Virtuelle Goldfarmer setzen Millionen um

Von Angela Barandun . Aktualisiert am 26.08.2008
In Asien verdienen 400’000 Menschen ihr Geld damit, für Westler Goldstücke in Online-Welten zu sammeln. Umsatz: 500 Millionen Dollar oder mehr.
Virtuelles Goldsammeln ist eine Industrie: Mittlerweile sind Hunderttausende in dieser Branche tätig. Bild: KEYSTONE/AP

Es ist kein Nischenmarkt mehr, sondern eine Industrie: In Asien arbeiten 400’000 Menschen als sogenannte Goldfarmer. Als professionelle Computerspieler, die in virtuellen Welten Gold und Gegenstände sammeln, um sie nachher zu verkaufen. Die Branche erzielt einen Umsatz von mindestens 500 Millionen Dollar – wahrscheinlich ist es aber deutlich über 1 Milliarde. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie von Richard Heeks, Professor an der Manchester University in Grossbritannien.

Das Phänomen ist an sich nichts Neues. Mit Heeks hat aber zum ersten Mal jemand versucht, die wirtschaftliche Bedeutung der Goldfarmer wissenschaftlich zu erfassen. Das Resultat ist erstaunlich: Seit Ende 2003 ist die Zahl der Firmen explodiert – «von Dutzenden zu Hunderten zu Tausenden», schreibt Heeks. Heute ist das Geschäft für China, wo rund 80 Prozent der Goldfarmer arbeiten, ein bedeutender ökonomischer Sektor. Laut Heeks ist seine Grösse vergleichbar mit jener der Outsourcing-Industrie in Indien. Und die Bedeutung dürfte steigen; die Zahl der Online-Gamer nimmt um 80 Prozent pro Jahr zu.

Mit 13 Franken 60 Stunden sparen

Derzeit spielen rund 50 Millionen Menschen ein Online-Game, davon zahlen 20’Millionen eine monatliche Gebühr, gut die Hälfte spielt das Online-Rollenspiel «World of Warcraft». Dabei geht es darum, eine Figur zu erschaffen und diese weiterzuentwickeln. Sie braucht eine Rüstung, Waffen, Transporttiere, aber auch ab und zu etwas zu essen. All das gibt es nicht gratis. Man muss es sich verdienen. Und das ist anstrengend, unspektakulär – und zeitaufwändig. Bis man seinen Held so weit entwickelt hat, dass er mit den Besten mithalten kann, vergehen Monate.

Wer Zeit sparen will, zückt das Portemonnaie. Die Goldfarmer bieten drei verschiedene Dienste an: Sie sammeln virtuelles Gold und verkaufen es gegen echtes Geld. Im Moment liegt der Kurs bei etwa 13 Franken für 1000 Goldstücke. Im Spiel würde es leicht 50 bis 60 Stunden dauern, so viel zu sammeln. Mit den Goldmünzen kann die Figur besser ausgerüstet werden und so schneller in neue Level-Gefilde vorstossen. Wem selbst das zu mühsam ist, der übergibt seinen Held einem Goldfarmer, der das Hocharbeiten übernimmt. Eine Figur von ganz unten innert einer Woche auf ein mittleres Level zu bringen, kostet etwa 45 Franken. Die dritte Möglichkeit ist, den Goldfarmern einzelne Gegenstände abzukaufen, die sich im Spiel nicht für Geld erwerben lassen. Etwa seltene, prestigeträchtige Waffen.

Das Problem: In den meisten Rollenspielen wie «World of Warcraft» sind solche Abkürzungen nicht erlaubt. In virtuellen Welten wie «Second Life» kann man die interne Währung offiziell kaufen. Bei «World of Warcraft» ist das verboten. Die Goldfarmer bewegen sich daher am Rande der Legalität. Die Hersteller tun alles, um den – aus ihrer Sicht illegalen – Handel zu unterbinden. Mit wenig Erfolg. Obwohl Blizzard, Entwickler von «World of Warcraft», schon Tausende von Spielern wegen der Nutzung «unfairer Mittel» ausgeschlossen hat, blüht das Geschäft.

12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche

Für die einzelnen Goldfarmer ist es trotzdem schwieriger geworden. Einerseits bekommen sie aufgrund des schwächelnden Dollars immer weniger für ihre Dienste. Andererseits hat die Konkurrenz die Preise gedrückt. Dementsprechend schlecht sind heute die Arbeitsbedingungen. Die mehrheitlich jungen Männer arbeiten 12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und verdienen im Schnitt 145 Dollar pro Monat, meist fix. Erfolgshonorare oder Auftragspauschalen sind selten. Die Gamer wohnen, essen und arbeiten zusammen auf engstem Raum.

Das Geschäft lohnt sich nur, solange die Löhne tief bleiben. Das zeigt sich etwa dann, wenn westliche Spieler ihre Figur verkaufen – etwa, weil sie auf ein neues Game umsteigen. (Im Moment steht «The Age of Conan» nach dem Film mit Arnold Schwarzenegger hoch im Kurs, mit 400’0000 Spielern nach drei Monaten.) Eine erstklassige Figur kostet bei Ebay bis zu 1000 Franken – und das deckt nur gerade den Aufwand der Spieler.

Für die meisten jungen Asiaten ist die Goldfarm mehr als ein Weg, Geld zu verdienen: «Sie spielen und arbeiten gleichzeitig», erklärt Heeks in seiner Studie. «World of Warcraft» gilt nicht nur als besonders populär. sondern als schnell süchtigmachend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2008, 22:44 Uhr

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