«Wer es nicht lassen kann, kauft Öl-Aktien»

Interview: Ralph Pöhner Aktualisiert am 08.09.2008
Letztes Jahr sagte er die Finanzkrise voraus, vor einigen Wochen den jetzigen Aufschwung: Der Ökonom Walter Wittmann über das Auf und Ab der Börsen – und welche Chancen sich jetzt bieten.
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Herr Wittmann, Sie haben unlängst gesagt, jetzt sei es wieder Zeit, an der Börse einzusteigen, zumindest kurzfristig. Heute sprangen die Aktienkurse tatsächlich steil nach oben. War es das schon - oder klettern die Kurse weiter?
Die meisten Indikatoren deuten an, dass nicht mehr viel kommt. Seit Mitte Juli steigen die Kurse, und laut den Indikatoren, denen ich vertraue, sollte es wieder eine Korrektur geben. Allerdings keine grosse.

Das heisst eine Korrektur nach unten: Es geht bald wieder abwärts an den Börsen?
Ja, bis in den Oktober hinein.

Ist die heutige Partystimmung also eher ein Ausrutscher?
Der heutige Sprung an der Börse war einfach eine Reaktion darauf, dass die beiden grösssten Hypothekarbanken in den USA eine Staatsgarantie erhalten haben - mehr nicht. Diese Woche kann es allerdings noch freundlich bleiben an den Börsen.

Sie achten stark auf Stimmungsbarometer: Wenn alle Anleger auf eine Hausse hoffen, läuten bei Ihnen die Alarmglocken; wenn alle glauben, dass die Kurse fallen, wittern Sie eine Einstiegschance. Wie ist die Stimmung jetzt?
Neutral. Der Stimmungsindikator der Bank Julius Bär, den ich regelmässig beachte, gibt ziemlich neutrale Werte an. Andere Indikatoren sagen mir, dass immer noch viel spekulative Luft in den Märkten ist. Insgesamt kann man aus den Stimmungsbarometern schliessen, dass der Bärenmarkt noch nicht zuende ist...

... also dass die Kurse tendenziell nach unten rutschen.
Es kann sein, dass der Tiefpunkt, der Mitte Juli erreicht wurde, nochmals angepeilt wird. Aber schlimmer sollte es nicht kommen. Denn langsam setzt sich die Überzeugung durch, dass in den USA wirklich alles getan wird, damit das Finanzsystem nicht kollabiert. Diese Überzeugung schafft eine gewisse Sicherheit, und bald einmal wird man wieder sagen: Schlimmer kann es nicht mehr werden. Dann zieht die Börse wieder nach oben.

Das heisst: Je mehr Leute darauf vertrauen, dass das Finanzsystem stabilisiert ist, desto eher wird die Finanzkrise tatsächlich überwunden.
Die Banken- und Finanzkrise ist noch nicht überstanden: Es gibt weiterhin viel abzuschreiben. Ich könnte mir trotzdem vorstellen, dass die Bankaktien jetzt Boden gefunden haben. Denn immer mehr Investoren vertrauen darauf, dass der Staat die Banken nicht fallen lassen wird; andererseits denken viele, dass Bankaktien jetzt so billig sind wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Das heisst: Bei den Bankaktien dürfte das Schlimmste überstanden sein.
Ja, und bei den Versicherungen ebenfalls. Denen wurde ja auch misstraut, da unklar war, wieviel Schrottpapiere in Ihren Beständen stecken.

Wie sehen Sie die längerfristige Aktienentwicklung? Wo stehen wir zum Beispiel in einem Jahr?
Dann dürfte absehbar sein, wie die Krise abgewickelt wird; in den USA wird man sehen, dass es bestenfalls eine milde Rezession gibt, und in Europa gibt es eine Konjunkturdelle. In diesem Umfeld kann Optimismus aufkommen, die Börse dürfte wieder steigen. Solch ein Aufschwung kann dann zwölf bis achtzehn Monate dauern. Als Anleger muss man freilich aufpassen, dass man später nicht drin steckt, wenn diese neue Blase platzt. Denn dieser Einbruch wird dann nochmals von einem höheren Niveau geschehen.

Welche Branchen könnten den nächsten Boom anheizen? In den späten Neunzigerjahren waren es die IT-Werte, im letzten Boom waren es Finanztitel und -innovationen.
Wieder Finanzwerte. Und Technologiewerte: Hier sind viele Perlen weit unter dem Niveau von 2003 bewertet.

Sie haben vor knapp zwei Jahren den Einbruch vorausgesagt. Weshalb sahen Sie die Krise kommen?
Ich hielt mich einfach an die Indikatoren, und die habe ich ja nicht selber erarbeitet. Aber dort konnte man es kommen sehen: Die Hausse wurde müde, ein Wendepunkt zeichnete sich ab.

Und was sieht man heute? Wie zeigt sich die fundamentale Lage?
Das Hauptproblem ist, dass wir immer noch nicht genau wissen, wie weit die Finanzkrise fortgeschritten ist, was alles noch zu verdauen ist. Das zweite grosse Problem: Die Amerikaner überschwemmen die Märkte mit Liquidität, sie drucken massenweise Dollars. Hier droht uns später die Inflation.

Wie sieht da ein gutes Portfolio für einen normalen Anleger aus?
Festgeld. Man sollte sein Geld sicher parkieren, bis sich abzeichnet, dass eine neue Hausse-Phase beginnt. Der Normalanleger kann nicht auf vier-, fünf- oder sechswöchige Aufschwungphasen bauen; denn dies setzt voraus, dass er die Indikatoren und die Zyklen kennt. Wer es nicht lassen kann, soll in Öl-Aktien investieren.

Welche goldenen Regeln raten Sie Anlegern sonst noch an?
Wie gesagt: Zurückhaltend sein und auf sichere Anlagen setzen. Und wer Geduld hat, kann Goldminenaktien kaufen - oder Ölaktien. Denn Öl und Gold werden im Preis noch steigen.

( Tagesanzeiger.ch/Newsnetz )

Erstellt: 08.09.2008, 14:36 Uhr

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