GM und Chrysler stehen kurz vor dem Kollaps

Von Ralf Kaminski, New York . Aktualisiert am 20.11.2008
Die beiden Autogiganten stehen kurz vor dem Kollaps. Trotz der immer verzweifelteren Hilferufe der US-Autoindustrie zögert Washington einzugreifen.
GM-Chef Rick Wagoner: Sein Konzern steht am Abgrund. Bild: WireImage

Alles betteln, flehen und argumentieren scheint nichts zu helfen: Auf dem Capitol in Washington zeigen viele Politiker den Konzernchefs von General Motors (GM), Chrysler und Ford nur die kalte Schulter. Und dies obwohl nach dem GM-Chef Rick Wagoner nun auch Chrysler-Boss Robert Nardelli warnte, seinem Unternehmen gehe bis Ende Jahr das Geld aus. Einzig Ford glaubt, notfalls auch ohne Staatshilfe zu überleben, fürchtet allerdings, dass der Bankrott eines der anderen beiden auch den eigenen Konzern in den Abgrund reissen könnte. Alle drei sprachen am Mittwoch von einem «katastrophalen Kollaps der US-Wirtschaft», falls der Staat ihre Unternehmen nicht finanziell unterstütze. Und versicherten, dass sie bereits alle nötigen Reformmassnahmen in die Wege geleitet hätten, um den Turnaround zu schaffen, wenn nur das Geld vorher nicht ausgehe.

Vor «gut gemanagtem Bankrott»?

Weiterhin stossen sie damit nur bei den Demokraten auf offene Ohren. Weder die Bush-Administration noch die Republikaner im Parlament scheinen geneigt, der Autoindustrie die gewünschten 25 Milliarden Dollar zu geben, auch wenn Finanzminister Henry Paulson erklärte, ein Kollaps der grossen Drei «sollte vermieden werden». Dennoch weigert er sich, das Geld aus dem 700-Milliarden-Dollar-Rettungsplan für die Finanzindustrie zu nehmen. Die Republikaner wären einzig bereit, einen schon früher in diesem Jahr für die Autoindustrie gesprochenen Kredit über 25 Milliarden freizugeben. Das Geld war allerdings ursprünglich dafür gedacht, den Konzernen den Umbau auf umweltfreundlichere Kleinwagen zu erleichtern.

Gleichzeitig werden die Stimmen immer lauter – unter Politikern und in der Bevölkerung –, einen gut gemanagten Bankrott zuzulassen. Nur dies ermögliche die dringend nötigen Restrukturierungen. Umstritten ist, wie dramatisch die Folgen wären. Einige glauben, dass Amerikas andere Autoindustrie den Kollaps der grossen Drei zumindest abfedern könnte.

Diese andere Autoindustrie ist neuer und moderner, befindet sich im Süden des Landes und gehört europäischen und asiatischen Herstellern. Sie beschäftigt rund 113’000 Personen (gegenüber den noch knapp 240’000 in Detroit), die deutlich günstiger arbeiten, weil sie nicht gewerkschaftlich organisiert und somit sozial schlechter abgesichert sind. Würde Detroit untergehen, stiege im Süden automatisch die Nachfrage, und einige Tausend Entlassene könnten neue Jobs finden, glauben die Optimisten. Allerdings könnten die ausländischen Unternehmen auch beschliessen, die Zusatz-Nachfrage mit einer verstärkten Produktion im Ausland zu befriedigen, wo die Löhne teilweise noch tiefer sind.

Umstritten ist auch die Kaskadenwirkung eines Zusammenbruchs: An der Autoindustrie in Detroit hängen rund drei Millionen weitere Jobs: Zulieferunternehmen, Autohändler etc. Ausserdem finanzieren die grossen Drei die Pensionen von Hunderttausenden früherer Arbeiter. Sicher ist, dass die Macht der Gewerkschaften gebrochen wäre. Sie sorgen zwar für überdurchschnittlich gute Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder, werden aber auch von vielen – speziell im republikanischen Lager – als entscheidender Hemmschuh für eine konkurrenzfähige Produktion gesehen, trotz einiger Kompromisse in den letzten Jahren.

Der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman allerdings warnt vor dem Bankrott-Szenario. Dieses sei in wirtschaftlich guten Zeiten eine Option, aber in der aktuellen Situation würde es die Wirtschaftskrise nur verschärfen und vermutlich zur Liquidation der Autokonzerne führen. «Es wäre ein Verlust von deutlich über einer Million Jobs im schlechtest möglichen Moment», schreibt Krugman in seinem Blog in der «New York Times».

Überleben, bis Obama übernimmt

Im Parlament wird hinter den Kulissen eifrig an einem Kompromiss gearbeitet. Doch derzeit sieht es danach aus, wie wenn die Republikaner bereit wären, den Zusammenbruch zu riskieren. Und da sie im aktuellen Parlament noch genügend Vertreter haben, um die Rettungspläne der Demokraten zu torpedieren, rückt die Frage ins Zentrum, ob GM und Chrysler auch ohne Soforthilfe noch überleben, bis im Januar eine neue Politik übernimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2008, 22:02 Uhr

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