Es sieht aus wie Schinken, schmeckt wie Schinken und ist dennoch keiner: Auf der Pizza, in den Ravioli oder in Fertigmenüs taucht immer wieder Schinkenersatz auf. Er besteht aus minderwertigerem Fleisch und wird mit Wasser und Stärke gestreckt. Auch in der Schweiz ist das üblich.
Selbst Bio-Pizza mit Schinkenersatz
Den Konsumenten fällt es beim Einkaufen meist nicht auf. Was Coop und Migros etwa unter ihren Billigmarken als «Cotto» verkaufen – in Anlehnung an das italienische «prosciutto cotto» –, besteht nur zu drei Vierteln aus Fleisch. Bei Coop heisst das, was auf den ersten Blick aussieht wie eine Pizza mit Schinken, Pizza del Padrone. Statt mit Schinken ist sie mit Schinkenersatz belegt – selbst auf der teuren Bio-Pizza von Betty Bossi. Dazu sagt Coop: «Diese Pizza wird nicht mit Schinken hergestellt, auf der Verpackung wird auch an keiner Stelle auf Schinken hingewiesen.»
Schinken ist in der Schweiz ein geschützter Begriff. Grundsätzlich kann ein Produkt nur so bezeichnet werden, wenn es aus Schweinefleisch vom hinteren Stotzen besteht – und ihm nicht künstlich Wasser beigemischt wurde. Alles, was diesen Regeln nicht entspricht, gilt als «Schweinefleischerzeugnis gekocht». Für den Konsumenten bedeutet das: Nur dort, wo Schinken, Prosciutto oder Jambon draufsteht, ist auch Schinken drin.
«Bewusst in die Irre geführt»
Sogar dort, wo Schinken draufsteht, ist nicht nur Schinken drin. Bei den Betty-Bossi-Cappelletti mit Schinken-Käse-Füllung von Coop handelt es sich nur bei der Hälfte des Fleisches um Schinken. Der Rest ist Schinkenersatz. Dazu sagt Coop: «Wären weniger als 50 Prozent Schinken enthalten, hätte unsere Qualitätssicherung die Bezeichnung ‹Cappelletti Käse-Schinken› nicht zugelassen.»
Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz ist empört. Die Marke Betty Bossi stehe eigentlich für hochwertige Fertigprodukte: «Hier werden die Konsumenten bewusst – mithilfe eines vertrauten Labels – in die Irre geführt», sagt Stalder. Problematisch ist auch, dass die Hersteller auf der Verpackung nicht angeben müssen, wie hoch der Fleischanteil im Schinkenersatz ist. Migros und Coop haben diese Angaben erst auf Anfrage des «Tages-Anzeigers» gemacht.
Inhalt: Wasser und Verdickungsmittel
Gar ein Fall von Täuschung könnten die Hot-Pockets mit einer Schinken-Käse-Füllung von Findus (Nestlé) sein. Dort steht zwar auf der Zutatenliste, dass Schinken drin ist, allerdings steht auch, dass dieser Schinken Wasser und Verdickungsmittel beinhaltet. Gemäss Bruno Pacciarelli vom Kantonalen Labor Zürich gehört in den Hinterschinken weder das eine noch das andere. Ein Urteil über das Nestlé-Produkt will er aus der Ferne nicht fällen. «Falls dem Produkt Wasser zugefügt worden ist, darf es nicht mehr als Schinken bezeichnet werden», so Pacciarelli. Nestlé konnte sich zur Zusammensetzung des Produkts auch nach anderthalb Tagen nicht äussern.
Nicht nur Schinken wird gestreckt. Bei der Migros ist die M-Budget-Familienpizza mit Trutenfleischersatz belegt. Das erfährt man nur aus der Zutatenliste. Auch das Trutenfleisch wird mit Wasser und Bindemittel gestreckt. Dazu sagt die Migros: «Wir verwenden lebensmittelrechtlich korrekte Bezeichnungen.»
Bei Täuschung droht Strafanzeige
Wer fälschlicherweise vorgibt, in einem Produkt sei Schinken enthalten, obwohl es das gar nicht ist, täuscht die Konsumenten. In einem solchen Fall würde sich das Kantonale Labor gemäss Pacciarelli sogar überlegen, Strafanzeige einzureichen. Das Gleiche scheint auch bei einer Schinkenpizza von Lidl der Fall zu sein, deren «Schinken» ebenfalls Wasser und Gelatine beigemischt wird. Dazu sagt Lidl Schweiz: «Wir werden die Zusammenstellung nochmals überprüfen und gegebenenfalls die Zutatenliste überarbeiten.»
Gemäss Katia Ziegler von der Winterthurer Gesundheitspolizei, die Gastrobetriebe in einem Grossteil des Kantons Zürich kontrolliert, landet auch in Pizzerias immer wieder Schinkenimitat auf den Tellern, ohne dass die Kunden davon wissen: «Wenn unsere Kontrolleure das feststellen, fordern sie den Betrieb auf, die Bezeichnung auf der Karte anzupassen.» Verbieten kann man den Einsatz des Billigprodukts nicht, denn der Schinkenersatz ist nicht gesundheitsschädlich.
(Tages-Anzeiger)