeuille. Und der Bund half der UBS, das Bankgeheimnis zu unterlaufen, weil sonst der Entzug der US-Banklizenz drohte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.02.2009, 23:38 Uhr

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