«Wer Nestlé kritisiert, hat oft keine Ahnung, was wir vor Ort machen»

Von Romeo Regenass . Aktualisiert am 22.03.2010
Der Chef von Nestlé Schweiz lobt das Ausbildungssystem der Schweiz. Schade sei, dass zu wenige Studenten nach der teuren Ausbildung im Land beschäftigt werden.

Seit gut zwei Jahren ist Roland Decorvet Chef von Nestlé (NESN 54.40.28%) Schweiz und Herr über 2500 Mitarbeitende und 1,5 Milliarden Franken Umsatz. Der Waadtländer hat in Lausanne und St. Gallen Wirtschaft studiert, war zwei Jahre als Revisor in Zürich tätig und hat seither ausschliesslich für Nestlé gearbeitet. 1991 stieg er als Marketingleiter in Malaysia ein, wurde über China, Hongkong und Taiwan Marktchef für Pakistan. Die Kindheit verbrachte Decorvet zum Teil im Kongo, wo sein Vater als Missionar im Einsatz war. Bei so viel Internationalität erstaunt es nicht, dass seine Frau nicht Schweizerin ist: Sie stammt aus Madagaskar. Mit ihr hat der 44-Jährige vier Töchter im Alter von 1 bis 5 Jahren. Decorvet wohnt im Weinbauerndorf Aigle und ist seit 2008 Stiftungsrat des Hilfswerks Heks. Er ist einer der wenigen Manager, der seinen Lohn freiwillig preisgibt: Mit Bonus verdiente er zuletzt 550 000 Franken.

Herr Decorvet, was legen Sie in Ihren Einkaufskorb: Nescafé, Nespresso oder Nescafé Dolce Gusto?
Nespresso bestellen wir über das Internet, zu Hause haben wir aber auch Dolce Gusto. Morgens trinke ich am liebsten eine grosse Tasse Nescafé mit Milch.

Bald gibt es im Supermarkt Kapseln, die in jede Nespresso-Maschine passen. Ist die Marke am Zenit?
Wir reden von einem Produkt, das noch niemand gesehen hat. Auch in Frankreich, wo es lanciert werden soll, ist es noch nicht im Laden. Ob die Kapseln effektiv kompatibel sind, weiss niemand. Nespresso hat Erfolg, weil die Qualität stimmt. Es gibt schon lange Konkurrenten, doch der Umsatz steigt um 30 Prozent. Es herrscht keine Panik, wir können mit der Konkurrenzsituation leben.

Nestlé investiert Hunderte von Millionen in der Schweiz. Weshalb?
Wir unterhalten hier fünf Forschungszentren, 20 Prozent der Gelder für Forschung und Entwicklung gibt Nestlé in der Schweiz aus. Eine grosse Stärke des Landes ist die Ausbildung, und so haben wir Dutzende von Abkommen mit Universitäten und Fachhochschulen. Wir brauchen Hightech, weltweit stehen Schweizer Fachkräfte nach wie vor für Topqualität. Beides wollen wir nutzen.

Findet Nestlé in der Schweiz genügend Personal?
Da Nestlé Schweiz vor allem Europäer anstellt, haben wir kein Problem. Aber ich verstehe nicht, dass die Schweiz ausländische Studenten nicht im Land hält. 40 Prozent der Uni-Absolventen stammen aus dem Ausland. Doch kaum haben diese ihr Lizentiat oder Doktorat in der Tasche, müssen sie das Land verlassen. Dabei kostete ihre Ausbildung Millionen. Das macht doch keinen Sinn.

Sollen Ausländer nach dem Studium generell hier bleiben dürfen?
Zumindest wenn sie einen Job finden, sollte das automatisch der Fall sein. Sonst verliert die Schweiz viel Wissen. Wer hier studiert hat, kann in der Regel perfekt Französisch oder Deutsch. Jeder, der in ein Land zurückgeht, leistet dort Entwicklungshilfe, aber das ist nicht die Idee. Das Potenzial sollten wir nutzen.

Bedroht der hohe Franken den Standort Schweiz?
Das ist tatsächlich die grösste schwarze Wolke, die ich derzeit am Schweizer Himmel sehe. Bleibt der Euro langfristig unter 1.45, sind wir konzernintern nicht mehr konkurrenzfähig, Nescafé etwa wird auch andernorts produziert. Anderes, etwa Nespresso, wird nur hier hergestellt. Bei einem hohen Franken können wir aber nicht beliebig mit dem Preis rauf.

Wie steht Nestlé zu der Swissness-Vorlage des Bundesrates?
Es braucht ein Gesetz, das definiert, was ein Schweizer Produkt ist. Denn es gibt viel zu viel Missbrauch, und das ist nicht akzeptabel. Aber die Vorlage des Bundesrats ist für die Lebensmittelbranche diskriminierend. 80 Prozent der Rohstoffe eines Produkts müssen Schweizer Herkunft sein, auch wenn ein Rohstoff gar nicht in der nötigen Qualität oder Menge vorhanden ist. Für Erdbeer-Glace von Mövenpick-Swiss-Ice-Cream etwa brauchen wir 30 Prozent Erdbeeren aus dem Ausland.

Die Schweiz hat doch auch gute Erdbeeren, einfach etwas teurere...
Schon, aber nicht genug und nicht die Qualität, die wir brauchen. Schweizer glauben immer, in der Schweiz habe es alles. Von wegen: Im Zweiten Weltkrieg war jeder Fussballplatz ein Kartoffelacker, und trotzdem deckte die Schweiz nur 80 Prozent des Bedarfs. Ein anderes Beispiel: Unser Brotaufstrich Le Parfait besteht zu 30 Prozent aus einer Hefe, die weltweit nur ein Hersteller anbietet – nicht in der Schweiz. Kommt das Gesetz durch, ist Le Parfait kein Schweizer Produkt mehr. C'est fou!

Wie sieht Ihr Vorschlag denn aus?
Es muss um Wertschöpfung gehen. Die Bauern und ihre Rohstoffe sind wichtig, doch die Arbeitsplätze und der Industriestandort Schweiz sind es auch.

Was heisst das konkret?
Neben den in der Schweiz verfügbaren landwirtschaftlichen Rohstoffen sind in dem Gesetz schweizerische Werte wie Arbeit, Forschung und Innovation zu berücksichtigen. Das ist möglich.

Wie stehen Sie zur sogenannten Abzocker-Initiative?
Da bin ich klar dagegen. Müssen wir ein Gesetz machen, um 10 oder 20 Fälle von Übertreibung zu verhindern? Wenn die Aktionäre einem Manager viel zahlen wollen, obschon er das nicht verdient, liegt das in ihrer Verantwortung. Aber ich möchte mich da nicht einmischen. Zudem macht für mich eine jährliche Wahl des Verwaltungsrats keinen Sinn; da braucht es ein langjähriges Engagement. Ich weiss nicht mal, ob es einen Gegenvorschlag braucht. Aber wenn die Initiative durchkommt, ist das für die Schweiz sehr gefährlich.

Glauben Sie, dass Konzerne ihren Sitz aus der Schweiz abziehen würden?
Ich denke schon, auch wenn ich das für Nestlé nicht beantworten kann.

Nestlé tritt für den Agrarfreihandel mit der EU ein. Weshalb?
Weil wir dadurch freien Zugang zum riesigen europäischen Markt erhalten. Aber es braucht Begleitmassnahmen für die Bauern, und die gibt es nicht gratis. 2013 entfällt das Schoggi-Gesetz, es gibt also keine Subventionen mehr, die den Preisunterschied zwischen Rohstoffen aus der Schweiz und aus Europa ausgleichen. Da braucht es eine neue Form des Ausgleichs. Dennoch müssen sich auch die Bauern anpassen können. Den Status quo hat niemand garantiert.

Die globale Nestlé verkauft Marken wie Thomy oder Cailler nur in der Schweiz. Weshalb?
Lebensmittel sind meist nicht global – ausser vielleicht Marken wie Nescafé, Coca-Cola und McDonald's. Die kulinarischen Vorlieben sind unterschiedlich, und deshalb will der Schweizer anderen Senf als etwa der Deutsche. Es gibt kein zehntes Gebot: Du musst den gleichen Senf essen! Und je globaler die Welt wird, desto lokaler verhält sich der Mensch.

Trotzdem wären das Marken, die international Erfolg haben könnten.
Ja, fast alle grossen Nestlé-Marken sind Schweizer Marken und heute international bekannt: Nescafé, Maggi und so weiter. Andere Marken sind schweizerisch geblieben. Bei Cailler etwa hat man das nie versucht, leider. Wir exportieren zwar mehr als 50 Prozent der Produktion der Cailler-Fabrik in Broc, aber nicht unter der Marke Cailler.

Nestlé sucht mit Coca-Cola, der Weltbank und anderen nach Lösungen für das globale Wasserproblem. Kritiker sagen: ausgerechnet Nestlé.
Ich kann solche Vorwürfe nicht verstehen. Als Konzern sind wir für 0,0004 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs verantwortlich. Den Verbrauch reduzieren wir Jahr für Jahr um 4 bis 5 Prozent, und dies bei grossem Umsatzwachstum. Gibt es morgen kein Wasser mehr, sind wir neben der betroffenen Bevölkerung doch die ersten, die ein Problem haben.

Wie würden Sie das Geschäftsmodell von Nestlé im armen Teil der Welt beschreiben, beispielsweise in einem Land wie Pakistan?
Wir produzieren in Pakistan etwa nur für dieses Land und exportieren und importieren fast nichts. Wir sind keine Profiteure, die dort günstig einkaufen und es dann anderswo teurer verkaufen, sondern gelten im Land als lokale Firma. Wir kaufen die Rohstoffe meist direkt beim Bauern, in Pakistan etwa 1,3 Millionen Liter Milch pro Tag. Wir beraten die Bauern, betreiben Demo-Farmen und so weiter. Wer Nestlé kritisiert, hat oft keine Ahnung, was wir vor Ort machen.

Deshalb hat Sie letztes Jahr die Kritik an Ihrem Engagement für das Hilfswerk Heks getroffen...
Gewisse Leute enttäuschten mich mit ihren vorgefassten Meinungen. Aber ich erhielt sehr viele ermunternde Briefe erhalten, die mir gratulierten und mich zum Bleiben aufforderten, es brauche Leute mit anderem beruflichem Hintergrund. Jetzt ist die Sache zum Glück gegessen, denn ich sehe keinen Widerspruch zwischen meiner Arbeit bei Nestlé und meinem Engagement in der Entwicklungshilfe.

Mit Roland Decorvet sprach Romeo Regenass

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2010, 04:00 Uhr

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