Die Schweizer Börse hat heute massiv nachgegeben und ist inzwischen auf den tiefsten Stand seit Oktober 2004 gefallen. Händler sprachen von einem sehr nervösen Geschäft.
Die Marktteilnehmer seien völlig frustriert und wollten «Kasse machen», sagte ein Händler. Daher litten auch alle Sektoren gleichermassen. Die Abgaben erstrecken sich auch auf andere Anlageklassen wie Anleihen und Rohstoffe. «Ein veritabler Schlussverkauf.»
Boden erreicht?
Ob der Boden bald erreicht werde, sei ungewiss. Die Marktteilnehmer hofften, dass das Herbsttreffen von Währungsfonds und Weltbank am Wochenende in Washington Lösungen bringen könnten. Zudem könnte der US-Feiertag vom Montag ebenfalls zur Beruhigung beitragen, wenn dort der Handel ruht.
Dafür, dass der Boden bald gefunden sein könnte, spricht laut Händlern, dass die Aktien - auch die defensiven und sicher geltenden Pharmawerte Novartis und Roche sowie die Aktie des Nahrungsmittelriesen Nestlé - fast zu jeden Preis verkauft würden.
CS tauchen tief
Die grössten Einbussen verbuchten unter den Banken die Aktien der Credit Suisse, die 16 Prozent einbrachen. Dagegen hielten sich UBS mit einem Verlust von 2,7 Prozent «schon richtig gut», wie es ein Händler formulierte.
Auch die Versicherungen sackten um fünf bis elf Prozent ab. Dabei führten Swiss Re die Rangliste an. Verschiedene Banken hatten die Kursziele für Versicherungsaktien zum Teil deutlich reduziert.
Nobel enttäuschen
Die grössten Einbussen verbuchten aber die Titel des Dentalimplantatherstellers Nobel Biocare. Das Unternehmen hatte am Vorabend eine weitere Gewinnwarnung ausgegeben. Der Titel stürzte um 27 Prozent auf 21.27 Franken ab. Konkurrent Straumann hielt sich mit einem Minus von 12 Prozent etwas besser.
Besser als der Markt hielten sich einige zyklische Aktien wie etwa ABB, Sulzer oder Bucher.
Wien in freiem Fall
Der Leitindex ATX hatte heute binnen Minuten nach Wiederaufnahme des Handels über 10 Prozent verloren. Am stärksten betroffen waren die Aktien von Raiffeisen International, Erste Group, Vienna Insurance und Wienerberger, die um mehr als 15 Prozent einbrachen.
Der Handel sämtlicher Aktien war in Wien nach dramatischen Kursabstürzen im Vorhandel und in den vergangenen Tagen am Morgen ausgesetzt worden. Die Aktion sei einmalig gewesen in der Geschichte der Wiener Börse und solle den Markt beruhigen, sagte eine Sprecherin. Die Börse in Moskau bleibt weiterhin geschlossen, um Kurseinbrüche zu verhindern. Die indonesische Börse in Jakarta blieb heute von Anfang an zu.
Die Schweizer Börse wollte den Handel trotz massiver Verluste nicht aussetzen. Die Voraussetzungen für einen solchen Schritt seien im Moment nicht gegeben, sagte Bernhard Wenger, Sprecher der SIX-Group. «Der Handel wird unterbrochen, wenn der Markt unkontrolliert ist. Hohe Volatilität ist aber nicht das gleiche wie Unkontrollierbarkeit», erklärte Wenger.
Hoffnung auf Trendwende schmilzt
Der dramatische Absturz löste bei Schweizer Analysten Ratlosigkeit aus. Die Hoffnung auf eine Trendwende schien selbst bei Optimisten zu schwinden, wie aktuellen Marktkommentaren zu entnehmen war. «Wir sehen eine Kernschmelze an den Börsen der Welt, ausgelöst durch die wachsende Angst vor einer weltweiten Rezession», sagte Kazuhiro Takahashi vom japanischen Versicherungskonzern Daiwa Securities SMBC.
(vin/ap/sda)