Geht es den Autobauern schlecht, leiden auch ihre Zulieferer. Und davon gibt es in der Schweiz mehr als bisher angenommen. Die bislang einzige verfügbare Schätzung stammte von der Branchenorganisation Autocluster. Sie bezifferte die Zahl der in der Automobilindustrie engagierten Firmen auf 250, die der Angestellten auf 25 000, den Umsatz auf rund 7 Milliarden Franken.
Laut einer neuen Erhebung der ETH Zürich liegen diese Zahlen viel zu tief. Tatsächlich ist die Automobilindustrie in der Schweiz heute fast so wichtig wie das traditionsreiche Geschäft mit Uhren. 2007 erwirtschafteten die Autozulieferer 16 Milliarden Franken Umsatz. Das sind gut 3 Prozent der gesamten Schweizer Wirtschaftsleistung. 34 000 Arbeitnehmende arbeiten direkt in diesem Bereich, verteilt auf über 300 Unternehmen. Darunter viele Klein- und Kleinstfirmen. Allein im Kanton Zürich sind laut der ETH 37 Autozulieferer angesiedelt.
Im europäischen Vergleich arbeiten damit in absoluten Zahlen mehr Schweizer in der Automobilindustrie als etwa Österreicher oder Holländer. Bei der relativen Bedeutung des Sektors für den Arbeitsmarkt reicht die Schweiz sogar an Italien heran, dem Ursprungsland von Marken wie Fiat, Alfa-Romeo und Ferrari, das traditionell viele Zulieferer aufweist.
Während die meisten der 310 Schweizer Zulieferbetriebe lokale Klein- und Kleinstfirmen in Familienbesitz sind, gibt es auch börsenkotierte Konzerne, deren Fokus gerade bei der Produktion nicht die Schweiz ist. Georg Fischer und Rieter etwa, die 2007 beide in der prominenten Liste der 100 grössten Autozulieferer der Welt auftauchen (wenn auch erst ganz hinten), machen den Löwenanteil des Umsatzes im Ausland.
Einstellungsstopp, Kurzarbeit
Die Schweizer Firmen haben bereits auf die Produktionsverzögerungen der Autobauer reagiert – mit Einstellungsstopps und Kurzarbeit, teilweise sogar mit ersten Entlassungen. Rieter hat im Ausland mehrere Produktionsstätten geschlossen, im Schweizer Werk in Sevelen gilt seit drei Wochen Kurzarbeit. Bei Georg Fischer werden in den Giessereien in Deutschland und Österreich im Moment Ferien abgebaut und Überstunden kompensiert, die sich noch im Frühling angestaut hatten. Auch hier ist Kurzarbeit ein Thema, und Temporäre haben einen schweren Stand. In der Schweiz beschäftigt Georg Fischer aber keine Angestellten in diesem Bereich. Bei der St. Galler Aluwag werden die Maschinen über Weihnachten wohl länger still stehen, bei Teilen der Ems Chemie und bei Adval Tech gilt ein Personalstopp. «Wer heute noch jemanden anstellt, tut das mit dem Wissen, dass er ihn vielleicht bald wieder entlassen muss», sagt ein Verantwortlicher. Die Unsicherheit ist gross.
Rettung: Nische und Diversifikation
Trotzdem gibt es in der Schweiz noch Hoffnung. Zum einen, weil der Automobilsektor für die meisten Firmen nur eines von mehreren Standbeinen ist. Die Spannweite reicht von 5 Prozent des Umsatzes bei Sulzer bis zu 85 Prozent bei Feintool. Zum andern, weil die Schweizer Zulieferer eher in Nischen tätig sind.«Schweizer Zulieferer arbeiten oft bei zukunftsorientierten Produkten und Lösungen mit», sagt Andreas Moser, Finanzchef von Mikron. Das mache sie weniger verletzlich.
Das glaubt auch Paul Van Iseghem, Chef der Elektronikfirma Lem. Das Genfer Unternehmen hat am Mittwoch bekannt gegeben, weltweit 10 Prozent der Stellen abzubauen. Allerdings nicht im Geschäft mit der Automobilindustrie, dort ist Iseghem zuversichtlich. Denn Lem stellt Komponenten für die gefragten Hybrid- und Elektromotoren her. Selbst die im Moment arg gebeutelte Rieter geht davon aus, «gestärkt aus der Krise» hervorzugehen.
(Tages-Anzeiger)